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Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft

In Politikwissenschaft on September 25, 2026 at 12:22 pm

Fiona Sironic

»Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft«.

Hamburg: Ecco Verlag 2023

rezensiert von Sigrid König (2026)

Nein, dies ist kein Aufruf zur Anarchie und auch keine Verharmlosung von Brandstiftungen. Dies ist eine Buchkritik, die sich mit einem spektakulär politischen Roman auseinandersetzt. Der trägt den sprechenden Titel »Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft«.

Es ist ein fulminantes dystopisches Buch – und leider so realistisch.

Es brennt. In den Wäldern und auf den Screens. Die 15-jährige Era lebt mit ihrer Mutter am Waldrand und versucht dem schleichenden Prozess der Zerstörung etwas entgegenzusetzen, indem sie das Aussterben der Vögel dokumentiert. Das ist die Ausgangslage.

Oder um es mit den Worten der Jury des Deutschen Buchpreises zu sagen:

»Fiona Sironic erzählt in ihrem Debüt von einer Jugend, die im Gefühl lebt, wenig Zeit zu haben. Die Arten sterben, die Natur glüht, das Internet gibt Takte der Kommunikation vor. Die Mädchen, deren Liebesgeschichte den Roman bewegt, leben im doppelten Aufstand: gegen die Verwüstung der Welt durch ökologischen Raubbau und durch „Mommyinfluencerinnen“. Ihre Wut gilt beidem, der nächsten Zukunft und der Vereinnahmung ihres Alltags durch soziale Medien. Unruhig, einfallsreich, konfliktfreudig und komisch hält uns dieses Buch durch seine Geistesgegenwart bis zur letzten Seite in Atem.«

Mich hat schon lange kein Buch mehr so bewegt wie dieses.

Während die Welt heißer wird und brennt, versucht sie, wenigstens ihre Spuren festzuhalten. Maja, die Tochter zweier Momfluencerinnen, reagiert anders: Gemeinsam mit ihrer Schwester Merle sprengt sie Festplatten auf einer Lichtung. Sie will die Bilder und Daten einer Kindheit vernichten, die längst anderen gehört.

Darin liegt eine der stärksten Ideen dieses Romans. Die Zerstörung des Waldes und die digitale Preisgabe des Privaten sind keine getrennten Themen. Beides handelt von Verlust: von Lebensräumen, Rückzugsmöglichkeiten, Erinnerungen und dem Recht, nicht dauernd sichtbar und verwertbar zu sein.

Era und Maja verbindet ihre Suche nach Nähe und nach etwas, das nicht als Content endet. Ihre Liebesgeschichte steht unter dem Zeichen der bedrohten Natur, ohne zur bloßen Metapher zu werden. Während die Turteltaube ausstirbt und ein Waldbrand den vertrauten Ort der Mädchen vernichtet, entsteht zwischen ihnen eine vorsichtige, intensive Beziehung. Doch ein Happy End gibt es nicht. Ohne zu spoilern, kann ich dies verraten.

Wie soll man auch in dieser Welt mit ihren Katastropen ein Happy End erfinden?

Sironic findet für diese Welt eine Sprache, die schnell, genau und überraschend komisch ist. Sie kann poetisch werden, sie beschreibt digitale und ökologische Zumutungen, Der Roman hat Tempo, aber auch Sinn für Details: für Körper, Hitze, Rauch, Bilder, Geräusche und die seltsame Gewalt des Internets.

Die Brüche, Perspektivwechsel und Verdichtungen folgen einer Gegenwart, die nicht mehr linear erlebt wird. Das wirkt chaotisch wie die Welt um uns. Streams, Notizen, Katastrophennachrichten, familiäre Konflikte und Liebesgeschichte laufen ineinander. Daraus entsteht trotz allem ein präzises Bild einer Jugend, die viel weiß und zu wenig verändern kann.

Veit Selks Demokratiedämmerung – ein Weckruf

In Politikwissenschaft on Juli 8, 2026 at 10:41 am

Veit Selk

Demokratiedämmerung

Eine Kritik der Demokratietheorie

Berlin: Suhrkamp

suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2417

 

Eine Rezension von Sigrid König

Veith Selks »Demokratiedämmerung – Eine Kritik der Demokratietheorie« ist eine radikale Intervention in die Debatte über die Krise der liberalen Demokratie. Sie ist alarmierend, und sie trifft weitgehend zu. Der Politikwissenschaftler diagnostiziert in seiner Habilitationsschrift institutionelle Schwächen, populistische Angriffe und einen vorübergehenden Vertrauensverlust. Seine weitergehende These lautet: Demokratische Selbstregierung verliere unter den Bedingungen fortgeschrittener Gesellschaften dauerhaft an Plausibilität und Leistungsfähigkeit. Der Niedergang sei eine Folge gesellschaftlicher Fortentwicklung.
Selk analysiert zahlreiche Symptome demokratischer Überforderung: politische Komplexität, soziale Ungleichheit, die Macht nichtgewählter Akteure, geringe Zurechenbarkeit politischer Entscheidungen und die wachsende Kluft zwischen formaler Gleichheit und ungleicher realer Beteiligung.
Das ist der große, provokante und intellektuell ambitionierte Zugriff dieses Buches: Die Fortentwicklung der modernen Gesellschaft selbst erzeuge entdemokratisierende Wirkungen. Politisierung, soziale und institutionelle Differenzierung, wachsende Komplexität, ungleiche Verteilung politischer Kompetenz und das Ende des demokratischen Kapitalismus bildeten, so Selk, eine Konstellation, in der demokratische Selbstregierung zunehmend unwahrscheinlich werde. Der Fortschritt, der lange als Verbündeter der Demokratie galt, verwandelt sich bei ihm in deren Totengräber.
Diese Diagnose hat Wucht. Sie trifft auf Erfahrungen, die viele Leserinnen und Leser teilen dürften: Politik erscheint unübersichtlich, Verantwortlichkeiten verschwimmen zwischen Regierungen, Verwaltungen, Gerichten, Märkten, supranationalen Institutionen und Plattformen. Demokratische Verfahren wirken langsam, während Krisen schnelle Entscheidungen verlangen. Soziale Ungleichheit beschädigt die Vorstellung gleicher politischer Teilhabe. Populistische Bewegungen profitieren von dieser Lage, ohne eine überzeugende Antwort auf ihre Ursachen zu geben.
Überzeugend ist auch Selks Kritik an den gängigen Ersatzmodellen. Populismus, Expertokratie und partizipative Governance erscheinen bei ihm nicht als Lösungen, sondern als unterschiedliche Reaktionen auf demokratische Defizite. Der Populismus vereinfacht Pluralität zur Fiktion eines einheitlichen Volkes; Expertokratie relativiert politische Gleichheit zugunsten sachlicher Kompetenz; partizipative Verfahren können unter Bedingungen sozialer Ungleichheit diejenigen privilegieren, die Zeit, Bildung, Netzwerke und institutionelle Sicherheit besitzen.
Überzeugend ist ebenfalls, dass Selk die „Bruchstellen der Demokratie“ (Selk, 83) nicht als bloße Betriebsunfälle behandelt. Zu lange, so seine plausible Kritik, wurden soziale Ungleichheit, politische Exklusion, die asymmetrische Verteilung von Zeit, Bildung und Einfluss sowie die begrenzte Fähigkeit demokratischer Institutionen, hochkomplexe Probleme zu bearbeiten, unter Schlagworten wie Krise, Reformbedarf oder Resilienz abgelegt.
Schlüssig ist ferner seine Feststellung, dass „sowohl das sozialdemokratische als auch das neoliberale Modell des demokratischen Kapitalismus in der Krise“ seien (S. 15). Das sozialdemokratische Modell verlor mit der Erosion stabiler Arbeitsverhältnisse, gewerkschaftlicher Milieus und finanzierbarer Ausbauperspektiven an Grundlage. Das neoliberale Modell wiederum hat Ungleichheit, Privatisierung, politische Entmachtung und eine Schwächung öffentlicher Güter nicht nur hingenommen, sondern vielfach verschärft. Beiden Modellen fehlt damit die Fähigkeit, ökonomische Dynamik, soziale Sicherheit und politische Gleichheit dauerhaft miteinander zu verbinden.
Auch Selks Deutung des Populismus als „retrograde Revolte“ überzeugt (S. 92). Der Populismus reagiert auf reale Erfahrungen von Kontrollverlust, Repräsentationslücken und sozialer Missachtung. Seine Antwort bleibt jedoch rückwärtsgewandt: Er verspricht die Wiederherstellung einer homogenen politischen Gemeinschaft, personalisiert komplexe Konflikte und ersetzt demokratische Vermittlung durch die Fiktion eines unmittelbar erkennbaren Volkswillens. Gerade darin liegt seine vermeintliche Attraktivität – und seine demokratiepolitische Gefahr.
Fraglich wird Selks Argument dort, wo aus der berechtigten Kritik an der Machtlosigkeit der Demokratietheorie eine weitreichende historische Enddiagnose wird. Dass die Wissenschaft die Komplexität moderner Gesellschaften bislang unzureichend verarbeitet hat, beweist noch nicht, dass demokratische Selbstregierung prinzipiell unmöglich geworden ist. Die begriffliche und institutionelle Überforderung kann ebenso ein Arbeitsauftrag sein: für eine Politikwissenschaft, die Machtverhältnisse, digitale Öffentlichkeiten, transnationale Abhängigkeiten, ökologische Grenzen und soziale Ungleichheit systematischer verbindet, statt sie als Einzelfelder zu behandeln.
Selk bündelt sehr unterschiedliche Phänomene zu einer Logik der „Devolution“. Das macht seine Diagnose geschlossen, birgt aber die Gefahr, politische Kontingenz zu unterschätzen. Ungleichheit, kommunale Schwäche, der Einfluss digitaler Plattformen oder die Aushöhlung öffentlicher Infrastruktur sind nicht nur Folgen abstrakter Modernisierung. Sie sind Resultate konkreter politischer Entscheidungen: Deregulierung, Sparpolitik, Privatisierung, unterlassene Medienregulierung und die Verschiebung von Risiken auf Einzelne. Was politisch entschieden wurde, kann – zumindest teilweise – auch politisch korrigiert werden.
Zudem droht Selks Perspektive die demokratischen Gegenkräfte zu klein zu schreiben. Die Ausweitung rechtlicher Gleichheit, die Sichtbarkeit von Diskriminierung, neue soziale Bewegungen, kommunale Initiativen und transnationale Formen zivilgesellschaftlicher Organisation widerlegen die Krisendiagnose nicht. Sie zeigen aber, dass Modernisierung nicht nur Entdemokratisierung hervorbringt. Sie schafft auch neue Ansprüche auf Teilhabe, Anerkennung und Kontrolle.
Selks Pessimismus bleibt dennoch notwendig, weil er die bequeme Rede von der demokratischen „Resilienz“ stört.
Demokratiedämmerung ist deshalb als Kritik einer zu selbstgewissen Demokratietheorie besonders überzeugend. Weniger überzeugend ist das Buch dort, wo es aus der Schwäche gegenwärtiger Demokratie und ihrer Wissenschaft bereits deren historische Erledigung ableitet.

(2026)

„Freiheitsschock“ polarisiert – eine erfrischend offene Analyse

In Politikwissenschaft on April 13, 2026 at 10:18 pm

Ilko Sascha Kowalczuk

Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute.

München: C.H. Beck 2024

978 3 406 82213 1

Keiner polarisiert so wie Ilko-Sascha Kowalczuk. Altlinke und DDR-Nostalgiker, sehr rechtsgerichtete Journalisten der Zürcher Weltwoche und die Berliner Zeitung mit ihrem sehr eigenen antiliberalen und mutmaßlich Stasi-belasteten Eigentümer Holger Friedrich, Neo-Ostler und erzkonservative CDUler hassen ihn für seine Analysen zur DDR. Das lassen sie ihn nicht nur in Zeitungsartikeln und Debatten spüren, sondern auch und vor allem in den Sozialen Medien. Dort sind die Attacken besonders heftig. Kowalczuk seinerseits reagiert mit langen kritischen Repliken.

Fakt ist: Der Historiker Kowalczuk provoziert mit pointierten Geschichtserzählungen.

Dabei sind die sehr politischen Analysen des engagierten Historikers Kowalczuk brillant und richtig. Genau deshalb eckt er ja an. Dafür sorgen Feststellungen wie diese: „Bis heute hält sich selbst in unverdächtigen Kreisen die Annahme, die DDR sei ein Friedensstaat und die NATO ein Angriffsbündnis gewesen. Im Osten dürfte diese Annahme mehrheitsfähig sein. Das hat nichts mit Fakten zu tun. Das sind Gefühlslagen. Und die sind irrational, also nicht wirklich erklärbar. Ich jedenfalls bin froh, dass der Osten 1990 in der Frage der NATO einfach zur Seite gedrückt wurde mit seinen ‚Gefühlen‘. Die NATO-Osterweiterung war die wichtigste Maßnahme, um Polen oder dem Baltikum Sicherheit zu garantieren. Die Forderung, die Ukraine in die NATO aufzunehmen, scheiterte 2008 nicht nur an fehlenden Voraussetzungen, sondern unter anderen auch an einer Ostdeutschen. Die Kommunisten deklarierten die SED zur Partei des Friedens. Frieden und Antifaschismus waren in ihrem Hoheitsgebiet nur in der kommunistischen Interpretation zu haben – jeder Widerspruch stempelte einen zum Kriegsfreund und Faschisten ab.“

Kowalczuks Kernthese

Kowalczuk beschreibt in Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute den Übergang von der DDR-Diktatur zur Demokratie als massiven Schock für viele Ostdeutsche. Damit stellt er sich gegen Nostalgiker wie Dirk Oschmann, der „den Osten“ zu einer „Erfindung des Westens“ machen möchte, oder Jana Hensel (Zonenkind).

Da ist ein Riss im Land. Und er wird immer tiefer. Daran ist nicht in erster Linie „Der Westen“ schuld, der gar nicht weiß, wie tief der Hass im Osten ist.

Längst hat sich eine Mentalität der Selbstgerechtigkeit und des Jammers über nicht anerkannte Biografien breitgemacht, als ob es nicht gigantische Opfer auch des Westens und der „BRDler“ gegeben hätte – und Milliardenfinanztransformationen. So erklärt sich der Zorn des Westens auf den „undankbaren Osten“.

Die Lage ist also durchaus schwierig.

Einstige SEDler oder Blockparteiler, die sich längst angepasst haben, die Wagenknecht wählen oder AfD, mögen dies vermutlich nicht lesen. Sie kultivieren laut Kowalczuk ihren Zorn auf ein neues System, das ihnen anders als erwartet keine Vollbetreuung durch „Helmut“ [Kohl] oder den Staat beschert hat. Die Folge sind Hass und Frust und DDR-Ostalgie. Freiheit sei eben keine Erlösung, sondern eine Zumutung: Statt eigenverantwortlicher Partizipation sehnten sich viele nach autoritärer Fürsorge, sei es von Helmut Kohl, der PDS oder heute AfD und BSW. Seine Analyse entlarvt Mythen wie die „friedliche DDR“ oder die breite Beteiligung an der Revolution 1989 – tatsächlich habe eine kleine Minderheit die Mauer umgeworfen, während die Mehrheit zuschaute und „hinter der Gardine“ blieb.

Wie Ines Geipel, die streitbare Literaturprofessorin und einstige Leichtathletik-Weltrekordlerin, die ich sehr schätze, legt auch Ilko-Sascha Kowalczuk den Finger in die Wunden. Und davon gibt es sehr viele. Freiheitsschock benennt sie. Das ist gut so.

Positive Echos in taz und Lausitzer Rundschau

Die taz lobt Kowalczuks Widerborstigkeit als erfrischend gegen „irrlichternden Kitsch“ und gegen um sich greifende Ostalgie.

Ich glaube nicht, dass der Historiker die soziale Dimension der Transformation vernachlässigt und damit vereinfacht. So habe ich sein Buch nicht gelesen. Und Fakt ist auch dies: Ins Bergfreie ist niemand gefallen. Die volle Anerkennung der Ostzeiten für die Rente wird im Westen durchaus kritisch gesehen. In diesen Diskussionen geht es dann um Gerechtigkeit und manchmal auch um ausbleibende Dankbarkeit. Das gilt umso mehr für den Verrat an der Demokratie, den wir etwa in Sachsen -Anhalt erleben, wo absurderweise ausgerechnet die AfD Oberwasser gewonnen hat.

Ja, das Buch „Freiheitsschock“ ist provokant. Aber Kowalczuks Appell ans selbstständige Denken ist auch dringend notwendig in einer Zeit der verlogenen DDR-Nostalgie. Seine Attacken gegen AfD und Wagenknecht sind berechtigt und notwendig.

Der Zorn des kritischen Historikers auf DDR-Verklärung ist nachvollziehbar. Die Brillanz in seiner Zerlegung von Lebenslügen ist faszinierend. Und dass er sich entschieden gegen Rassismus positioniert, ist extrem wichtig.

Scharfe Kritik in Weltwoche und Berliner Zeitung

Es überrascht nicht, dass die extrem rechte Weltwoche aus der Schweiz, die so oft auf Russland-Linie liegt und gern radikale Willkür-Analysen serviert, Kowalczuk als „Geschichtsrevisionisten“ diffamiert. Man ist in dieser Schweizer Postille gern alternativ verschwörungstheoretisch aktiv. Oft denke ich: Wir müssen in unterschiedlichen Welten leben.

Dennoch muss man diese zuweilen „neonazistischen Attitüden“ und die pure Polemik eines Putin-Fans wie Christoph Mörgeli ernst nehmen, weil sie Wirkungstreffer erzielen – und weil es nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschlands Osten genügend Menschen gibt, die so denken wie die Propagandisten der Weltwoche.

Kowalczuks Erzfeindin ist die Berliner Zeitung. Da werden alte Rechnungen beglichen, die mit der Stasi-Vergagenheit des Zeitungseigners Holger Friedrich zusammenhängen. Kowalczuk gehörte zu denen, die Friedrich entlarvt und seinen Zeitungskauf scharf kritisiert haben.

Bei jeder Gelegenheit schlägt die Berliner Zeitung, die er „Berlinske Prawda“ nennt, nun zurück. Sie will den „Freiheitsschock“-Autor zum „Ossi-Flüsterer der Grünen“ und „Trittbrettfahrer“ machen, was ein völliger Unsinn ist. Es ist eine böswillige Kritik, die Fakten ignoriert und stattdessen auf persönliche Angriffe setzt. Solche Attacken beweisen Kowalczuks Relevanz.

Stärken und Schwächen des Buches

Kowalczuks Stärke liegt in der pointierten Entlarvung antifreiheitlicher Ressentiments und nsotalgischer Verharmlsoung: Er kontrastiert den liberalen Freiheitsbegriff mit dem Geschichtsrevisionismus der Ostalgiker und warnt vor AfD/BSW als Putin-Gefolgsleuten.

Dieser kompakte Essay ist ein Weckruf gegen Geschichtsvergessenheit und für aktive Demokratie.

Dr. Armin König

Politisch handeln unter Risiko

In Politikwissenschaft on Januar 8, 2026 at 2:56 pm

Aktualisierte Rezension (2026)
Herfried Münkler / Matthias Bohlender / Sabine Meurer (Hg.): Handeln unter Risiko – Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge. Bielefeld: transcript. ISBN 978-3-8376-1228-8.

„Handeln unter Risiko“ erschien wenige Wochen vor der Katastrophe von Fukushima, die sich am 11. März 2011 in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Damals war der Band ein Beitrag zum theoretischen Diskurs über Sicherheit, Vorsorge und Wagnis in modernen Gesellschaften. Heute, im Jahr 2026, lässt er sich auch als historische Momentaufnahme lesen – als Diagnose einer Welt an der Schwelle zur permanenten Krisenerfahrung.

Was Wolfgang Bonß in seinem Beitrag als „(Un)Sicherheit als Problem der Moderne“ beschreibt, hat sich in den Jahren nach Fukushima vielfach bestätigt: Die Versprechen technischer Beherrschbarkeit haben sich als Illusion erwiesen. Tschernobyl und Fukushima waren die paradigmatischen Orte dieser Erkenntnis. Doch seitdem sind neue Risikotopografien hinzugekommen – Pandemien, Cyberangriffe, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, Energie- und Klimakrisen. Sie alle verdeutlichen, dass sich die Relation von Risiko und Sicherheit in der globalisierten Moderne nicht mehr stabilisieren lässt.

Die Herausgeber – Herfried Münkler, Matthias Bohlender und Sabine Meurer – haben schon damals das Spannungsverhältnis von Prävention und Nachsorge betont. Ihr Befund gilt unvermindert: Das Präventionsprinzip dominiert, das nachsorgende Prinzip ist diskreditiert. Doch gerade der Verlauf der COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie notwendig gesellschaftliche Resilienz und Nachsorgekapazität sind, wenn Prävention versagt oder an strukturelle Grenzen stößt. Das Konzept des „nachsorgenden Prinzips“ erscheint heute aktueller denn je: als realistische Antwort auf die Unvermeidlichkeit des Risikoeintritts.

Die Beiträge des Bandes wirken aus heutiger Sicht erstaunlich vorausschauend: Sie reichen von Herfried Münklers Überlegungen zu „Sicherheit und Freiheit“ über Ortwin Renns und Marion Dreyers Konzepte der Risk Governance bis zu Harald Welzers „Ökologie des Krieges“ und Heike Kriegers völkerrechtlichen Reflexionen zu einer neuen Sicherheitsarchitektur. Fast prophetisch mutet an, dass Leon Hempel und Michael Carius schon 2011 die innere Sicherheit im „transnationalen Großraum der Europäischen Union“ analysierten – zu einem Zeitpunkt, als man Migrationsdruck, Pandemie-Management oder hybride Bedrohungen noch nicht als sicherheitspolitische Schlüsselthemen begriff.

Auch Friedbert W. Rübs Diagnose der „permanenten Transformation“ des Wohlfahrtsstaats liest sich heute in einem anderen Licht: soziale Unsicherheit und Prekarisierung haben sich seitdem nicht aufgelöst, sondern sind struktureller Bestandteil westlicher Gesellschaften geworden. Rübs These, dass die „Krise“ selbst zur Normalform des Wohlfahrtsstaates geworden ist, hat sich als erschreckend robust erwiesen.

In der Rückschau erscheint Münklers Sammelband wie ein Frühwarnsystem einer Gesellschaft, die an die Dauerpräsenz von Krisen gewöhnt werden sollte. Der homo oeconomicus, dessen Sicherheitsglaube Bonß so präzise seziert, steht heute in Gestalt datengetriebener Kontrollsysteme und algorithmischer Risikoabschätzungen erneut im Zentrum der gesellschaftlichen Steuerung. Die Controller haben das Zepter nicht abgegeben – sie haben es digitalisiert.

„Handeln unter Risiko“ ist damit kein zeitgebundenes Produkt der Nach-Fukushima-Jahre, sondern ein Schlüsselwerk zur Selbstreflexion spätmoderner Gesellschaften geblieben. Es fragt nach den Grenzen von Kontrolle und nach der Zumutbarkeit des Wagnisses – und verweist damit auf eine Einsicht, die 2026 aktueller ist denn je: Sicherheit ist kein Zustand, sondern eine Erzählung, die immer wieder neu ausgehandelt werden muss.

Dr. Armin König