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Egomane Kissinger – Staatskunst?

In Politikwissenschaft on August 3, 2022 at 9:16 pm

Es gib viele ernst zu nehmende Kritiker und Publizisten, die Henry Kissinger für einen der verantwortungslosesten Außenminister halten, den es in demokratischen Staaten je gegeben hat. Christopher Hitchens (The Trail of Henry Kissinger; dt. Die Akte Kissinger), Greg Grandin („Kissingers langer Schatten“) haben ihn entzaubert und seine Untaten auf vielen Seiten beschrieben, Interviewer fragen offen, ob man Kissinger einen Kriegsverbrecher nennen dürfe.

Andererseits wird er von Vertretern eines macchiavellistischen Weltbildes bewundert.

Er bewundert seinerseits Politiker, die autoritär bis autokratisch führen und hasst Verweichlichung und diplomatische Nachgiebigkeit.

Jetzt hat der greise Kissinger wieder ein dickes Buch geschrieben, bei dem es angeblich um „Staatskunst“ geht, vielleicht auch um sechs „Leader“, die fast alle umstritten sind, vor allem aber um Kissingers Sicht der Welt.

Er ist der Mann, der Atomkriege führbar machen wollte („Kernwaffen und auswärtige Politik“).

Er ist der Mann, der den Massenmörder Pinochet in Chile unterstützt hat.

Er ist der Mann, der mit politischen „Ungeheuern“ dealte.

Kissinger hat Amerika auf den Pfad des ewigen Krieges geführt und bekam den Friedensnobelpreis.

Man muss ihn wirklich nicht bewundern. Und man muss auch das Buch nicht lesen, in dem er Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, Richard Nixon, Anwar el-Sadat, Lee Kuan Yew und Margaret Thatcher für ihre „Leadership“ hoch leben lässt.

„Dass alle sechs autoritäre, gar autokratische Züge aufwiesen und besonders Nixon, Lee oder auch Thatcher in ihren Regierungszeiten hochumstritten waren und spalterisch wirkten, gehört wohl zum Merkmal des Außergewöhnlichen“. (Stefan Kornelius, Süddetusche Zeitung).

Man kann die 608 Seiten aber auch lesen, um Amerika oder einen Teil Amerikas zu verstehen – und die zum Teil erratische Außenpolitik.

Solche Bücher werden Bestseller – ob zu Recht, sei dahingestellt.

Ins Regal.

Wer all dies einordnen möchte, sollte allerdings noch ein zweites Buch lesen, das zwar schon zwei Jahre alt, aber immer noch aktuell ist: Die Kissinger-Biografie von

Bernd Greiner: Henry Kissinger: Wächter des Imperiums.

Ein phänomenales Buch, das sich wie ein Krimi liest.

„Es ist viel mehr als eine exzellente Biografie, es bietet eine Darstellung der Grundzüge und Idiotien amerikanischer Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, sinnfällig gemacht anhand des Gespanns Nixon und Kissinger.“

(Süddeutsche Zeitung, Franziska Augstein)

Und Marie-Janine Calic kritisiert:

„Wer dieses Buch gelesen hat, versteht, auf welchen Ideen das Leitbild von „America first“ fußt – und warum es mit kluger, vorausschauender Weltordnungspolitik unvereinbar ist.“

Dr. Armin König

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