Josef Braml: Die transatlantische Illusion. Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können. C.H. Beck 2022.
Dass die USA seit Trump verstärkt Gegenleistungen für militärischen und strategischen Schutz fordern, ist Allgemeingut, auch wenn deutsche Politiker*innen dies lange nicht wahrhaben wollten. Und wer glaubte, nach Trump werde sich dies ändern, sieht sich getäuscht. Es wird sich auch in Zukunft nicht mehr ändern. Die Zeiten, da die USA die Schutzmacht Nummer eins für Europa waren, sind vorbei. Es gab diesen Schutz auch nie „umsonst“. All dies wird von Josef Braml kenntnisreich dargestellt. Er kommt zum Schluss, dass Deutschland und Frankreich dringend eine eigene europäische Strategie entwickeln und diese auch mit hunderten Milliarden Euro bezahlen müssen.
Die USA und die Hegemonialmacht China sind knallharte Konkurrenten – auf allen Feldern. Es ist höchste Zeit für die Europäer, nicht nur Konzepte zu diskutieren, sondern Ernst zu machen.
Hier unsere ausführliche Rezension
Josef Braml gehört seit Jahren zu den profiliertesten Analytikern transatlantischer Beziehungen. Sein neues Buch führt seine zentrale These mit beeindruckender Klarheit fort: Die Zeit der amerikanischen Schutzmacht über Europa ist unwiderruflich vorbei. Schon seit Donald Trump sei unübersehbar, dass die USA keine altruistischen Garanten europäischer Sicherheit mehr sind, sondern Gegenleistungen verlangen – wirtschaftlich, politisch, militärisch. Wer glaubte, ein Machtwechsel in Washington könne diese Entwicklung rückgängig machen, habe die tektonischen Verschiebungen der Weltordnung nicht verstanden. Auch unter Joe Biden bleibt der Vorrang nationaler Interessen handlungsleitend. Braml zeigt, dass diese Haltung in der amerikanischen Gesellschaft tief verankert ist und über Parteienwechsel hinauswirkt.
Vor diesem Hintergrund fordert er eine radikale Neubestimmung der europäischen Rolle. Deutschland und Frankreich müssten, so Braml, endlich Verantwortung übernehmen und den Aufbau einer eigenen strategischen Autonomie finanzieren – mit hunderten Milliarden Euro. Diese Forderung ist unbequem, aber unausweichlich, will Europa nicht dauerhaft in Abhängigkeit bleiben. Braml argumentiert dabei nicht moralisch, sondern machtpolitisch: Sicherheit, Energieversorgung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit – all das wird künftig nicht mehr im transatlantischen Gleichgewicht garantiert, sondern durch den globalen Systemwettbewerb zwischen den USA und China bestimmt.
Die Analyse ist messerscharf und von ernüchternder Klarheit. Noch immer, so Braml, flüchten sich Politiker in das Beschwörungsritual einer angeblich unerschütterlichen „deutsch-amerikanischen Freundschaft“. Doch dieser Begriff hat in einer Welt, die sich neu ordnet, kaum noch Substanz. Europas bisheriger Versuch, sich zwischen den Blöcken durchzulavieren, sei nicht nur illusionär, sondern gefährlich: Wer keine eigene Position definiert, wird Objekt fremder Politik.
Braml schreibt aus der Perspektive eines Realisten. Er macht deutlich, dass Selbstständigkeit nicht von heute auf morgen zu erreichen ist, wohl aber mit politischem Willen und kluger Prioritätensetzung. Die von Bundeskanzler Olaf Scholz beschworene „Zeitenwende“ nach dem russischen Angriff auf die Ukraine müsse endlich konkret werden – über Ankündigungen hinaus. Zeitenwende bedeute nicht nur militärische Aufrüstung, sondern auch eine strategische, industrielle und gesellschaftliche Neuausrichtung Europas.
Bemerkenswert ist zudem, dass Bramls Mahnung implizit auch eine demokratiepolitische Dimension hat: Wenn die gewaltigen Investitionen in Sicherheit und Verteidigung zu Lasten der Bevölkerung gehen, droht innenpolitischer Vertrauensverlust. Nicht Braml, sondern die Leserinnen und Leser können daraus schlussfolgern, dass nachhaltige Sicherheitspolitik immer auch soziale Gerechtigkeit voraussetzt.
Das Buch ist damit mehr als eine geopolitische Analyse – es ist ein Weckruf. Wer sehen will, wie eng Außenpolitik, Wohlstand und Demokratie miteinander verknüpft sind, findet hier eine schlüssige, fast schon unbequeme Argumentation. Braml lenkt den Blick auf das, was viele europäische Regierungen noch verdrängen: Die Ära der sicherheitspolitischen Bequemlichkeit ist vorbei.
Sigrid König / Dr. Armin König