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Weltveränderung im Klimawandel – weil nichts bleibt, wie es ist

In Politikwissenschaft on Januar 12, 2010 at 8:09 pm

Klaus Leggewie / Harald Welzer (2009): Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Frankfurt/Main: S. Fischer.

Turbulenzen wohin man schaut, die Welt, in der wir leben, irritiert. Wir wissen nicht mehr, was gespielt wird. Krisen und Megakrisen, Skandale, Unfälle, aber auch Absurditäten stören den linearen Weltenlauf. Kaum scheint Ruhe eingekehrt, leuchten auf irgendeinem Punkt der digitalen Weltkarte Alarm-LEDs auf. Ständig müssen Modellrechnungen nachreguliert werden, nicht eine Prognose trifft ins Schwarze. Und doch erwecken Wirtschaftswissenschaftler und Fondsmanager, Politiker und Arbeitsmarktstatistiker, Klimaforscher und Demographen den Eindruck , als könnten sie die Entwicklung der nächsten zehn, zwanzig, hundert Jahre vorausdeuten. Jahreswirtschaftsprognosen werden bis zur Dezimalstelle virtuell ausgetüftelt – und erweisen sich zwölf Monate später als Hokuspokus. Es gibt keine Gewissheiten mehr. Einfache Lösungen sind nicht zu haben.

„Weltuntergang? Nein, nicht die Welt gerät aus den Fugen, wie man in letzter Zeit lesen konnte, wohl aber die Strukturen und Institutionen, die der Welt wir sie kannten, Namen und Halt gaben: kapitalistische Märkte, zivilisatorische Normen, autonome Persönlichkeiten, globale Kooperationen und demokratische Prozeduren.“

Das schreiben Cluas Leggewie und Harald Welzer in ihrem Großessay „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“. Es geht um „Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie“. Sicher ist, dass nichts mehr sicher ist und dass wir Vieles nicht mehr verstehen. Es lief doch alles so gut. „Sicher gab es auf dem Weg von Wachstum und Fortschritt Zäsuren und Rückschläge, aber unterm Strich ging es immer weiter aufwärts.“ (9)

Den Titel ihres bereits viel diskutierten populärwissenschaftlichen Groß-Essays haben sich Claus Leggewie und Harald Welzer bei der Popgrupe R.E.M. ausgeliehen. Die Phrase „It’s the end of the world as we know it (and I feel fine)“ ist Ausgangspunkt für eine Beschreibung einer Welt, wie wir sie kannten, die aber bald nicht mehr so sein dürfte: „Märkte expandierten über ihre periodischen Krisen hinweg in eine gefühlte Unendlichkeit, Staaten sicherten die soziale Ordnung und den Weltfrieden, der flexible Mensch verwandelte Naturgefahren per Technik und Organisation in beherrschbare Risiken“ (9). Das funktioniere nicht mehr, sagen die Autoren. Nach ihrer Auffassung stehen Phänomene wie Klimawandel, Ernährungskrisen, Umweltverschmutzung und Ressourcenausbeutung für die Grenzen des Systems. Nationale und internationale Politik sei „auf kurzatmige und illusionäre Reparatursysteme fixiert“ (11), während gleichzeitig irreversible Prozesse vorangetrieben würden. Beispiele seien die Erderwärmung, das Aussterben von Arten und die Rodung von Regenwäldern. Als Gegenentwurf präferieren Leggewie und Welzer eine „Kultur der Achtsamtkeit“ (197), „Verzicht als Gewinn“ (176) und „Demobilisierung“ (119) im Wortsinn. Weil (Auto-)Mobilität „Hauptverursacher von Treibhausgasen“ (182) sei, solle sich die Gesellschaft durch „Mobilitätsvermeidung“ (185), eine neue, dezentralere Arbeitsorganisation, klimafreundlichere Ernährung und energiesparendes Wohnen „in Richtung Nullenergie“ (185) bewegen. Den Wandel zu dieser neuen Alltagskultur und –politik soll eine aktive Bürgergesellschaft als „APO 2.0“ (230) bewirken, die zur Abschaffung einer „Leitkultur der Vergeudung“ (230) beitragen will. Das Buch ist für eine breite, politisch interessierte Leserschaft geschrieben, die animiert wird, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Die Fakten sind gut recherchiert und kompakt dargestellt. Ein Anmerkungsapparat, weiterführende Literaturangaben, ein Personen – und ein Sachregister runden ein meinungsfreudiges Buch ab, das stellenweise zu Bestseller-kompatibler Vereinfachung neigt.

Armin König

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