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Toscani feige

In Politikwissenschaft on August 22, 2025 at 11:58 pm

König attackiert CDU-Landeschef Toscani: „Feigling und politischer Dünnbrettbohrer“

Der frühere Illinger Bürgermeister Armin König hält den Rechtsruck des CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzenden Stephan Toscani für falsch. „Es ist politisch unklug, durch Rechtsruck und Entmerkelung der CDU Teile der Mitte vor den Kopf zu stoßen, nur um AfD-Wähler zurückzugewinnen. Das ist eine Sackgasse. Damit ist Toscani wie viele Rechtsruck-CDUler auf dem Holzweg“, so König, der 47 Jahre lang Mitglied der Partei war.

Der langjährige Christdemokrat (1974 bis 2021) spart nicht mit harten Worten: „Toscani ist ein Feigling. Als er im Glanz Angela Merkels Karriere machte, hat er kein Wort der Kritik gefunden. Jetzt bedient er AfD-Narrative und spielt das Spiel rechter Springer-Medien.“

Hintergrund: Toscani hatte in einem Gastbeitrag für die Welt vor einem „Kurs der Mitte“ unter CDU-Chef Friedrich Merz gewarnt. Er schrieb:

„Werden die mit Friedrich Merz verbundenen Hoffnungen auf ein Ende der sogenannten ‚Merkelisierung‘ der CDU und auf eine Rückbesinnung zu klassischen CDU-Positionen enttäuscht werden? Die Erwartungen vieler Mitglieder unserer Partei waren klar: Nur mit einem wieder geschärften konservativ-bürgerlichen Profil wird es der CDU gelingen, einstige Stammwählerinnen und -wähler zurückzugewinnen und den Höhenflug der AfD zu beenden. Dies ist nicht nur ein wahlstrategisches Gebot der Union, es ist auch ganz und gar der Imperativ unserer staatspolitischen Verantwortung.“

König, der die Partei 2021 verließ, nennt das „großen Unsinn“: „Das ist rüde, geschichtsvergessen und eine Beleidigung der politischen Mitte. Millionen Bundesbürger haben Merkel ja gerade wegen ihrer unideologischen Politik der Mitte gewählt. Sie hat dafür gesorgt, dass die CDU Volkspartei geblieben ist, als andere längst mit Abwanderungen zu kämpfen hatten.“

Zugleich wirft er Toscani vor, Fake News zu verbreiten und die Atmosphäre unter Demokraten zu vergiften: „Diese Nestbeschmutzung reiht sich ein in die skandalösen Connections von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner mit dem ultrarechten Milliardär Frank Gotthardt, der das Krawallportal Nius fördert. Die CDU ist auf einem brandgefährlichen Irrweg.“

Auch Toscanis Arbeit im Saarland attackiert König scharf: „Trotz der Schwächen der Landesregierung bringt er keine Alternative zustande. Als Partei- und Fraktionschef ist Toscani ein ziemlicher Ausfall.

Armin König

Pressemeldung vom 22. August 2025

Glossar der Gegenwart 2.0 – eine Mogelpackung

In Politikwissenschaft on August 18, 2025 at 6:10 am

Eine Rezension von Dr. Armin König

Das ist also das neue Glossar der Gegenwart 2.0, auf das viele (vielleicht) gewartet haben:

neue Farbe (orange statt grün) gegenüber der Erstausgabe von 2004, mehr Seiten (418 statt 320), höherer Preis (24,80 Euro) – und weniger Begriffe. Viele sind neu und tatsächlich sehr aktuell und geläufig.

Achtsamkeit, Algorithmus, Care, Digitalisierung, Hass … das sind alles Trendbegriffe. Und sie bezeichnen eine neue Epoche. Zahlreiche Kritiker haben die Auswahl der Lemmata und ihre Erläuterungen wohlwollend besprochen. 

Aber eine Mogelpackung ist es trotzdem.

Warum das so ist, will ich hier analysieren: 

Glossar der Gegenwart 2.0 – eine Mogelpackung

Das neue Glossar der Gegenwart 2.0 wird beworben als ein fälliges Update eines kleinen soziologischen Klassikers. Auf den zweiten Blick wirkt es auf mich als Mogelpackung. Mehr Seiten zwar und ein höherer Preis, aber weniger Begriffe, die nun die Gegenwart in 34 Lemmata fassen sollen, das ist etwas irritiert. Der Anspruch der Herausgeberinner und Herausgeber ist ambitioniert, erscheint allerdings auch ein bisschen anmaßend.

Anspruch und Auswahl

Der Band knüpft programmatisch an Michel Foucaults Gouvernementalitätsanalytik an und will mit Begriffen wie AchtsamkeitDiversitätKünstliche IntelligenzUnsicherheit oder Vulnerabilität die zentralen Selbstbeschreibungen der Gegenwart in den 2020er Jahren zu bündeln. Das ist lobenswert. Aber das Problem beginnt dort, wo diese Auswahl weniger als analytisches Raster erscheint, sondern als ein Set gern genutzter Trendvokabeln aus Feuilleton, Förderantrag und Talkshow. Zwischen AchtsamkeitCareResilienz und Nachhaltigkeit entsteht ein vertrautes Feld, das die Dauerpräsenz dieser Schlagworte reproduziert, statt sie wirklich zu irritieren. Manche Kritiker (FAZ, Soziopolis, Socialnet.de) sehen das anders. Aber das ist Wissenschaftsfreiheit.

Zweifellos bleiben Leerstellen unübersehbar: Wo die Herausgeber im Verlagstext von einem „komplett veränderten Inventar aktueller Leitbegriffe“ sprechen, das etwa Disruption an die Stelle von „Normalität“ und das Planetare an die Stelle von „Globalisierung“ rückt, bleiben andere machtvolle Begriffe schlicht unerwähnt. Dass sich „die Zeitgenoss:innen von heute in neuen Leitbegriffen wiedererkennen“ sollen, ist eine starke Behauptung, die der Band teilweise einlöst, vielfach aber auch nicht.

Struktur und Lektüreerfahrung

Die Beiträge sind alphabetisch geordnet und umfassen jeweils rund zehn Seiten, was einen essayistischen, zugänglichen Zugriff ermöglicht . Das ist sehr leserfreundlich. In der Praxis bedeutet das: 34 Kurz-Essays, deren Tonfall sehr heterogen ist – suhrkamp-typisch, gewiss, aber nicht immer so pointiert, wie der begrenzte Raum es verlangen würde. Positiv ist, dass Querverweise – etwa von Ansteckung zu Vulnerabilität oder Tracking & Tracing – verschiedene Lesewege eröffnen und thematische Cluster sichtbar machen. Dennoch entsteht eher der Eindruck eines brav abgearbeiteten Stichwortkatalogs als einer scharf konturierten Gegenwartsdiagnose.

Die einleitenden elf Seiten der Herausgeber:innen rahmen das Projekt als Reaktion auf Krisenakkumulation: Finanzkrise, Migration und Flucht, Rechtsextremismus, Corona-Pandemie, Kriege in Ukraine und Nahost – all das spiegelt sich tatsächlich in den Lemmata und ihren Deutungen. Gerade diese Aufladung mit Weltkrisen erzeugt jedoch eine allzu hohe Erwartung; zu oft bleibt es bei einer gut informierten Diskursnachzeichnung.

Theoretischer Rahmen und blinde Flecken

Recht konsequent orientiert sich der Band an Foucaults Analytik des Regierens, die zwischen Rationalitäten, Technologien und Subjektivierungsweisen unterscheidet. Das ist theoretisch sauber und für die Gouvernementalitätsforschung anschlussfähig, verengt aber den Blick: Begriffe wie KlimawandelPlanetarDekolonisierung oder Populismuswerden primär durch die Brille von Steuerung, Selbststeuerung und Verhaltensoptimierung betrachtet. Wer nach ökonomiekritischen oder postkolonialen Zuspitzungen sucht, findet sie eher randständig als programmtragend.

Hinzu kommt eine gewisse begriffspolitische Willkür: all die behandelten Begriffe des Glossars 2.0 sind relevant.

Das sind: Achtsamkeit; Agilität; Algorithmus; Ansteckung; Anthropozän; Biodiversität; Care; Dekolonisierung; Digitalisierung; Deskription; Diversität; Epigenetik; Finanzierung; Hass; Identitätspolitik; Klimawandel; Krieg; Künstliche Intelligenz; Nachhaltigkeit; Nudging; Ökologie; Planetar; Plastizität; Plattform; Populismus; Postfaktisch; Posthumanismus; Resilienz; Situiertheit; Social Media; Tracking & Tracing; Unsicherheit; Update; Vulnerabilität.

Einige sind 2025 schon nicht mehr aktuell, da sie etwa Pandemie-bezogen sind. Das Postfaktische hat seit Donald Trumps zweiter Amtszeit eine neue Dimension gewonnen. Wo bleibt also der Trumpismus, wo MAGA, wo ist die Ampel, wo der Rechtsextremismus? Von NGOs, die von der Union bekämpft werden, ist sowenig die Rede wie vom Verbrenner-Aus oder dem Heizungsgesetz, das eine die vorgezogene Bundestagswahl mit entschieden hat.

Warum als Finanzierung als Lemma, aber keine eigenständige Auseinandersetzung mit „Kapitalismus“, wo doch Friedrich Merz „Mehr Kapitalismus wagen“ will? Warum „Postfaktisch„, doch kein Begriff, der digitale Verschwörungs-Ökonomien oder Desinformation explizit adressiert. Da bleibt schon einiges im Dunkeln. ​

Fazit: schöne Nostalgie, begrenzter Mehrwert

So ist Glossar der Gegenwart 2.0 eine gut gemachte, stellenweise kluge, insgesamt aber erstaunlich konventionelle Fortschreibung eines einst innovativen Projekts. Die „Gegenwart“ in 34 Begriffe zu bringen, ist ein bisschen größenwahnsinnig. 

Wer das ursprüngliche Glossar der Gegenwart kennt, wird mit einer gewissen Nostalgie durch die neuen Lemmata blättern – von Achtsamkeit über DigitalisierungHassKünstliche IntelligenzSocial Media bis Vulnerabilität. Doch der behauptete „niedrigschwellige Zugang zu zentralen Schlüsselbegriffen unserer Zeit“ und das Versprechen eines schärferen Verständnisses der Gegenwart bleiben in der Summe hinter der Rhetorik von Verlag und wohlwollenden Rezensionen zurück. Ein solches Buch kann man im Regal haben – brauchen muss man es nicht. Anders als andere Kritiker kann ich der Auswahl nicht so viel Positives abgewinnen. Aber Kritiken bleiben immer subjektiv.

Quod erat demonstrandum.

Das sind die Lemmata

Achtsamkeit; Agilität; Algorithmus; Ansteckung; Anthropozän; Biodiversität; Care; Dekolonisierung; Digitalisierung; Deskription; Diversität; Epigenetik; Finanzierung; Hass; Identitätspolitik; Klimawandel; Krieg; Künstliche Intelligenz; Nachhaltigkeit; Nudging; Ökologie; Planetar; Plastizität; Plattform; Populismus; Postfaktisch; Posthumanismus; Resilienz; Situiertheit; Social Media; Tracking & Tracing; Unsicherheit; Update; Vulnerabilität.

Armin König

Warum die schweigende Mehrheit wieder laut werden muss

In Politikwissenschaft on August 14, 2025 at 12:03 am

Armin König

Vorwort zur 2. Auflage des Buches „Mutiger Protest gegen radikale Populisten“

Die Proteste des Jahres 2024 in Deutschland gegen radikale Populisten, gegen Extremisten, gegen menschenverachtende Forderungen wie Massen-Remigration waren ein Hoffnungssignal. Über zwei Millionen Menschen gingen in vielen deutschen Städten auf die Straße – entschlossen, friedlich, eindrucksvoll. Die sogenannte schweigende Mitte hatte ihre Stimme gefunden. Sie zeigte Haltung gegen Hass, Rassismus und den autoritären Umbau. Wer dabei war, konnte die motivierende Wirkung dieses gemeinsamen Protestes geradezu körperlich erfahren. Das war ein prägendes Erlebnis, das Hoffnung macht. 

»Was alle angeht, können nur alle lösen«, hat Friedrich Dürrenmatt geschrieben. 

Demokraten aller Richtungen hofften, dass diese Massenbewegung der Bevölkerung kein Strohfeuer war. Sie hat öffentlich Wirkung erzielt, die politische Debatte verändert und klare Kante gegen rechtsextreme Ideologien gezeigt. 

Das war wichtig und aufschlussreich und hat die Extremisten und ihre Marktschreier in die Schranken verwiesen. 

Und doch: Die Gefahr ist nicht gebannt. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung – und zwar nicht nur im Osten – wählt weiterhin AfD, die mittlerweile vom Bundesamt für Verfassungsschutz zumindest vorläufig als gesichert rechtsextremistische Partei eingestuft wurde (gerichtliche Auseinandersetzung anhängig zwischen AfD und BfV). 

»Gesichert rechtsextremistisch« ist keine Floskel, sondern eine juristisch und politisch schwerwiegende Feststellung: Diese Partei wird beobachtet, weil sie zumindest in Teilen (Höckes mittlerweile aufgelöster, aber vermutlich noch sehr existenter Flügel) aktiv gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung arbeitet, weil sie Hass und Hetze systematisch betreibt (definitiv), Menschen ausgrenzt (täglich beweisbar und bewiesen), einschüchtert und diskriminiert – und letztlich die freiheitlich-demokratische Verfassung der Bundesrepublik Deutschland angreift. Das Gefahrenpotenzial ist erstens offenkundig und zweitens ungebrochen. 

Hauptthema der AfD ist Migration. 

Viele Menschen mit Migrationshintergrund sind für die Rechtsextremisten und die radikal Rechten unerwünschte Fremde, Gegner, Feinde.

»Eine Partei, die die unantastbare Würde aller Menschen infrage stellt, eine Partei, die sich die Menschen aussuchen will, denen sie die Würde zuspricht, eine solche Partei ist gefährlich. Die AfD will Menschen mit Migrationshintergrund, sie will Menschen mit Behinderung, sie will geflüchtete Menschen absondern, aussondern oder abschieben. ›Die Würde des Menschen ist unantastbar‹. Diesen Fundamentalartikel 1 des Grundgesetzes will die AfD mit einem bösartig-gefährlichen Satz ergänzen: ›Die Würde des Menschen ist unantastbar – aber nur, wenn wir, die AfD, diesen Menschen für würdig erachten.‹« Das schrieb Heribert Prantl am 25. Februar 2024 zum Höhepunkt der Proteste gegen Remigration und die Remigrationspartei AfD in der Süddeutschen Zeitung. Damals habe ich mich entschieden, dieses Buch zu schreiben. Es ist in kürzester Zeit auf den Markt gekommen. »Weil es mir wichtig ist«, habe ich in der Erstausgabe auf das Vorsatzblatt geschrieben. 

Denn es geht um die Fundamente der Demokratie, um die Fundamente der Freiheit, der Meinungsfreiheit, der Menschenrechte und des Lebens. 

Deshalb ist es mir wichtig. 

Ich habe selbst an Demonstrationen teilgenommen, um Flagge zu zeigen. Und um zu erfahren, wie die Menschen ticken, die dort mitgehen. 

Deutschland kann sich nicht zurücklehnen und auf andere europäische Staaten zeigen. Ungarn, Frankreich, Italien oder die Niederlande mögen als warnende Beispiele dienen – aber Deutschland ist selbst gefährdet. Die Demokratie in der Bundesrepublik ist längst nicht so gesichert, wie es jahrzehntelang schien. Die Permakrise in Europa – das Dauerkrisengefühl einer überfordernden Welt – stresst die Menschen und verstärkt das Bedürfnis nach einfachen Lösungen in einem Zeitalter, das als chaotisch, laut, unbeherrschbar erlebt wird. Die Bürger fühlen sich orientierungslos.

Hinzu kommt: In Deutschland ist viel Vertrauen verloren gegangen. Die Ampelregierung war in der Schlussphase  für viele Menschen Projektionsfläche für Ärger, Enttäuschung und schließlich regelrechten Hass. Betroffen waren vor allem die Grünen. »Linksgrün-versifft« war eines der Hasswörter, die auch zu körperlichen Übergriffen führten. Verbale Gewalt gebiert physische Gewalt. 

Das hat Spuren hinterlassen – politisch, gesellschaftlich, psychologisch. Auch die neue Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz, ein schwarz-rotes Bündnis, hat bereits Schaden genommen. Debatten über Strompreisregulierung, über soziale Härten und über die Berufung neuer Richterinnen und Richter für das Bundesverfassungsgericht zeigen die Fragilität der politischen Kultur. Noch ist auch die Wirtschaft nicht wirklich wieder in Tritt gekommen, auch wenn sich 2025 zeitweise ein vorsichtiger Lichtstreif am Horizont zeigte.

Gleichzeitig sehen wir, wie sich rechtsextreme Narrative in die Mitte der Gesellschaft hineinfressen. Abschottung, nationale Egoismen, Remigrationsfantasien – was noch vor wenigen Jahren nur am rechten Rand Thema war, sickert in Talkshows, Wahlprogramme und Stammtischparolen in den allgemeinen Sprachgebrauch. 

Schon damit hat die AfD große Erfolge erzielt. 

Man verschiebt die Grenzen des Sagbaren. 

Was mit Gauland begann, wurde unter der perfiden Regie von Weidel zum Erfolgsrezept.

Auchanderswo zeigt sich, dass die AfD-Narrative verfangen, etwa bei der Union. 

Der Schengen-Prozess wird durch nationale Grenzkontrollen faktisch ausgehöhlt. In der Asylpolitik geben Populisten und Rechte längst den Ton an, auch in Frankreich, Italien, Ungarn – und zunehmend auch in Deutschland.

Die AfD ist stärkste Oppositionsfraktion im Bundestag – und Teile der Union liebäugeln offen mit einer Annäherung. Saskia Ludwig verkündet dies ohne Scham. Jens Spahn hat einen Luftballon steigen und dann wieder platzen lassen. Dass er als sehr Konservativer im Verdacht steht, notfalls mit den Rechtsextremen Mehrheiten zu schmieden, verwundert nicht. 

Die sogenannte Brandmauer, von Friedrich Merz aufgebaut, bröckelt und reißt ein. Remigration wird diskutiert, als die Vertreibung von Unerwünschten aus Deutschland eine »normale« Forderung. Die historischen Implikationen werden geschichtsvergessen ignoriert. Die Erinnerung an die Nazi-Zeit scheint ohnehin zu verblassen, nicht zuletzt weil mutige Zeitzeugen wie Margot Friedländer inzwischen gestorben sind. Wer mahnt, wirkt oft wie aus der Zeit gefallen – dabei wäre Mahnung notwendiger denn je. Schlussstrich-Debatten tauchen aus dem Nichts wieder auf. 

Nichts ist mehr gewiss, schon gar nichts sicher. 

Was passiert, wenn das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet, zeigt sich dramatisch in den USA. Dort hat US-Präsident Donald Trump das Land durch Lügen, Diffamierung und gezielte Polarisierung gespalten und zutiefst verunsichert. Die Demokratie ist geschwächt, bedroht, Kontrollinstanzen werden ausgeschaltet, die Justiz blockiert. Donald Trump steht symbolisch für einen neuen Typus von Autokraten: medienmächtig, populistisch, rücksichtslos.

Das Beispiel USA sollte auch den Deutschen Warnung sein. 

Demokratien können ausgehöhlt und zerstört werden. Von innen, von denen, die vorgeben, »Sicherheiten« gegen Gefahren zu bieten. Es sind illusionäre Versprechungen. Auch die Union ist dagegen nicht gefeit.

Wo Gleichgültigkeit einkehrt, wo man sich an Tabubrüche gewöhnt, wo autoritäre Reflexe als neue Normalität durchgehen, ist auch die Demokratie in Gefahr.

Es gibt immer Zeichen der Hoffnung. Die Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler im zweiten Wahlgang war eine Demonstration demokratischer Reife der Opposition. Linke und Grüne haben in der entscheidenden Abstimmung ihre Verantwortung erkannt und die Wahl mitgetragen – nicht aus politischer Nähe, sondern aus staatsbürgerlichem Verantwortungsbewusstsein. Das hat Größe gezeigt – und eine schwere Krise des Parlamentarismus verhindert.

Es braucht mehr Dialog, mehr gemeinsame Verantwortung, mehr Bereitschaft, über Parteigrenzen hinweg für die Demokratie einzustehen. Die Hetze gegen die Grünen muss gestoppt werden. Die gezielte Dämonisierung dieser Partei durch Rechtsradikale und Rechtsextreme erinnert an Auswüchse der 1930er Jahre. Wer so Politik macht, trägt Mitverantwortung für die Enthemmung des Diskurses.

Mutiger Protest hilft. Bürgerbeteiligung hilft. Eine faire, transparente, rechtsstaatliche Politik hilft.

Dieses Buch soll Mut machen. Es will aufklären, aber nicht belehren. Es will zeigen, dass Demokratie wehrhaft ist – wenn wir sie gemeinsam verteidigen. Die Proteste 2024 waren ein Weckruf. Die schweigende Mehrheit muss weiter laut sein – entschlossen, wachsam und mutig. Denn sie ist der Schutzschild unserer Demokratie. 

Armin König