David Goeßmann:
Die Erfindung der bedrohten Republik
Wie Flüchtlinge und Demokratie entsorgt werden
Verlag: Das Neue Berlin 2019
Eulenspiegel Verlagsgruppe

Es ist eine steile These, die David Goeßmann in seinem Buch „Die Erfindung der bedrohten Republik“ aufstellt: Die deutsche Flüchtlingskrise war eine Medien- und Politikinszenierung auf der Grundlage manipulativer Kommunikation. Die Willkommenskultur ist nach Auffassung des Autors und TV-Produzenten verdrängt worden, indem man die Schutzsuche von Flüchtlingen in Deutschland „zum Jahrhundertproblem transformiert“ habe. In seinem großvolumigen Meinungsmache[r]-Buch mit vielen Quellen- und Literaturangaben behauptet Goeßmann, dass manipulativ von gesellschaftlichen Eliten und Medien inklusive der liberalen Zeitungen und der meisten TV-Medien Krisenstimmung erzeugt worden sei, um eine repressive Flüchtlingsabwehr als alternativlose Politik durchzusetzen. „Die schiere Masse an Krisenberichterstattung und Angstnachrichten war erdrückend und musste verunsichern“ (219), schreibt Goeßmann. „So konnte der Hilfsimpuls der Bürger neutralisiert und entpolitisiert werden, während die Abwehrmaßnahmen ohne Diskussion im politischen Schnellverfahren umgesetzt wurden, wobei die einzige Sorge der Journalisten war, ob die Maßnahmen auch wirklich die Bedrohung bannen würden.“ (21)
Politischer Diskurs setzt immer auf Durchsetzung der eigenen Position, gelegentlich auch auf Kosten der Wahrheit und der Klarheit. Diese Durchsetzung um jeden Preis zieht sich auch durch dieses Buch. Goeßmanns Position ist eine explizit linke. Sie ist unfair gegenüber der Mehrheit der Journalisten, die professionell berichtet und kommentiert haben. Es gehört schon eine sehr selektive Wahrnehmung dazu, um solche tendenziösen Behauptungen mit dieser Selbstsicherheit zu verbreiten. Das gipfelt im Klappentext: „Von der Polit-PR-Show des ‚Willkommenssommers’ 2015 zum ‚Sodom und Gomorrha’ der Kölner Silvesternacht – ihre Orientierungslosigkeit und Hysterie haben die Medien mit der Politik der Bundesregierung gemeinsam.“
Goeßmann nennt die Kölner Ereignisse in einem Interview mit Verdi „mehr oder weniger deutsche Normalität“. Das Kapitel „Kölner Silvesternacht“ spielt denn auch eine zentrale Rolle in der „Erfindung der bedrohten Republik“. Goeßmann sieht Dunkelfeld und Anzeigenbereitschaft „ohne Nachrichtenwert“, wirft den Medien „journalistisches ‚Racial Profiling’ im Dienste der Flüchtlingskrise“ (128 vor und dass es eine Tendenz gebe, die „Täter in einen Sack’ zu stecken“ (144). Er spricht von Generalverdacht erst gegen Nordafrikaner, dann gegen Flüchtlinge allgemein und davon, dass es aus dem Untersuchungsausschuss Kölner Silvesternacht bekannt sei, dass ‚das Potenzial an Belästigungen bis zu extremster Belästigung regelmäßig von Veranstaltungen wie Oktoberfesten oder Junggesellenabschieden ausgehe. Das Phänomen sei eigentlich allen Frauen und Mädchen, die in der Stadt unterwegs sind, bekannt.“ (144)
Goeßmann verfolgt ein argumentatives Ziel: Er will mit seiner 462-seitigen Analyse darstellen, dass „die EU-Abschottungspolitik unter deutscher Führung nicht alternativlos“ (386) ist und dass die Bekämpfung der Fluchtursachen in den Ausgangsländern von zentraler Bedeutung sei, auch für die Demokratie. Es gäbe „Alternativen zur brutalen Abschottung… wie Sand am Meer.“ (387)
Immerhin akzeptiert Goeßmann eine wichtige Feststellung, mit der auch diejenigen zu kämpfen haben, die sich in der Mitte der Gesellschaft für eine humane Migrationspolitik einsetzen: „Die Ängste und Sorgen de Bürger, die in der ‚Krise’ manifest wurden, sollten ernst genommen werden. Sind sie berechtigt, sollten sie adressiert und die Missstände abgebaut werden.“ (387)
Dem kann man ebenso zustimmen wie der Feststellung: „Die Rechte gewinnt, wenn der Gesellschaft die Luft ausgeht“. Das ist richtig. Die Mitte der Gesellschaft, die die Demokratie seit dem Zweiten Weltkrieg prägt, darf nicht verunsichert, sie muss gestärkt werden.
Denn:
„Autoritäre Bewegungen erhalten ihre Kraft aus dem gesellschaftlichen Zentrum und der blockierten Demokratie, ihre Stimmen aus verängstigten und fehlinformierten Bevölkerungen.“
Das Buch hat bei mir einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen.
Es bietet eine große Materialsammlung zum Umgang der Medien mit der „Flüchtlingskrise“. Es ist aber auch im Kern tendenziös und verfolgt politische Absichten.
Dr. Armin König
