Stadtwissen66

Neue Politische Ökonomie

In Politikwissenschaft on Juli 8, 2009 at 10:45 pm

Lothar Funk (Hg.) (2008):Anwendungsorientierte Marktwirtschaftslehre und Neue Politische Ökonomie – Wirtschaftspolitische Aspekte von Strukturwandel, Sozialstaat und Arbeitsmarktt. Eckhard Knappe zum 65. Geburtstag. Metropolis. 54,80 €.

Festschriften sind oft nur für Insider lesenswert. Wer den Titel „Anwendungsorientierte Marktwirtschaftslehre und Neue Politische Ökonomie
Wirtschaftspolitische Aspekte von Strukturwandel, Sozialstaat und Arbeitsmarkt“ liest, könnte auch auf diese Idee kommen. Doch weit gefehlt. Lothar Funk hat ein lesenswertes Kompendium zu vielen aktuellen Themen der Sozialen Marktwirtschaft zusammengestellt.

Sowohl zur internationalen Finanzkrise 2008 als auch zur Marktwirtschaft, zur Reform des Gesundheitswesens und zu Demographie und Rentensicherheit liefert der Sammelband zum 65. Geburtstag des Trierer Ökonomen Eckhard Knappe präzise Analysen. Was Wolgang Filc in seiner Analyse außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte über US-Leistungsbilanzdefizite, den damit zusammenhängenden „Tanz auf dem Vulkan“ (239), das Crash-Szenario für die Weltwirtschaft (225) und die Notwendigkeit globaler Kooperation zwischen Geber- und Nehmerländern schreibt, ist brillant analysiert. Allerdings war Filc bei der Abfassung wenige Monate vor Beginn der Finanzmarktkrise noch zu optimistisch. Es bedürfe „keiner plötzlichen Kehrtwende“ (239), meinte er damals. „Vielmehr ist Gradualismus gefordert“. Dagegen ist das Alternativ-Szenario „Crash“ und “Desaster“ (239) tatsächlich eingetreten. Mit der Finanzkrise steht auch die Marktwirtschaft auf dem Prüfstand. Auch die von Knappe vertretenen Positionen der „neuen Politischen Ökonomie“ mit stärkerem Wettbewerb und mehr Eigenvorsorge werden in Frage gestellt. Das ändert nichts am Tatbestand, dass sowohl der ökonomische als auch der demographische Wandel die Wohlfahrtsstaaten vor große Herausforderungen stellen, wie Werner Sesselmeier feststellt (163). Er plädiert für eine Neuausrichtung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen „im Sinne einer nachhaltigen Sozialpolitik“ (183). Auch die Gesundheitspolitik, ein Schwerpunkt Knappes, wird ausführlich diskutiert. Das „Knappe-Modell Pauschalprämie in der Krankenversicherung – Ein Weg zu mehr Effizienz und mehr Gerechtigkeit“ habe in Politik und Wissenschaft breiten Widerhall gefunden, stellen Neubauer und Beivers fest (372). Mit Mindest- und Kombilöhnen, der Tarifpolitik der Gewerkschaften, nachhaltiger Umweltpolitik, volkswirtschaftlichen Effekten des gegenwärtigen Bildungssystems und der Einordnung der Marktwirtschaft in europäische und internationale Politikfelder werden in der Festschrift weitere aktuelle Themen fundiert analysiert.

Gemeinsamer Nenner ist die Erkenntnis, dass Deutschland trotz großer (potenzieller) Stärken eine Reformlücke in der Wirtschafts- und Sozialpolitik hat. Gesamtwirtschaftlich zeigt sich ein solches Defizit in erster Linie in Form von dauerhaft hoher Arbeitslosigkeit und einem Hinterherhinken des Trendwachstums der Wirtschaft. Werden die zugrunde liegenden Ursachen bekämpft, so Professor Knappes Credo seit vielen Jahren, so mildern sich – zumindest mittelfristig – auch diese Symptome institutioneller Fehlsteuerungen.

Der Jubilar wird sich über das Ergebnis freuen. Das ist ein richtig flüssig lesbares Wissenschaftsbuch geworden. Was man bei weitem nicht von allen Wissenschaftsbüchern behaupten kann…

AK

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