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»Der unsichtbare Roman« von Christoph Poschenrieder ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur

In Belletristik, Deutschland, Geschichte, Zeitgeschichte on Januar 26, 2020 at 11:29 pm

Ich habe ein kleines Meisterwerk entdeckt
CHRISTOPH POSCHENRIEDER
DER UNSICHTBARE ROMAN
DIOGENES VERLAG

.

»Sei Politiker oder Schriftsteller. Oder sei Goethe, wenn du kannst. Dafür reicht es bei den allerwenigsten.« Der Schriftsteller Gustav Meyrink aber soll beides miteinander verbindet. Er hat ein empörendes Angebot bekommen – im Auftrag des Auswärtigen Amts, das dringend einen Sündenbock für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs braucht.
»Das Auswärtige Amt der Reichsregierung hat die Absicht, Ihnen die Ausarbeitung eines Romans anzutragen, welcher dem Zweck dienen soll, einer größeren Öffentlichkeit über die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 die Augen zu öffnen, indem er die Drahtzieher aus dem trüben Dunkel ihrer Hinterzimmer herausscheucht und ins grelle Rampenlicht stellt.«
Der nicht mehr ganz so erfolgreiche Ex-Erfolgsautor soll den Freimaurern per Roman die Verantwortung zuschieben. Dabei wissen wir doch, dass das Attentat von Sarajewo 1914 und die Kriegstreiberei des Deutschen Reichs entscheidend für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren. Aber es geht ja gerade nicht um die Wahrheit, sondern um die fiktiv gesteuerte Zuschreibung von Schuld.
Meyrink hält sich für völlig ungeeignet. Keine Politische Richtung, wenn er in einer Partei wäre, dann bestenfalls in einer noch zu gründenden Unabhängigen Egoisten-Partei. An den Dingen, »die eine Nation mit Stolz erfüllen«, hat er kein Interesse, von den Ikonen des Patriotismus will er nicht den Hut ziehen. »Gäbe man ihm eine Fahne in die Hand – er schwenkte sie nicht, täte ihr womöglich Dinge an, die ihn ins Gefängnis brächten.« Und doch sagt er nicht nein, denn der Verleger hat immer ordentlich gezahlt, und Meyrink braucht das Geld.
»Es zwickt und beißt« in Meyrinks Portemonnaie. »Das Haushaltsbuch ist das einzige Buch, das er in letzter Zeit regelmäßig anfasst, um mit dem Bleistift (als gäbe es etwas zu radieren) das Desaster seiner finanziellen Lage zu protokollieren. Das ist peinigend und reinigend«. Sein Wohnen am Starnberger See ist Fassade. Zwar hat er ein Vermögen mit dem Roman »Der Golem« gemacht, aber das schnöde Leben kostet. Zuviel natürlich. Dass ihm die Zuwendungen in Zeiten des Krieges teilweise entzogen werden, hängt eben auch mit fehlendem Patriotismus zu tun. Und die Kriegsjubler und Hurrapatrioten (»Teutobolde«} haben ihn längst auf dem Kieker, ihn als »völkischen Schädling« gebrandmarkt. Aber er lebt noch, und er genießt noch, soweit dies angesichts seiner Finanzlage noch möglich ist.
Das ist die Prämisse des Buchs von Christoph Poschenrieder »Der unsichtbare Roman«.
Biografisch passt das Setting.
Meyrink, 1868 in Wien als unehelicher Sohn eines adligen Staatsministers und der Hofschauspielerin Marie Meyer geboren, war unkonventionell, ein soignierter Bohemien und Eigenbrötler mit einem Hang zum Okkulten und Spirituellen, das er allerdings geradezu empirisch erprobte. Er war ein Mensch, der seine wahre Bestimmung immer wieder suchte, auch bei Freimaurern und Illuminaten, und der dabei nicht nur seinen Namen von Meyer zu Meyrink wechselte, sondern auch diverse Selbsterfahrungstrips flog.
Sein erster Roman »Der Golem«, ein phantastisches Werk in der Tradition E.T.A. Hoffmanns, war auch gleich das Hauptwerk des Abenteurers.
Dass das Auswärtige Amt Meyrink tatsächlich damit beauftragte, einen Propagandaroman zu schreiben, gilt als belegt. Poschenrieder startet genau an diesem Punkt, lässt Meyrinks Geliebte intervenieren, weil dieser seine Reputation aufs Spiel setzt (»Damit schreibst du dich selbst in Grund und Boden, fürchte ich«), aber schließlich soll der Autor, der auf dem absteigenden Ast sitzt, seinen Schundroman eben schreiben. »Des Geldes wegen«. (45)
Ein Pseudonym wäre vielleicht nicht schlecht, aber das wollen die Auftraggeber ja nicht, wie Mena anmerkt: »Gustl, verstehst du es noch immer nicht? Sie haben dich wegen deines Namens erwählt. Du sollst der Kronzeuge sein. Weniger das, was gesagt wird, ist wichtig, sondern, wer es sagt« (44).
Und dieser »Gustav Meyer, der stadtbekante Bankier, Okkultist und Rennruderer« (45), der gern »an der Lenkkurbel« des kleinen Benz-Motorwagens sitzt und der Geld braucht, nachdem er zwölf Jahre finanzieller Miseren, Ehrenhändel, Gerichtsverfahren inklusive Untersuchungshaft, öffentlicher Erniedrigungen, schwerer Krankheiten« samt einer Trennung von seiner Frau Hedwig erlebt und erlitten hatte und der nach seinen Bestsellererfolgen nicht mehr auf das bisschen Luxus und Anerkennung verzichten will, lässt sich tatsächlich korrumpieren, wenn auch nicht so richtig.
Poschenrieder ist ein gewiefter Erzähler.
Er schreibt süffig, streut Recherchenotizen ein und objektiviert damit seinen fiktiven Schlüsselroman. Poschenrieder zitiert Notizen aus Kurt Eisners Gefängnistagebuch, aktualisiert sie sozialkritisch-politisch, lässt Eisner den Satz »ich werde die Freiheit erleben!« niederschreiben, zitiert aus den »Meyrinkiana der Bayerischen Staatsbibiothek München, Handschriftenabteilung«, gibt dem Telegramm des Auswärtigen Amtes (Nachrichtenabteilung) an Meyrink zum »Freimaurerroman« den seriösen Anstrich, bevor die Story beginnen kann.
Es wird für Meyrink dann aber doch viel schwerer als erwartet. Vorschuss schützt nicht vor Schreibblockade.
Aber erst muss er nach Berlin fahren – erster Klasse mit dem Zug, versteht sich. Wo er einem pathetisch selbstgefälligen Offizier die Meinung geigt (»Diese bornierten Kerle, deren Haltung nicht von Rückgrat, sondern bestenfalls von einem gestärkten Uniformhemd herrührt«).
Poschenrieder lässt zunächst Kurt Hahn auftreten, der im Auswärtigen Amt angeblich als englischer Lektor die britische Presse analysiert und seine Erkenntnisse in Memoranden für die politische Elite aufbereitet. Er hat viel studiert, so die Beschreibung, vor allem aber die korrekte Zubereitung von Tee. Kurt Hahn also, der übrigens 1920 mit Max von Baden das Internat Schloss Salem gründete, wie wir einer weiteren Recherchenotiz Poschenrieders entnehmen, wird der Kontaktmann Meyrinks. »Miese Zeiten, um anglophil zu sein, mein lieber Herr Meyrink, meinen Sie nicht auch?«, meint Teezeremonienmeister und Nachrichtenspezi Hahn, was uns in Zeiten des Brexits dann doch ein Lächeln entlockt.
So verbindet Autor Poschenrieder geschickt die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem 21. Jahrhundert.
Und wie heute galt schon damals: »Worte sind heute Schlachten. Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten.«
Es geht tatsächlich um Meyrink als Kronzeugen und Satiriker:
»Sie sind ein ahnungsvoller Schriftsteller. Sie sehen Dinge, die andere nicht sehen. Und Sie machen keine Gefangenen, Sie haben alle beleidigt: Professoren Offiziere, Beamt, Adel, deutsche Frauen“ – und schließlich »Ärzte, Diplomaten, Polizisten, Schriftstellerkollegen sowie Sachsen und Österreicher.« (64)
Wenn das mal kein guter Kronzeuge ist. Wenn er über die Kriegsschuld schreibt, so hat sich das Auswärtige Amt das ausgedacht, dann werde niemand annehmen, er sei das Sprachrohr dieser oder jener Partei. Und natürlich hat sich das Auswärtige Amt die Schuldigen aus bösartigen Gründen ausgesucht, auch wenn sie mit der Schuldfrage so viel zu tun haben »wie der Sonnenaufgang«, also nichts. Aber wenn der Krieg vorbei ist, werde abgerechnet. Da sei es gut, Schuldige zu haben. Warum die Freimaurer? »Keiner traut ihnen, und jeder traut ihnen alles zu«, meint Hahn, um eine noch bösartigere Pointe hinzuzufügen: »Nicht alle Juden sind Freimaurer, aber viele Freimaurer sind Juden.« Natürlich protestiert Meyrink. Bis Hahn wissen lässt, er sei selbst Jude und stehe unter dem Schutz von Prinz Max von Baden, der vielleicht der nächste Reichskanzler werde (»ich arbeite daran, aber ich bitte Sie, dies für sich zu behalten«).
Kaum haben wir uns darauf eingelassen, stellt Poschenrieder in einer neuen Recherchenotiz aus dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde an seine Verlagslektorin klar, dass Kurt Hahn wohl der falsche Hahn war und dass der richtige Hahn ein Karrierediplomat namens Bernhard von Hahn war, der später Konsul in Rotterdam und Amsterdam wurde.
So kommt also die Meta-Ebene ins Vexier-Spiel: Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman, der erst geschrieben werden muss.
Genau davor drückt sich Meyrink trotz des Vorschusses und der bequemen Rahmenbedingungen in einer wilden Zeit.
Poschenrieder treibt den literarischen Spaß um Literatur in der Literatur auf die Spitze. Die Pointe ist genial.
Geheimdienstler Bernhard von Hahn ist der Vertreter des »Literarischen Büros« und stellt fest: »Wir machen hier Propaganda. Beeinflussung von Freund und Feind. Das ist nicht die feine Dichtkunst. Da muss sich auch nichts reimen. Es geht nicht um Stil. Es geht um Wirkung. Nur um Wirkung. Vor allem um die Breitenwirkung. Und Sie haben bereits breit gewirkt. Aus diesem Grund sind Sie für uns interessant. Weil Sie eine Berühmtheit sind.«
Meyrink soll also auf seine Weise zu einem Informellen Mitarbeiter werden – indem er einen gefakten Roman schreibt, wo doch Fiktion in gewissem Sinne immer Fake ist: jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle, hat Max Frisch geschrieben.
Hier heißt die Devise »Romane statt Kanonen. Pointen statt Granaten« (74) Das Honorar ist üppig. Also nimmt Meyrink, der esoterische Yogi und unpatriotische Autor, den Vorschuss an. Und doch lässt er sich nicht wirklich korrumpieren.
Das ist ja der Witz an der Geschichte.
Poschenrieder macht das souverän.
Das ist moderne Literatur par excellence.
Mit Blick auf die Freimaurer kann sich Poschenrieder eine köstliche Pointe nicht entgehen lassen; die ist so genial, dass man sich wundert, dass sie bisher kaum berichtet wurde:
Meyrink fragt, ob er nicht aus Gründen der künstlerischen Freiheit lieber die Illuminaten als die Freimaurer belasten könnte.
Daraufhin lässt Poschenrieder seinen Führungsoffizier von Hahn sagen:
»Illuminaten? Kennt doch kein Mensch. Ein Buch über eine Verschwörung von Illuminaten kann ich mir im Leben nicht vorstellen. Wer will das lesen?«
Zwei Jahrzehnte nach Dan Browns Welterfolg »Illuminati« gönnt sich Poschenrieder ein brillantes Schelmenstück.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.
Natürlich vertröstet Meyrink seine Auftraggeber immer wieder, wie es jeder Literat mit Schreibkrise tut. Natürlich lenkt er sich ab mit allerlei Nebensächlichkeiten und weltlichen Vergnügen, statt heilige Literatur zu schreiben.
Und als sich Meyrink dann tatsächlich an die Schreibmaschine setzt, um seine Fiktion niederzuschreiben, bleibt diese aus Gründen, die die heutige Generation nicht mehr versteht, schlicht unsichtbar. Aber wir wollen nicht spoilern, nur soviel:
»Die Wahrheit ist zu kostbar, um sie Priestern, Politikern und der Presse zu überlassen.«
Es Paul-Austert bei Poschenrieder, eine Spur Kehlmann ist auch dabei.
Das ist ernsthafter, als es auf den ersten Blick scheint:
»Der unsichtbare Roman« ist ein faszinierendes kleines Meisterwerk über das Schreiben von Romanen und den ewigen Kampf des Schriftstellers mit dem leeren Blatt und der Wahrheit.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.

Dr. Armin König

Was für ein ärgerliches, peinliches Buch: Emmanuel Todd betreibt in Traurige Moderne Geschichtsklitterung

In Europa, Geschichte on Oktober 10, 2019 at 9:35 pm

Was für ein peinliches, ärgerliches Buch! Mich wundert, dass es bei C.H. Beck erscheinen konnte. Emmanuel Todd, der französische Soziologe, legt eine krude, verschwörerische, europafeindliche Studie vor, in der er die letzten hundertausend Jahre Menschheitsgeschichte „von der Steinzeit bis zum Homo Americanus“ in ein seltsames Konstrukt der Familiestrukturen presst. Sie sollen „der unbewusste Motor der Geschichte“ sein.
Das ist kein „luzides Buch“, wie der Verlag schreibt, das ist auch nicht „überzeugend und immer anregend“, wie der Figaro meint. Das ist Humbug.
Da werden die Orbans und die Trumps und die Brexiteers gelobt, und die Deutschen als Träger einer wie auch immer gearteten Stammfamilie „mit Unterstützung eines Zombie-Katholizismus“ als faktische Beherrscher eines sich selbst überschätzenden Europas diskreditiert. Da werden kruden Theorien von einem „spezifischen Volk“ aufgetischt. Donald Trump wird als „Wille und Vorstellung“ des amerikanischen Volkes hochstilisiert.
Und schließlich versteigt sich Todd zu der klassischen Behauptung rechter Verschwörungstheoretiker, die Vernichtung der Juden sei nicht singulär: „Als Erstes sollte endlich die Ansicht verworfen werden, die Vernichtung von sechs Millionen Juden sei ein spezifisch deutsches Phänomen udn sonst nirgendwo in Europa vorstellbar“. Ian Kershaw, einer der besten Kenner des nationalsozialismus, wird der „Negation unbezweifelbarer empirischer Tatsachen“ beschuldigt. Für mich unfassbar ist die Behauptung: „Verweigert wird die Anerkennung der hohen, fast übermenschlichen militärischen Leistungsfähigkeit [Deutschlands] in zwei Weltkriegen.“
Dieses Buch ist Mist. Deterministischer Quark.
Feiner drückt es Marko Martin (Eliten-Bashing im elitären Duktus“) aus:
„Die permanenten Seitenhiebe auf „Academia“, eine angeblich herrschende Kaste arroganter Hochschul-Eliten, und der Beifall für Donald Trumps National-Protektionismus machen sein Buch, das bei weniger Seitenumfang und weniger Rechthaberei gewiss inspirierend hätte sein können, zusätzlich fragwürdig.
„Traurige Moderne“ ist eines jener traurigen Beispiele für ein verschwörungstheoretisches, in elitärem Duktus vorgetragenes Eliten-Bashing, das kokett nach beiden Seiten schielt: Nach rechtsaußen ebenso wie nach linksaußen.“

Dr. Armin König

Republik der freien Geister – Jena 1800 – Europa in Aufruhr, die Romantiker machen Revolution

In Geschichte, Politikwissenschaft on August 5, 2019 at 9:49 pm

Selten habe ich Philosophie-und Geistesgeschichte so brillant gelesen. Eine Epoche wird lebendig, eine „Republik der freien Geister“ mit Helden wie Goethe, Schiller, Dorothea, Friedrich, Wilhelm und Caroline Schlegel, mit Novalis und Brentano taucht vor unseren Augen auf und geht in den Wirren eines neuen Jahrhunderts wieder unter.
Das kleine Jena (5000 Einwohner) war eine Hochburg um 1800, ein pulsierendes intellektuelles Zentrum.

Peter Neumann schreibt süffig, journalistisch. Anmerkungen und Fußnoten (am Ende des Buchs zu finden) sind sparsam gesetzt, was das literarische Konsumieren erleichtert.

Man erfährt, dass der bunte Haufen der philosophierenden und schreibenden Helden nicht nur gesellschaftliche Traditionen in Frage stellt, sondern auch mit dem Blick auf das Individuum und die Natur zugleich auch unser Verständnis von Freiheit und Wirklichkeit revolutioniert – und das bis heute. Eine kantsche Revolution mit Nachwirkungen.

Nur manchmal gerät man als Leser oder Leserin ins Grübeln: Ist das nicht alles sehr dramatisiert und romantisiert, damit es sich für eine Verfilmung eignet.

Ach was: Es geht ja um die Romantiker, um Subjektivität und Individuum, da soll und muss es menscheln.

„Gemeinsam beobachten Hölderlin, Hegel und Schelling den Aufstieg zuerst der kantischen, dann der fichteschen Philosophie – und feiern ihn frenetisch. Genauso wie sie den Geist der französischen Revolution willkommen heißen“. (170)

Und dann einer der Kernsätze:

„Es geht ihnen nicht bloß um politische Freiheit oder Freiheit vom dogmatischen Zwang, die sich mit einem Schlag herstellen ließe. In einem viel umfassenderen Sinn begreifen sie Freiheit als einen unendlichen Prozess der Befreiung der menschlichen Gattung als solcher, eine ständige Herausforderung bestehender Beschränkun gen und Grenzen, auch der eigenen. Aufbruchsstimmung ist zu spüren.“ (170)

Ich will nicht verschweigen, dass eher unerfahrene Leser Schwierigkeiten mit dem Buch haben – oder falsche Erwartungen hatten, etwa, dass es um ein Jena-Buch mit Anekdoten aus 1800 gehe.

Nein, das ist es nicht. Man muss sich auf Politik und Literatur und Philosophie, auf Romantik und Aufbruch und Revolution einlassen.

Ich finde, Peter Neumann hat das außergewöhnlich gut umgesetzt. Mir hat es sehr gefallen.

Dr. Armin König

Grubengold – ein neues Referenzwerk zur Geschichte der Steinkohle

In Geschichte, Kapitalismus, Sachbuch on Dezember 25, 2018 at 4:48 pm


Mit dem Ende des Bergbaus in Deutschland liegt eine beeindruckende Steinkohle-Monografie von Franz-Josef Brüggemeier aus dem C-H.Beck-Verlag vor. Es ist keine tümelnde Festschrift, auch kein Foto-Souvenir-Buch.
Franz-Josef Brüggemeier hat in elf souverän geschriebenen Kapiteln die faszinierende Geschichte der Kohle von den Anfängen und der industriellen Revolution bis zum Abschied und dem Bergbau-Erbe dargestellt. Das ist ein neues Referenzwerk, das unspektakulär daherkommt und in seiner Fülle doch spektakulär IST.
Brüggemeier lässt nichts aus: Weder Streiks noch Konflitke noch Umweltschäden. Er beleuchtet die Rolle des Energielieferanten Steinkohle bei der Rüstungsindustrie und der Vorbereitungen auf den Krieg bis hin zu Klassenkämpfen, Subventionierung, Rationalisierung und Ewigkeitslasten.
Ja, die Kohle war Wegbereiterin des Industriezeitalters.
Ja, die Kohle hat den Wohlstand der Nationen in Europa ebenso ermöglicht wie den Aufstieg der Industriekonzerne und der Waffenproduzenten
Franz-Josef Brüggemeier schreibt in „Grubengold“ über diese Ambivalenz.
„Kohle hat unsere Welt verändert, im Positiven wie im Negativen“.
„Lange stand die Kohle für Fortschritt und Wohlstand. Sie ermöglichte einen ungeahnten Produktivitätsschub und lieferte die Energie, um aus den vormodernen Produktionsweisen auszubrechen. Ohne die Kohle wäre die Industrielle Revolution nicht möglich gewesen. Mit ihrer Hilfe erreichten die europäischen Gesellschaften bis ins 20. Jahrhundert hinein ein zuvor ungeahntes Entwicklungsniveau. Doch hatte dieser kohlegetriebene Sprung in die Moderne auch seine dunklen Seiten: Die Kohle lieferte die Energie für zwei desaströse Weltkriege, und die Bedingungen ihres Abbaus unter Tage waren für die Gesundheit der Arbeiter verheerend. Schließlich läuteten die Umweltbelastungen durch die Steinkohleförderung den Anfang vom Ende des wichtigsten fossilen Energieträgers in der Geschichte der Menschheit ein.“ (Brüggemeier)
Und so ist diese beeindruckende Monografie (456 Seiten, umfangreiches Literaturverzeichnis, Tabellen) ein Parforceritt durch die Industriegeschichte und einen prägenden Teil unserer europäischen Sozialgeschichte. Brüggemeier hat ein neues Standardwerk geschrieben. Es sollte nicht nur in den Revierländern Saarland und NRW auf vielen Gabentischen liegen – gerade weil es keine melancholische Nostaligerevue ist.
Brüggemeier ist der richtige Autor. Er hat schon seine Dissertation zur Alltags- und Sozialgeschichte der Ruhrbergleute von 1889 bis 1919 geschrieben. Er ist Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte an der Universität Freiburg.

Dr. Armin König

Verstrickt und eitel, die Ordnung liebend – Die Staatsräte – Elite im Dritten Reich

In Geschichte, Politikwissenschaft on Juli 24, 2018 at 10:33 pm

Ein brillantes Buch von Helmut Lethen über vier Exzentriker, die den NS-Staat stützten – als Teil der kulturellen und wissenschaftlichen Elite im dritten Reich: Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt. Sie waren nicht nur Ikonen des Hitler-Staats, sondern auch Idole der frühen Bundesrepublik.  Und sie waren allesamt schuldig, weil sie mit ihrer Komplizenschaft zu nützlichen Idioten eines verbrecherischen Regimes wurden. Ihre Rechtfertigungen haben sie nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die Welt posaunt, und man hat sie posaunen lassen, da sie ein bisschen Widerstand geleistet haben, und ihnen als charismatische Ikonen auch in der BRD noch Kränze geflochten.  

Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen wagt ein Experiment: Er versammelt die vier umstrittenen „preußischen Staatsräte“, die als „Ikonen mit internationaler Reputation“ den Ruf des Dritten Reichs aufpolierten sollten, zu Gesprächen über Feindschaft und Scham, Volksgemeinschaft und Prothesen, Schmerz und Musik. Das ist insofern gewagt, als die vier Staatsräte sich wohl nie getroffen haben. Lethen bemerkt dazu: „Ich konnte kein Dokument finden, das bezeugt hätte, dass sich Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Schmitt jemals zu viert getroffen haben. Umso reizvoller war es, ihre Treffen zu erfinden. An Originaltönen herrscht kein Mangel, aber die Fiktion spricht lauter.“ Und so lässt Lethen „Geistergespräche“ führen: In sieben erfundenen Herrenabenden reden der brillante Jurist Carl Schmitt, der große Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler, der schillernde Schauspieler und Generalintendant Gustav Gründgens und der charismatische Star-Chirurg und Charité-Direktor Ferndinand Sauerbruch über den Schein, den Feind, über Prothesen, über den Schmerz, über Gemeinschaft, über die Scham und schließlich über die Entscheidung.

Aus den fiktiven Gedanken und den imaginären Gesprächen  der vier Staatsräte präpariert Lethen die  Physiognomie der Hitler-Diktatur.

So erzählt er von der Neu-Gründung des Preußischen Staatsrates durch Goebbels.

„Der preußische Staatsrat war in der Zeit der Weimarer Republik ein Vertretungsorgan der preußischen Provinzen gewesen, eine Zweite Kammer in Preußen. Er hatte beratende Gesetzgebungsbefugnis; gegen Ende der Weimarer Republik war Konrad Adenauer als Vertreter Rheinpreußens Vorsitzender.“ (Lethen, 2018, 22)

Hermann Göring brach im Mai 1933 radikal mit dieser Tradition. Er setzte an die Stelle der alten Repräsentanten der Weimarer Republik den Stabschef der SA, Ernst Röhm, den SS-Reichsführer Heinrich Himmler, die Gauleiter der NSDAP in Preußen und seine Staatssekretäre. Außerdem wurden handverlesene Vertreter der Kirchen (Bischof Wilhelm Berning und Landesbischof Ludwig Müller) der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Künste in den neuen Preußischen Staatsrat berufen. Sie dienten als Feigenblatt für ein verbrecherisches System, das sich den Anschein  gab, „eine Stätte sachlichen Erörterns von Verwaltungsfragen und damit ein Gegengewicht den den Parteibetrieb“ (Carl Schmitt) der NSDAP zu sein.

Die berufenen Günstlinge konnten ihrer Eitelkeit frönen und sich bedeutend und ausgezeichnet fühlen (Carl Schmitt noch 1951, als der Krieg längst vorbei war), sie genossen den persönlichen Schutz von Goebbels, was Gründgens tatsächlich zu Gute kam.

Dieser reaktivierte Preußische Staatsrat hatte nur Alibicharakter, denn Hitler führte anderes im Schilde. Sein Ziel war nicht die Erhaltung der Länder, sondern deren Liqidation. Und das Feigenblatt Staatsrat ist dem Führerprinzip verpflichtet.

Die Nazis zu zähmen durch eine solche Veranstaltung, war schlicht unmöglich.

Und so stellt Lethen trocken fest: „Die Berichte über die Eröffnungsfeier belegen, dass rationale Konzepte des Staats, deren Umsetzung sich Presseorgane wie die „Vossische Zeitung“ (…) und wahrscheinlich auch Finanzminister Popitz und Carl Schmitt erhofften, schon am 16. September 1933 im Trichter magischer Rituale mit ‚Blutfahnen‘ versanken.

Das ist die Folie, der Rahmen für die Geistergespräche der Staatsräte stattfinden.

Es sind Filterblasengespräche. Da ist der Chirurg Sauerbruch, für den die Lehrjahres Kriegs „ein unverzichtbarer Gewinn an Erkenntnis für die Konstruktion von Prothesen“ sind. Da ist der Jurist Carl Schmitt, der bis heute Theoretiker der Rechten ist, und der auf die Bedeutung der politischen Unterscheidung von Freund und Feind verweist, die „menschlichen Handlungen und Motiven ihre Sinn“ geben (Schmitt) und auf die „alle politischen Handlungen und Motive“ zurückführten. Liberale sind für ihn naiv, da sie sich „eine Welt ohne Feinde vorgaukelten“.  Elektrisiert liest man Schmitt Theorien und ihre Wiederkehr im 21. Jahrhundert.

Da ist Gustav Gründgens, der nicht nur ein diabolischer Mime sein kann, der den Hamlet als höhnischen Höllenfürsten gespielt hat, sondern auch „ein geschliffener Bürokrat“, der als Intendant in budgetären Fragen gegenüber seinem Vorgesetzten rechenschaftspflichtig ist. Er ist ein Nachzügler im Quartett der Staatsräte, da ihn Göring nach einem heftigen Verriss durch den Völkischen Beobachter unter seine Fittiche genommen hat. Im ersten der Geistergespräch doziert er über den Schein und die Künstlichkeit. Sie sei der „kürzest Umweg zum Herzen der Menschen“. Er sieht sie als Teil der Natur des Menschen. „Seinen Schauspielern sage er immer: Machen Sie in ihrem Privatleben, was Sie wollen, aber bringen Sie mir den Alltag nicht auf die Bühne. Der Mensch ist dem Menschen verborgen. Und das ist gut so. Er zeige es auf de Bühne.“

Die Herren wenden ein, disputieren, lästern.

Im alles entscheidenden Punkt aber bleiben sie inkonsequent: Die sonst so Elitären und Einzigartigen bleiben Mitläufer, die in brutales System stützen, obwohl sie doch alles wissen und sehen müssten.

Sie retten sich in die neue Zeit.

„Gründgens wird 1954 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet. Im Jahr darauf übernimmt er die Leitung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Als er dort 1962 ein letztes Mal ‚Hamlet‘ inszeniert, ersetzt er da Wort ‚Gewissen‘ in der Schlegelschen Übersetzung durch das Wort ‚Bewusstsein‘: ‚So macht das Bewusstsein Feige aus uns allen.'“ (Lethen 2018, 262)

Lethen musste Geistergespräche erfinden, um die vier „Helden“ zusammenzubringen. „Persönlich herrschsüchtig und selbstverliebt waren die vier“, erläutert Lethen: „In ihren Echokammern konnten sie alles um sich herum ausblenden.“ War es Gleichgültigkeit? Führt Gleichgültigkeit gegenüber Politil zu Verstrickung?

oder wollten sie das doch immer? Da gab es ja sehr wohl ideologische Grundmuster, die zum rechten Denken gehören: „Bei ihnen war der Staat als Idee sehr wirkmächtig, Ordnung eine zentrale Kategorie.“

Es fröstelt einen, wenn man dies in Zeiten von AfD liest.

Helmut Lethen: Die Staatsräte – Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018
Gebunden, 352 Seiten, 24,00 EUR

Dr. Armin  König