Eine Rezension von Dr. Armin König
Das ist also das neue Glossar der Gegenwart 2.0, auf das viele (vielleicht) gewartet haben:
neue Farbe (orange statt grün) gegenüber der Erstausgabe von 2004, mehr Seiten (418 statt 320), höherer Preis (24,80 Euro) – und weniger Begriffe. Viele sind neu und tatsächlich sehr aktuell und geläufig.
Achtsamkeit, Algorithmus, Care, Digitalisierung, Hass … das sind alles Trendbegriffe. Und sie bezeichnen eine neue Epoche. Zahlreiche Kritiker haben die Auswahl der Lemmata und ihre Erläuterungen wohlwollend besprochen.
Aber eine Mogelpackung ist es trotzdem.
Warum das so ist, will ich hier analysieren:
Glossar der Gegenwart 2.0 – eine Mogelpackung
Das neue Glossar der Gegenwart 2.0 wird beworben als ein fälliges Update eines kleinen soziologischen Klassikers. Auf den zweiten Blick wirkt es auf mich als Mogelpackung. Mehr Seiten zwar und ein höherer Preis, aber weniger Begriffe, die nun die Gegenwart in 34 Lemmata fassen sollen, das ist etwas irritiert. Der Anspruch der Herausgeberinner und Herausgeber ist ambitioniert, erscheint allerdings auch ein bisschen anmaßend.
Anspruch und Auswahl
Der Band knüpft programmatisch an Michel Foucaults Gouvernementalitätsanalytik an und will mit Begriffen wie Achtsamkeit, Diversität, Künstliche Intelligenz, Unsicherheit oder Vulnerabilität die zentralen Selbstbeschreibungen der Gegenwart in den 2020er Jahren zu bündeln. Das ist lobenswert. Aber das Problem beginnt dort, wo diese Auswahl weniger als analytisches Raster erscheint, sondern als ein Set gern genutzter Trendvokabeln aus Feuilleton, Förderantrag und Talkshow. Zwischen Achtsamkeit, Care, Resilienz und Nachhaltigkeit entsteht ein vertrautes Feld, das die Dauerpräsenz dieser Schlagworte reproduziert, statt sie wirklich zu irritieren. Manche Kritiker (FAZ, Soziopolis, Socialnet.de) sehen das anders. Aber das ist Wissenschaftsfreiheit.
Zweifellos bleiben Leerstellen unübersehbar: Wo die Herausgeber im Verlagstext von einem „komplett veränderten Inventar aktueller Leitbegriffe“ sprechen, das etwa Disruption an die Stelle von „Normalität“ und das Planetare an die Stelle von „Globalisierung“ rückt, bleiben andere machtvolle Begriffe schlicht unerwähnt. Dass sich „die Zeitgenoss:innen von heute in neuen Leitbegriffen wiedererkennen“ sollen, ist eine starke Behauptung, die der Band teilweise einlöst, vielfach aber auch nicht.
Struktur und Lektüreerfahrung
Die Beiträge sind alphabetisch geordnet und umfassen jeweils rund zehn Seiten, was einen essayistischen, zugänglichen Zugriff ermöglicht . Das ist sehr leserfreundlich. In der Praxis bedeutet das: 34 Kurz-Essays, deren Tonfall sehr heterogen ist – suhrkamp-typisch, gewiss, aber nicht immer so pointiert, wie der begrenzte Raum es verlangen würde. Positiv ist, dass Querverweise – etwa von Ansteckung zu Vulnerabilität oder Tracking & Tracing – verschiedene Lesewege eröffnen und thematische Cluster sichtbar machen. Dennoch entsteht eher der Eindruck eines brav abgearbeiteten Stichwortkatalogs als einer scharf konturierten Gegenwartsdiagnose.
Die einleitenden elf Seiten der Herausgeber:innen rahmen das Projekt als Reaktion auf Krisenakkumulation: Finanzkrise, Migration und Flucht, Rechtsextremismus, Corona-Pandemie, Kriege in Ukraine und Nahost – all das spiegelt sich tatsächlich in den Lemmata und ihren Deutungen. Gerade diese Aufladung mit Weltkrisen erzeugt jedoch eine allzu hohe Erwartung; zu oft bleibt es bei einer gut informierten Diskursnachzeichnung.
Theoretischer Rahmen und blinde Flecken
Recht konsequent orientiert sich der Band an Foucaults Analytik des Regierens, die zwischen Rationalitäten, Technologien und Subjektivierungsweisen unterscheidet. Das ist theoretisch sauber und für die Gouvernementalitätsforschung anschlussfähig, verengt aber den Blick: Begriffe wie Klimawandel, Planetar, Dekolonisierung oder Populismuswerden primär durch die Brille von Steuerung, Selbststeuerung und Verhaltensoptimierung betrachtet. Wer nach ökonomiekritischen oder postkolonialen Zuspitzungen sucht, findet sie eher randständig als programmtragend.
Hinzu kommt eine gewisse begriffspolitische Willkür: all die behandelten Begriffe des Glossars 2.0 sind relevant.
Das sind: Achtsamkeit; Agilität; Algorithmus; Ansteckung; Anthropozän; Biodiversität; Care; Dekolonisierung; Digitalisierung; Deskription; Diversität; Epigenetik; Finanzierung; Hass; Identitätspolitik; Klimawandel; Krieg; Künstliche Intelligenz; Nachhaltigkeit; Nudging; Ökologie; Planetar; Plastizität; Plattform; Populismus; Postfaktisch; Posthumanismus; Resilienz; Situiertheit; Social Media; Tracking & Tracing; Unsicherheit; Update; Vulnerabilität.
Einige sind 2025 schon nicht mehr aktuell, da sie etwa Pandemie-bezogen sind. Das Postfaktische hat seit Donald Trumps zweiter Amtszeit eine neue Dimension gewonnen. Wo bleibt also der Trumpismus, wo MAGA, wo ist die Ampel, wo der Rechtsextremismus? Von NGOs, die von der Union bekämpft werden, ist sowenig die Rede wie vom Verbrenner-Aus oder dem Heizungsgesetz, das eine die vorgezogene Bundestagswahl mit entschieden hat.
Warum als Finanzierung als Lemma, aber keine eigenständige Auseinandersetzung mit „Kapitalismus“, wo doch Friedrich Merz „Mehr Kapitalismus wagen“ will? Warum „Postfaktisch„, doch kein Begriff, der digitale Verschwörungs-Ökonomien oder Desinformation explizit adressiert. Da bleibt schon einiges im Dunkeln.
Fazit: schöne Nostalgie, begrenzter Mehrwert
So ist Glossar der Gegenwart 2.0 eine gut gemachte, stellenweise kluge, insgesamt aber erstaunlich konventionelle Fortschreibung eines einst innovativen Projekts. Die „Gegenwart“ in 34 Begriffe zu bringen, ist ein bisschen größenwahnsinnig.
Wer das ursprüngliche Glossar der Gegenwart kennt, wird mit einer gewissen Nostalgie durch die neuen Lemmata blättern – von Achtsamkeit über Digitalisierung, Hass, Künstliche Intelligenz, Social Media bis Vulnerabilität. Doch der behauptete „niedrigschwellige Zugang zu zentralen Schlüsselbegriffen unserer Zeit“ und das Versprechen eines schärferen Verständnisses der Gegenwart bleiben in der Summe hinter der Rhetorik von Verlag und wohlwollenden Rezensionen zurück. Ein solches Buch kann man im Regal haben – brauchen muss man es nicht. Anders als andere Kritiker kann ich der Auswahl nicht so viel Positives abgewinnen. Aber Kritiken bleiben immer subjektiv.
Quod erat demonstrandum.
Das sind die Lemmata
Achtsamkeit; Agilität; Algorithmus; Ansteckung; Anthropozän; Biodiversität; Care; Dekolonisierung; Digitalisierung; Deskription; Diversität; Epigenetik; Finanzierung; Hass; Identitätspolitik; Klimawandel; Krieg; Künstliche Intelligenz; Nachhaltigkeit; Nudging; Ökologie; Planetar; Plastizität; Plattform; Populismus; Postfaktisch; Posthumanismus; Resilienz; Situiertheit; Social Media; Tracking & Tracing; Unsicherheit; Update; Vulnerabilität.
Armin König
