Bednarz, Klaus (2009): Ferne und Nähe Aus meinem Journalistenleben. Reinbek: Rowohlt.
„Heute Mittag kam ein Anruf von Freunden. Tatjana Welikanowa ist verhaftet. Ich bin nach Hause gegangen und habe geweint.“ (188) Es sind Sätze wie diese, die andeuten, wie sensibel Klaus Bednarz mit Sprache und hochpolitischen Themen umgehen kann – ein Mann, der wie nur wenige andere den deutschen Fernseh- und Nachrichten-Journalismus geprägt hat, vergleichbar mit Hansjoachim Friedrichs oder Gerd Ruge. Der Bednarz? Der mit scharfen Monitor- und Tagesthemen-Kommentaren Spitzenpolitiker zur Weißglut getrieben hat? Genau der kann sehr empfindsam sein.
Bednarz hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. Den ersten Text schrieb er für „Die Glocke“ in Oelde, ein Blatt, das damals zu den besten deutschen Regionalzeitungen gehörte. So sagte es jedenfalls Bertram von Hobe, unser Chef vom Dienst und „Volontärs-Vater“. Ja, die gab es damals noch, die „Volontärsväter“ – 1981.
Die besten Fernsehjournalisten haben bei Zeitungen begonnen- Bednarz gehört auch dazu.
Wir kennen ihn als unbestechlichen Aufklärer und Mahner, als Meister des politischen Floretts, der kein Blatt vor den Mund nahm. Er ist, wie er selbst schreibt, ein Märchenfreund, ein wunderbarer Erzähler, der zum Lesen verführen kann mit Geschichten vom Baikalsee, von Masuren, Sibiren (Taigamarsch, Am kältesten Punkt der Erde), von Feuerland und Patagonien. Und vom vergangenen Kontinent Kindheit: „Zwei Höhepunkte gab es am Tag. Wenn die Mutter den kleinen Bruder gefüttert hatte und ich den restlichen Brei aus seinem Gesicht lecken durfte. Und wenn der Großvater am Abend ein Buch aus dem riesigen Regal zog und ich mich unter seinem Schreibtisch in meine Höhle verkriechen konnte.“
Das muss ihn geprägt haben. Was das alles in der Rubrik „Politbuch “ zu suchen hat?
Eine ganze Menge. Seine Beiträge über die Deutschen und ihre Nachbarn im Osten, seine Gespräche mit Lew Kopelew und Heinrich Böll, mit Pavel Kohout und Sarah Kirsch und Georg Lukács sind ein Stück politisch-literarische Zeitgeschichte. Wenn er über die Helsinki-Gruppe um Andrej Sacharow und Jelena Bonner schreibt, über 50 Jahre Stalingrad, über Polen , dann ist er hochpolitisch. Und man erinnert sich an Jacek Kurón, Adam Michnik, Václav Havel und viele andere.
Auch ethisch-moralische Themen lagen ihm. Die fand er im eigenen Land, im eigenen Metier.
„Die Schuld der Journalisten“ beschrieb schon 1988, wie Journalismus durch Geld korrumpiert wird. „Die Jagd nach Auflagen und Einschaltquoten lässt die Inhalte sekundär werden, die Frage nach der Verantwortung im Umgang mit Orten und Bildern zur lästigen Reminiszenz an längst vergangene Zeiten verkommen“. (322)
Das war hellsichtig von Bednarz. Heute ist dies Alltag.
Wenn er in Zusammenhang mit Rassismus 1993 „von jenen journalistischen Kriminellen“ spricht, „denen zur Auflagen- und Einschaltquotensteigerung buchstäblich jedes Mittel recht ist“, dann belegt dies allerdings auch die Wortmächtigkeit des großen Bednarz, der auch die große Keule schwingen konnte. Heute lässt er es ruhiger angehen.
„Ferne und Nähe“ ist ein „Appetizer“, der Lust auf längere Bednarz-Texte macht. Man liest ihn gern, den Herrn. Und man verschenkt ihn gern. Deshalb mein Tipp:
Dieses „Best of Bednarz“-Buch ist ein ideales Geschenk für alle, die in den 1970er und 80er Jahre ihre politische Sozialisation erlebt haben und mit Bednarz und Monitor groß geworden sind. Es ist aber auch eine Anregung für alle Jung-Journalisten, die lernen können, wie fundiert man das Handwerk des Schreibens und des politischen Filmens betreiben kann.
Seine literarischen Streifzüge haben mir nicht minder gefallen.
Hut ab, Klaus Bednarz. Ich bin beeindruckt.