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Die transatlantische Illusion

In Politikwissenschaft on September 16, 2025 at 8:14 am

Josef Braml: Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können. C.H. Beck 2022.

Dass die USA seit Trump verstärkt Gegenleistungen für militärischen und strategischen Schutz fordern, ist Allgemeingut, auch wenn deutsche Politiker*innen dies lange nicht wahrhaben wollten. Und wer glaubte, nach Trump werde sich dies ändern, sieht sich getäuscht. Es wird sich auch in Zukunft nicht mehr ändern. Die Zeiten, da die USA die Schutzmacht Nummer eins für Europa waren, sind vorbei. Es gab diesen Schutz auch nie „umsonst“. All dies wird von Josef Braml kenntnisreich dargestellt. Er kommt zum Schluss, dass Deutschland und Frankreich dringend eine eigene europäische Strategie entwickeln und diese auch mit hunderten Milliarden Euro bezahlen müssen.

Die USA und die Hegemonialmacht China sind knallharte Konkurrenten – auf allen Feldern. Es ist höchste Zeit für die Europäer, nicht nur Konzepte zu diskutieren, sondern Ernst zu machen.

Hier unsere ausführliche Rezension

Josef Braml gehört seit Jahren zu den profiliertesten Analytikern transatlantischer Beziehungen. Sein neues Buch führt seine zentrale These mit beeindruckender Klarheit fort: Die Zeit der amerikanischen Schutzmacht über Europa ist unwiderruflich vorbei. Schon seit Donald Trump sei unübersehbar, dass die USA keine altruistischen Garanten europäischer Sicherheit mehr sind, sondern Gegenleistungen verlangen – wirtschaftlich, politisch, militärisch. Wer glaubte, ein Machtwechsel in Washington könne diese Entwicklung rückgängig machen, habe die tektonischen Verschiebungen der Weltordnung nicht verstanden. Auch unter Joe Biden bleibt der Vorrang nationaler Interessen handlungsleitend. Braml zeigt, dass diese Haltung in der amerikanischen Gesellschaft tief verankert ist und über Parteienwechsel hinauswirkt.

Vor diesem Hintergrund fordert er eine radikale Neubestimmung der europäischen Rolle. Deutschland und Frankreich müssten, so Braml, endlich Verantwortung übernehmen und den Aufbau einer eigenen strategischen Autonomie finanzieren – mit hunderten Milliarden Euro. Diese Forderung ist unbequem, aber unausweichlich, will Europa nicht dauerhaft in Abhängigkeit bleiben. Braml argumentiert dabei nicht moralisch, sondern machtpolitisch: Sicherheit, Energieversorgung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit – all das wird künftig nicht mehr im transatlantischen Gleichgewicht garantiert, sondern durch den globalen Systemwettbewerb zwischen den USA und China bestimmt.

Die Analyse ist messerscharf und von ernüchternder Klarheit. Noch immer, so Braml, flüchten sich Politiker in das Beschwörungsritual einer angeblich unerschütterlichen „deutsch-amerikanischen Freundschaft“. Doch dieser Begriff hat in einer Welt, die sich neu ordnet, kaum noch Substanz. Europas bisheriger Versuch, sich zwischen den Blöcken durchzulavieren, sei nicht nur illusionär, sondern gefährlich: Wer keine eigene Position definiert, wird Objekt fremder Politik.

Braml schreibt aus der Perspektive eines Realisten. Er macht deutlich, dass Selbstständigkeit nicht von heute auf morgen zu erreichen ist, wohl aber mit politischem Willen und kluger Prioritätensetzung. Die von Bundeskanzler Olaf Scholz beschworene „Zeitenwende“ nach dem russischen Angriff auf die Ukraine müsse endlich konkret werden – über Ankündigungen hinaus. Zeitenwende bedeute nicht nur militärische Aufrüstung, sondern auch eine strategische, industrielle und gesellschaftliche Neuausrichtung Europas.

Bemerkenswert ist zudem, dass Bramls Mahnung implizit auch eine demokratiepolitische Dimension hat: Wenn die gewaltigen Investitionen in Sicherheit und Verteidigung zu Lasten der Bevölkerung gehen, droht innenpolitischer Vertrauensverlust. Nicht Braml, sondern die Leserinnen und Leser können daraus schlussfolgern, dass nachhaltige Sicherheitspolitik immer auch soziale Gerechtigkeit voraussetzt.

Das Buch ist damit mehr als eine geopolitische Analyse – es ist ein Weckruf. Wer sehen will, wie eng Außenpolitik, Wohlstand und Demokratie miteinander verknüpft sind, findet hier eine schlüssige, fast schon unbequeme Argumentation. Braml lenkt den Blick auf das, was viele europäische Regierungen noch verdrängen: Die Ära der sicherheitspolitischen Bequemlichkeit ist vorbei.

Sigrid König / Dr. Armin König

Halten sich Politik-Experten in Journalismus, Wissenschaft, Lobbyverbänden für Publikums-Versteher?

In Politikwissenschaft on September 8, 2025 at 11:31 pm

Medienkritik

Von Dr. Armin König

In Zeiten der großen Debatten in der »Zeitenwende« und der ebenso großen, schon wieder neuen Unübersichtlichkeit (Habermas) spielen Politik-Erklärer*innen und -Expert*innen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Lobbyisten, die im Dienst von Konzernen und Verbänden, von Verlagen und ideologisch geprägten »Denkfabriken« stehen, und von Experten aus Wissenschaft und Journalismus. Sie erklären nach US-amerikanischem Vorbild auch in Deutschland auf vielen Kanälen in Rundfunk und Fernsehen, Podcasts und Social Media die große Welt der Politik, die oft ziemlich unerklärbar scheint. Ob das Publikum nach diesen Erklärungen giert, ist empirisch derzeit nicht belegt; möglich ist es. Fakt ist aber, dass die Medien die Expert*innen in unterschiedlichsten Formaten einsetzen – vom Interview über die Specials bis zu Talkrunden. Vor allem Maischberger, Hart aber fair, Presseclub, Maybritt Illner und Markus Lanz sind permanent auf Sendung mit Gästen. Für Alexander C. Furnas und Timothy LaPira war der intensive Einsatz externer Augur*innen Anlass, die Fehleranfälligkeit und das Selbstbewusstsein der nicht gewählten Politik-Expert*innen genauer unter die Lupe zu nehmen (Furnas & LaPira 2024). Ergänzt wird der Beitrag um Ergebnisse der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen 2023. In times of major debates in the „turn of an era“ and the equally major, yet again new lack of clarity (Habermas), political commentators and experts areplaying an increasingly important role. At the same time, the importance of lobbyists in the service ofcorporations and associations, publishers and ideologically driven „think tanks“, as well as expertsfrom academia and journalism, is growing. Following the US model, they also explain the big world ofpolitics, which often seems quite inexplicable, on many channels in radio and television, podcasts and social media in Germany. There is currently no empirical evidence as to whether the public cravesthese explanations, but it is possible. But the fact is that the media use experts in a wide variety offormats – from interviews and specials to talk shows. Maischberger, Hart aber fair, Presseclub, Maybritt Illner and Markus Lanz in particular are constantly on air with guests. For Alexander C. Furnas and Timothy LaPira, the intensive use of external augurs was an opportunity to take a closerlook at the susceptibility to error and the self-confidence of unelected political experts (Furnas & LaPira 2024). The article is supplemented by the results of the Mainz-based long-term study Media Confidence 2023.


Halten sich Politik-Experten in Journalismus, Wissenschaft, Lobbyverbänden für Publikums-Versteher?

Armin König

In Zeiten der großen Debatten in der »Zeitenwende« und der ebenso großen, schon wieder neuen Unübersichtlichkeit (Habermas) spielen Politik-Erklärer*innen und -Expert*innen eine immer größere Rolle. 

Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Lobbyisten, die im Dienst von Konzernen und Verbänden, von Verlagen und ideologisch geprägten »Denkfabriken« stehen, und von Experten aus Wissenschaft und Journalismus. Sie erklären nach US-amerikanischem Vorbild auch in Deutschland auf vielen Kanälen in Rundfunk und Fernsehen, Podcasts und SocialMedia die große Welt der Politik, die oft ziemlich unerklärbar scheint. Ob das Publikum nach diesen Erklärungen giert, ist empirisch derzeit nicht belegt; möglich ist es. Fakt ist aber, dass die Medien die Expert*innen in unterschiedlichsten Formaten einsetzen – vom Interview über die Specials bis zu Talkrunden. Vor allem Maischberger, Hart aber fair, Presseclub, MaybrittIllner und Markus Lanz sind permanent auf Sendung mit Gästen. 

Für Alexander C. Furnas und Timothy LaPira war der intensive Einsatz externer Augur*innen Anlass, die Fehleranfälligkeit und das Selbstbewusstsein der nicht gewählten Politik-Expert*innen genauer unter die Lupe zu nehmen (Furnas & LaPira 2024). LaPira ist Professor für Politikwissenschaft an der James Madison Universität in Virginia; mit dem Postdoktoranden Alexander C. Furnas  hat er eine der größten Studien zur Funktionsfähigkeit der Mitarbeiter*innen-Stäbe im US-Kongress ins Feld gebracht und publiziert. (Furnas, Drutman, Hertel-Fernandez, LaPira & Kosar 2020)  

Ihre wichtigste Erkenntnis: Die Leistungsfähigkeit der politischen Mitarbeiter*innen-Stäbe nimmt seit Jahren ab: zu wenig Mittel, immer weniger Stellen, zu wenig Erfahrung. Hinzu kommt, dass die meisten Kongressmitarbeiter*innen schon nach kurzer Zeit abwandern in die »K-Street« – ein geflügeltes Wort für die Avenue des großen Kapitals, zu den Lobbyisten also.  (vgl. Furnas et al. 2020) 

Kein Wunder, dass Präsident und Schlüsselministerien, die Speaker der beiden Parteien und vor allem die kapitalkräftigen Lobbyisten von außen bestimmten, wo es langgeht.  

Furnas und LaPira wollten jetzt wissen, ob denn die professionellen Erklärer wissen, was die Wahlbevölkerung denkt und will. 

Es ist eine spannende Studie, die Ende Januar 2024 in den USA in einer der wichtigsten politikwissenschaftlichen Zeitschriften erschienen ist: Im American Journal of Political Science haben die beiden Wissenschaftler der Artikel »The people think what I think: Falseconsensus and unelected elite misperception of public opinion« (Furnas & LaPira, 2024) publiziert. Übersetzt: »Die Leute denken das, was ich denke.  Falscher Konsens und falsche Wahrnehmung der öffentlichen Meinung durch die Elite.« 

Gemeint sind hier die nicht gewählten Eliten. Ergebnis: Sie haben ein falsches Bild der öffentlichen Meinung, ganz gleich, ob sie eine starke Parteibindung oder nahezu keine haben oder hatten. Weil sie diesen falschen Eindruck  haben, verbreiten sie eine Art konservativer Meinungsmache, die nicht durch die tatsächliche Volksmeinung gedeckt ist. Erstaunlicherweise hängt dies zwar auch mit parteipolitischen Vorprägungen zusammen, vor allem aber mit eigenen Vorurteilen über die Meinung der Amerikaner. Überspitzt zusammengefasst: Sie glauben zu wissen, was Amerika denkt. Sie tun so, als könnten sie in die Köpfe der Amerikaner schauen. Am objektivsten sind noch die Regierungsbeamten, die schon von Berufs wegen überparteilich agieren müssen. Aber auch bei ihnen gibt es diesen Bias.

Furnas und LaPira haben dies anhand von Triggerthemen (Mau et al. 2023) empirisch überprüft. Die Analysen sind eindeutig. 

Egozentrik begünstigt und prägt falsche Wahrnehmungen elitärer Berufsvertreterinnen und -vertreter. 

Ergebnis: 

»We find this elite population exhibits egocentrism bias, rather than partisan confirmationbias, as their perceptions about others’ opinions systematically correspond to their own policy preferences. Thus, we document a remarkably consistent false consensus effectamong unelected political elites, which holds across subsamples by party, occupation, professional relevance of party affiliation, and trust in party-aligned information sources.« (Furnas & LaPira 2024, Abstract)

Die Autoren stellen also fest, dass diese selbstbewusst auftretenden außerparlamentarischen »Eliten« eher eine egozentrische Tendenz als eine parteiische Wahrnehmungs- und Bestätigungsverzerrung aufweisen. Um es auf den Punkt zu bringen: Ihre Wahrnehmung der Meinungen anderer stimmt systematisch mit ihren eigenen politischen Präferenzen überein. 

Einigermaßen verblüfft schreiben Furnas & LaPira in ihrer Zusammenfassung: 

»Wir dokumentieren  einen bemerkenswert konsistenten falschen Konsenseffekt unter nicht gewählten politischen Eliten, der sich über alle Teilstichproben nach Partei, Beruf, beruflicher Relevanz der Parteizugehörigkeit und Vertrauen in parteinahe Informationsquellen erstreckt.« (Furnas & LaPira, 2024) 

Für die deutsche Szene stellt sich die Frage, wie es die professionellen Politik-Erklärer*innen hier halten. 

Gilt auch hier: Die Leute denken, was ich denke? Sind hier die Vordenker-Meinungen polarisierter als in den USA? Denken und reden Wirtschaftswissenschaftler (etwa um Christian Lindners Berater Lars Feld) konservativer als das Wahlvolk, argumentieren die Mitarbeitenden im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk »linker und grüner«, wie oft kritisch vermutet wird? 

Eine wichtige einschlägige Studie in Deutschland ist die »Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen« (Schultz et al. 2023) mit ihrer nunmehr achten Erhebungswelle. Das Medienvertrauen sei zurückgegangen, heißt es in der »Kurz-und-knapp«-Zusammenfassung,  die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg habe bisher zu keinem vergleichbaren Anstieg im Medienvertrauen wie nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie geführt, der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe »das höchste Vertrauen aller Gattungen, verzeichnet aber den niedrigsten Wert seit Beginn der Langzeitstudie«. (Schultz et al, 2023, 1) 

Gleichzeitig stellen die Autorinnen und Autoren der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen fest: »Der Anteil der Menschen, der auf etablierte Medien kritisch bis feindselig blickt, ist leicht gestiegen«. (Schultz, 1). Nach 16% in der letzten Studie sind es jetzt 17%. 

Allerdings lag der Anteil der teils-teils-Antworten immerhin bei 39%.  Die kritischsten Positionen vertreten wie erwartet Sympathisanten von AfD. Dort ist die Feindschaft gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk am größten. Die Autor*innen sprechen von Medienzynismus. Das gilt insbesondere für das Fernsehen. 

Im überwiegend negativen Bereich findet man auch die FDP-Sympathisanten und die der Linken. Das höchste Vertrauen haben Grünen-Anhänger (Schultz, 11). 

Kritisiert werden allgemein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk »zu eng mit der Politik verflochten sei (37% Zustimmung, 27% Ablehnung, 31% teils, teils)«. (Schultz, 9) 

Die Mainzer Studie kommt zum Ergebnis, dass die Medienentfremdung sich abgeschwächt habe: 

»Im Jahr 2022 stimmten nur noch 21 Prozent der Aussage zu, dass die Themen, die ihnen wichtig sind, von den Medien gar nicht ernst genommen würden. Im Jahr 2018 lag dieser Anteil noch bei 27 Prozent, im Jahr 2017 bei 24 Prozent.«  (Schultz, 13)

Das klingt auf den ersten Blick positiv. Man muss die Aussage aber differenziert betrachten. Heterogener wird das Bild, wenn die Eliten-Frage an das Publikum gestellt wird – ähnlich wie in den USA.

»Zusätzlich zu den Fragen, die sich auf eine etwaige Entfremdung von der medialen Berichterstattung beziehen, wurden in der Studie erstmals auch Urteile über Journalistinnen und Journalisten abgefragt. Wie denkt die Bevölkerung über diese Berufsgruppe –nimmt sie diese als eine abgehobene Elite wahr, die mit ihrem Publikum wenig gemein hat? Die wenigsten Menschen werfen Journalistinnen und Journalisten vor, überheblich zu sein; nur 7 Prozent stimmen der Aussage zu: ›Die meisten Journalisten schauen von oben herab auf Menschen wie mich.‹ Eine deutliche Mehrheit (73 %) stimmt dieser Aussage nicht zu, ein kleinerer Teil äußert sich ambivalent (16% ›teils, teils‹). 

Mit einem Wert von 15 Prozent ist hingegen die Zustimmung zur Aussage, Journalistinnen und Journalisten hätten ›den Kontakt zu Menschen wie mir verloren‹, etwas größer – zumal hier auch noch gut jede und jeder Vierte zumindest partiell zustimmt (›teils, teils«). Noch größer ist die Zustimmung zu den Aussagen, dass Journalisten über Politik ganz anders denken als man selbst (20% Zustimmung, 39 % ›teils, teils«, 35 % Ablehnung) und ›in einer ganz anderen Welt‹ als die jeweiligen Befragten leben würden (25 % Zustimmung, 26 % ›teils, teils‹, 46 % Ablehnung).« (Schultz, 14-15) 

An dieser Stelle kommen dann doch ins Spiel, was auch in der neuen US-Studie erkennbar wird: 

Eine Wahrnehmungs-BIAS.

Dass Eliten in Politk, Wirtschaft, Medien und Lobbyverbänden ein falsches Bild der öffentlichen Meinung haben könnten, ist nicht ganz ausgeschlossen. Positiv ist allerdings, dass nicht das populistische AfD-Narrativ bestätigt wird, im Gegenteil: Es ist mehr als nur ein Grundvertrauen, das die Menschen in Deutschland denen zubilligt, die professionell Politik erklären. Unbestreitbar hat aber das Vertrauen in die Politik in Deutschland Ende 2023 laut Europarlemeter spürbar abgenommen. Und gegenüber Parteien und ihrer Repräsentanz ist die Skepsis der Bevölkerung noch größer geworden als bisher. Die Konsequenz der Studien: Selbstkritik der Expert*innen ist zwingend notwendig. Sie wissen nicht besser als das Publikum, was dieses will und denkt. Sie werden von der Öffentlichkeit sehr kritisch beobachtet.  

Eine vergleichbare Studie wie in den USA wäre reizvoll und würde wichtige Erkenntnisse in Deutschland bringen.

Februar 2024. 


Literatur

Ellis, Christopher J. und Thomas Groll (2023): Lobbyagenturen: Lobbyismus als Geschäftsmodell. In: Polk, Adreas und Karsten Mause (Hg.), Handbuch Lobbyismus. Availabe. Researchgate. http://dx.doi.org/10.1007/978-3-658-32320-2_12

European Parliament EP (2023): Eurobarometer – Parlemeter 2023. Six months before the 2024 European Elections. Autumn 2023.

Furnas, Alexander C., und Timothy M. LaPira. (2024): “ The people think what I think: Falseconsensus and unelected elite misperception of public opinion.” American Journal of Political Science 00: 1–14. https://doi.org/10.1111/ajps.12833

Furnas, Alexander C. und Lee Drutman, Alexander Hertel-Fernandez, Timothy M. LaPira & Kosar (2020):  The Congressional Capacity Survey: Who Staff Are, How They Got There, What TheyDo, and Where They May Go. In: LaPira, Drutmann & Kosar: Congress Overwhelmed. The Decline in Congressional Capacity and Prospects for Reform. Chicago: University of Chicago Press. https://doi.org/10.7208/9780226702605 

Jucks, Regina (2001): Was verstehen Laien? : die Verständlichkeit von Fachtexten aus der Sicht von Computer-Experten. Münster: Waxmann. 

Mau, Stefan; Lux, Thomas; Westheuser, Linus (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Schultz, Tanjey; Marc Ziegele, Nikolaus Jackob, David Stegmann et. al. (2023): Medienvertrauen nach Pandemie und „Zeitenwende“. In: Media Pespektiven 8/2023, 1-17. Available from: https://www.researchgate.net/publication/370497201_Medienvertrauen_nach_Pandemie_und_Zeitenwende#fullTextFileContent [accessed Feb 16 2024].

Stanovich, Keith (2021): The Bias That Divides Us: The Science and Politics of Myside Thinking. The MIT Press.

Ein Meilenstein der Hannah-Arendt-Forschung, aber kein Referenzwerk

In Politikwissenschaft on September 1, 2025 at 10:55 pm

Thomas Meyers Biografie hat Stärken und Schwächen

Von Armin König 

Ihr Name steht für pointierte Statements zur politischen Theorie, zum Totalitarismus und zum Judentum, zum Zionismus, zu Autorität und Freiheit: Hannah Arendt. Ihre Bücher Vita activa oder Vom tätigen Leben, Origins of Totalitarism, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen oder Ich will verstehen sind Bestseller. Auch kleine Interview-Schriften wie Wahrheit und Politik treffen einen Nerv der Öffentlichkeit. Nach dem brutalen Hamas-Überfall im Gazastreifen und antisemitischen Protesten an europäischen und US-Universitäten und BDS-Boykottaufrufen, nach Kunstkontroversen und nahc Debatten über die Zukunft des Nahen Ostens werden pointierte Thesen Arendts neu publiziert: Hat sie sich nicht schon vor vielen Jahren ebenso klar wie kritisch zu diesen heftig debattierten Themen der Zeit positioniert? Das hat sie tatsächlich. Ihre Statements klingen nach wie vor zeitgemäß. So überrascht es nicht, dass eine Hannah-Arendt-Biografie die Spitze der Bestsellerlisten und die Sachbuch-Bestenlisten erobert hat. 

Der Philosoph Thomas Meyer hat eine Biografie unter dem Titel „Hannah Arendt“ mit dem Anspruch vorgelegt, „Arendts Leben und Werk für die eigenen Gegenwart neu“ zu erschließen. So verspricht es der Klappentext des Verlags. Mehr noch: „Der hier gewählte Zugang unterscheidet sich radikal von der bisherigen Forschung.“ Gemeint sind wohl die Monografien, nicht die komplette Forschung.

Es ist ein Werk mit vielen Stärken und innovativen Ansätzen, aber auch mit deutlichen Schwächen.

Tatsächlich hat Meyer, als Herausgeber der Studienausgabe von Arendts Werken ein profunder Kenner der Publizistin, einen anderen Ansatz gewählt als andere Biografinnen und Biografen. Meyer setzte sich insbesondere von Elisabeth Young-Brühl ab. Die Biografie der Arendt-Schülerin gilt nach wie vor als Standardwerk, obwohl es schon 1985 erstmals publiziert wurde. Young-Bruehl gilt als befangen, diverse Aussagen als anekdotisch. Arendt war ihre Doktormutter. Und Young-Bruehl würdigt Arendt als Philosophin.  Genau das aber wollte sie nicht sein, wie sie gleich zu Beginn des auf Youtube tausendfach angeklickten legendären Fernsehgesprächs mit Günter Gaus feststellte.

Zeit also für einen neuen großen Wurf im Lichte neuer Forschungen und neuer Quellen. 

Meyers Biografie hätte also ein neues Arendt-Referenzwerk im frühen 21. Jahrhundert werden können. Dafür spricht, dass er erstmals Archivmaterial veröffentlicht, das bisher unbekannt war oder ignoriert wurde. Das gilt insbesondere für Arendts Engagement in den Pariser Exil-Jahren – ein ganz praktischer Fall der Vita activa und vermutlich prägend, auch für ihre späteren Publikationen. Die junge Akademikerin wurde in Paris zur bodenständigen Berufstätigen im Büro einer Organisation, wo es menschelte, wenn es um Weisungsrechte und Handlungsfreiheit ging. 

Bahnbrechend ist die Dokumentation dieser Arbeit Arendts für die Jugend-Alijah in den Jahren 1934 bis 1940, ihr Engagement zur Rettung jüdischer Kinder aus Deutschland und anderen Teilen Europas, die von Hitlers Nationalsozialisten besetzt waren. Es ging bei der Jugend-Alijah vor allem um die Ausreise dieser Kinder und Heranwachsenden nach Palästina. Dort sollten sie Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeit finden, um ein neues Leben zu beginnen. Auch die Arbeit bei Agriculture et Artisanat und die Bedeutung dieser Exil-Stationen für Arendts Haltung zum Zionismus wird ausführlich gewürdigt. Dass Meyer dabei unveröffentlichtes Quellenmaterial auswerten und publizieren konnte, ist spannend und aufschlussreich für das Verständnis ihrer späteren publizistischen und politischen Aktivitäten. Auch die Typografie der Dokumente setzt sich vom Fließtext deutlich ab – eine überzeugende Gestaltungsidee.  

Während das vielfach beschriebene Universitäts-Kapitel Arendt/Heidegger und Arendt/Jaspers im ersten Teil der Biografie eher kursorisch beschrieben wird, setzt Meyer einen zentralen Schwerpunkt bei den Pariser Jahren („Zu 100 Prozent jüdisch“), die für ihre medialen und politischen Erfahrungen prägend waren. „Atemlose Zeiten“ nennt der Biograf die Jahre im französischen Exil, die für Arendt und ihren Mann Günter Stern-Anders 1933 begannen (für Stern-Anders am 17.Juni 1933, für Arendt am 7. Oktober 1933). Diese Pariser Exil-Jahre mit all den hektischen Bemühungen zur Rettung jüdischer Kinder und Erwachsener, den organisatorischen Problemen, den bürokratischen Hindernissen, aber auch mit vielen zwischenmenschlichen Hierarchie-Konflikten, werden auf mehr als 100 Seiten umfassend beschrieben und durch neue oder neu bewertete Dokumente gut belegt. Zwanzig Prozent der Biografie über die Pariser Exiljahre – das gab es noch in keiner Arendt-Biografie. Damit hat Meyer zweifellos einen wichtigen neuen Forschungsimpuls gesetzt. 

Man kann gut nachvollziehen, wie Arendts journalistisch-publizistische Karriere sich entwickelte. Formulieren und Zusammenhänge herstellen konnte die philosophisch und philologisch geschulte Akademikerin immer schon. Begonnen hat sie aber mit unspektakulären Zeitungsartikeln, etwa für die Jüdische Rundschau oder das Journal Juif. Frankreich hieß für sie angeblich, so Meyer, „Freiheit“ – bis zum Mai 1940. Nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf Frankreich am 10. Mai 1940 wurde Arendt, die kurz zuvor Heinrich Blücher geheiratet hatte, ins brutal-repressive geführte Lager Gurs deportiert. Im Juli konnte sie entkommen. Über Marseille und Lissabon schafften sie und ihr Mann es schließlich, in die USA auszureisen. 

Das war tatsächlich das Land der Freiheit, wo sie 1951 mit „Origins of Totalitarism“ den internationalen Durchbruch schaffte. Die deutsche Fassung „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ erschien 1955, ergänzt um neue Quellen. 

Nach dem „Erfahrungsraum“ der Kindheit, der Jugend und des Studiums und dem durch die Shoah zerstörten „Erwartungshorizont“ arbeitete Arendt in den USA an einem neuen Erwartungs- oder Erscheinungsraum. Karl Mannheims und Reinhard Kosellecks Begriffe Erfahrungsraum und Erwartungshorizont macht Meyer für die Biografie Arendts anwendbar. Gleichzeitig verknüpft er sie mit Arendts späteren Begriff Erscheinungsraum aus Vita activa

Selbstverständlich spielen auch die wichtigsten Werke Arendts und insbesondere die Kontroversen um ihr umstrittenes Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ eine wesentliche Rolle in der Biografie. Sie werden im umfangreichen Kapitel „Denken in Worten“ zusammengefasst. Arendt wurde nach der Veröffentlichung des komplexen Buches über den Eichmann-Prozess in einer Art und Weise publizistisch und persönlich attackiert, wie es noch nie zuvor erlebt hatte – bis hin zu Morddrohungen. Heute würde man shitstorm dazu sagen. Meyer hat dies sehr gut beschrieben.

Leider hat er die Chance zum ganz großen Wurf nicht genutzt. Wie schon im Familien- und Kindheitskapitel sind auch viele Paris-Passagen langatmig, überladen mit Namen und ermüdenden und irritierenden Darstellungen verzwickter Streitereien unter Kolleginnen und Verwandten, die ohne weiteres in Fußnoten gepasst hätten. 

Zwiespältig und nicht auf der Höhe der Heidegger-Forschung erscheint das Kapitel „Der Sturm-Erprobte & der Leviten-Leser“ über den Briefwechsel Arendts mit dem Antisemiten Heidegger, dem bewunderten Karl Jaspers sowie deren Frau Gertrud. Scho der Titel hat etwas Bemühtes-Modernistisches. Ähnlich innovativ-knackig klingt „das Nachkriegstrio“ für das Ehepaar Jaspers und Arendt.  Heideggers Rolle, der auch nach dem Krieg „keine Reue, kein Bedauern, keine Selbstkritik“ (Élisabeth Rodineco) zeigte und dessen „Schwarze Hefte“ als „Dokumente der Niedertracht“ (Jürgen Kaube) gelten, hätte deutlicher problematisiert werden können.

Was irritiert, sind die wissenschaftlichen Defizite im Umgang mit Quellen, Dokumenten und Sekundärliteratur. Die Quellen und Archivalien sind nicht systematisch dokumentiert, ein alphabetisches Literaturverzeichnis wird schmerzlich vermisst, Literaturangaben muss man in einem Endnotenverzeichnis mühsam suchen, das mit 337 Einträgen auf 521 Seiten ohnehin äußerst knapp geraten ist. Der Apparat überzeugt nicht. Dagegen ist das umfassende Register sehr hilfreich. 

Stilistisch hätte sich der Philosoph Meyer den Satz des Kollegen Ludwig Wittgenstein aus dem Tractatus logico-philosophicus zum Vorbild nehmen sollen: „Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“ Da hätte ein aufmerksames Lektorat Straffungen und den Wegfall von Flapsigkeiten empfehlen können.

Meyers Biografie ist zweifellos ein Meilenstein der Hannah-Arendt-Forschung, weil sie starke neue Impulse setzt, aber kein neues Referenzwerk. Von einem radikal neuen Ansatz kann keine Rede sein. Das neue Referenzwerk muss noch geschrieben werden.

Thomas Meyer: Hannah Arendt

Die Biografie.

Mit 27 Schwarz-Weiß-Abbildungen.

Piper-Verlag München 2023

521 Seiten. 28 Euro

ISBN-13 978-3-492-05993-0