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Politisch handeln unter Risiko

In Politikwissenschaft on Januar 8, 2026 at 2:56 pm

Aktualisierte Rezension (2026)
Herfried Münkler / Matthias Bohlender / Sabine Meurer (Hg.): Handeln unter Risiko – Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge. Bielefeld: transcript. ISBN 978-3-8376-1228-8.

„Handeln unter Risiko“ erschien wenige Wochen vor der Katastrophe von Fukushima, die sich am 11. März 2011 in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Damals war der Band ein Beitrag zum theoretischen Diskurs über Sicherheit, Vorsorge und Wagnis in modernen Gesellschaften. Heute, im Jahr 2026, lässt er sich auch als historische Momentaufnahme lesen – als Diagnose einer Welt an der Schwelle zur permanenten Krisenerfahrung.

Was Wolfgang Bonß in seinem Beitrag als „(Un)Sicherheit als Problem der Moderne“ beschreibt, hat sich in den Jahren nach Fukushima vielfach bestätigt: Die Versprechen technischer Beherrschbarkeit haben sich als Illusion erwiesen. Tschernobyl und Fukushima waren die paradigmatischen Orte dieser Erkenntnis. Doch seitdem sind neue Risikotopografien hinzugekommen – Pandemien, Cyberangriffe, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, Energie- und Klimakrisen. Sie alle verdeutlichen, dass sich die Relation von Risiko und Sicherheit in der globalisierten Moderne nicht mehr stabilisieren lässt.

Die Herausgeber – Herfried Münkler, Matthias Bohlender und Sabine Meurer – haben schon damals das Spannungsverhältnis von Prävention und Nachsorge betont. Ihr Befund gilt unvermindert: Das Präventionsprinzip dominiert, das nachsorgende Prinzip ist diskreditiert. Doch gerade der Verlauf der COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie notwendig gesellschaftliche Resilienz und Nachsorgekapazität sind, wenn Prävention versagt oder an strukturelle Grenzen stößt. Das Konzept des „nachsorgenden Prinzips“ erscheint heute aktueller denn je: als realistische Antwort auf die Unvermeidlichkeit des Risikoeintritts.

Die Beiträge des Bandes wirken aus heutiger Sicht erstaunlich vorausschauend: Sie reichen von Herfried Münklers Überlegungen zu „Sicherheit und Freiheit“ über Ortwin Renns und Marion Dreyers Konzepte der Risk Governance bis zu Harald Welzers „Ökologie des Krieges“ und Heike Kriegers völkerrechtlichen Reflexionen zu einer neuen Sicherheitsarchitektur. Fast prophetisch mutet an, dass Leon Hempel und Michael Carius schon 2011 die innere Sicherheit im „transnationalen Großraum der Europäischen Union“ analysierten – zu einem Zeitpunkt, als man Migrationsdruck, Pandemie-Management oder hybride Bedrohungen noch nicht als sicherheitspolitische Schlüsselthemen begriff.

Auch Friedbert W. Rübs Diagnose der „permanenten Transformation“ des Wohlfahrtsstaats liest sich heute in einem anderen Licht: soziale Unsicherheit und Prekarisierung haben sich seitdem nicht aufgelöst, sondern sind struktureller Bestandteil westlicher Gesellschaften geworden. Rübs These, dass die „Krise“ selbst zur Normalform des Wohlfahrtsstaates geworden ist, hat sich als erschreckend robust erwiesen.

In der Rückschau erscheint Münklers Sammelband wie ein Frühwarnsystem einer Gesellschaft, die an die Dauerpräsenz von Krisen gewöhnt werden sollte. Der homo oeconomicus, dessen Sicherheitsglaube Bonß so präzise seziert, steht heute in Gestalt datengetriebener Kontrollsysteme und algorithmischer Risikoabschätzungen erneut im Zentrum der gesellschaftlichen Steuerung. Die Controller haben das Zepter nicht abgegeben – sie haben es digitalisiert.

„Handeln unter Risiko“ ist damit kein zeitgebundenes Produkt der Nach-Fukushima-Jahre, sondern ein Schlüsselwerk zur Selbstreflexion spätmoderner Gesellschaften geblieben. Es fragt nach den Grenzen von Kontrolle und nach der Zumutbarkeit des Wagnisses – und verweist damit auf eine Einsicht, die 2026 aktueller ist denn je: Sicherheit ist kein Zustand, sondern eine Erzählung, die immer wieder neu ausgehandelt werden muss.

Dr. Armin König