Dr. Armin König
Vortrag in der Buchhandlung Bock und Seip
Herzlich willkommen zu dieser Reise durchs verwinkelte Literaturland Saar, wo wir von Weltliteratur bis zum Saar-Krimi, von der lyrischen Offenbarung bis zur Slampoetry, vom Thriller bis zum Liebesroman alles finden.
Da kreucht und fleucht allerlei Getier und Gefährt, derweil wir beim Blick durchs Teleskop Luggel Harigs Luftkutscher und Hans Arnfrid Astels Sternbilder entdecken, den Varuswald und Johannes Kühns Schaumbergring, Chinesen, die in Frank P. Meyers Dorf Bundeskegelbahn und Weinberge kaufen, das Gasthaus Zeggels in Primstal als kleines Widerstandsnest à la sarroise, Pfälzer, viele Franzosen, Leidinger, Schwimmer in fremdem Gewässer und sogar Tiger im Dorf. Dem Opa ist schon der Galgen aufgebaut, wenn auch am Krankenhausbett von Martin Bettinger, und während Jürgen Albers den Kleinen japanischen Großmeister ins Nirwana reisen lässt, weiß Astel, wohin der Hase läuft. Alfred Gulden, der einst geradewegs vom Großen Markt in Saarlouis zu den Silver Towers nach New York flog, diesen überdimensionalen hochkant gestellten brutalistischen Streichholzschachteln, treibt nun nur noch Schnecken nach Metz.
In Felicitas Frischmuths Damra bei St. Wendel wohnt schon lange keiner mehr, und auch die Katakomben unter der Höllischen Illinger Wurstfabrik sind verlassen und dienen nur noch Krimiautoren als Gespensterort.
Zum Glück haben sich einige Dichter auf der einzigen Lyrikwand des Saarlandes in der Illipse verewigt, darunter auch ein reimfreier Bürgermeister, der neben Harig und Jandl seine Ballade vom Zwiebelturm auf Glasscheiben schrieb, und in den Kellern des Bücherturms an der Uni lagern im Archiv zigtausende Blätter und Manuskripte saarländischer Provenienz, die noch längst nicht erschlossen und analysiert sind. Wahre Schätze sind darunter. Womöglich bleiben sie auf immer und ewig geheimnisvoll und verschlossen. Aber wenn Sie bei Archivar Hermann Gätje nachfragen, werden Sie einen Schlüssel und einen Schreibtisch zum stöbern bekommen
Mehr als 130 Autorinnen und Autoren finden sich auf meiner Liste, und es ist völlig illusorisch, sie auch nur alle zu nennen heute abend. Ich entschuldige mich also vorsorglich bei allen Nicht-Genannten.
Und eigentlich müssten wir die wichtigsten Übersetzer auch noch aufnehmen, also Eugen Helmlé, Svenja Becker und Lothar Quinkenstein.
Helmlé ist schon lange eine deutsch-französische Institution, Svenja übersetzt regelmäßig die Bestseller- und Starautorin Isabel Allende und Quinkenstein, der Quierschieder, die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarzcuk. Was wären die Heldinnen der Weltliteratur auf dem deutschen Markt ohne ihre Übertragung in verständliches Deutsch?
Den Lothar kenne ich natürlich auch, weil der in Illingen an meinem Gymnasium Abitur und nebenan in der Schülerkneipe Deckel gemacht hat. Wie wir alle. Und weil er so großartige Essays schreibt.
Wie und wo also anfangen?
Und wie kriegen wir’s hin, dass wir nicht nur oder gerade nicht an die Helden von einst – Gustav Regler, Maria Croon, Johannes Kirschweng, Ludwig Harig und Johannes Kühn – erinnern, sondern auch an die eher unbekannten Modernen?
Wir reisen mit einem VW Bulli durchs Tatort-Land und lassen den lieben Gott einen guten Mann oder eine gute Frau sein. Das ist die wahre saarländische Freude, und wem das nicht genügt, dem verschreiben wir Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung. Olaf Scholz wäre so ein Kandidat für diese Sprechstunden gewesen. Aber die Ampel ist aus, Scholz sitzt auf Hinterbänken. Nun merzt und klingbeilt die Politik rauer und ebenso holprig wie die Ampel, aber vielleicht ist sie trotzdem nicht schlechter für uns Saarländerinnen und Saarländer.
Friedrich Merz und Frank Walter Steinmeier haben mitsamt ihren Frauen nämlich zusammen mit Anke Rehlinger den wahren Arzt in kulinarischer deutsch-französischer Verständigung genossen – und die Rezepte ihres Lebens erhalten, die durch den Magen gingen bei Christian Bau in Perl. Und es ward kein Perl-Huhn gereicht, aber das ist eine andere Geschichte.
Es ist: Schönes Leben. Um Ulrike Kolbs Roman schon mal zu zitieren, dessen Cover das alte Korns Eck in Saarbrücken ziert, wenn sich noch jemand daran erinnern kann. Es war ja hier ganz in der Nähe, nur wenige 100 Meter entfernt. Nach Saarbrücken kommen wir später. Und nach Fenne auch.
Starten wir im Herzen des Gärtchens, wo das Saarland am erhabensten ist:
Auf dem Schaumberg in Tholey, wo Johannes Kühn seine Wanderkreise zog und wo das Wortsegel kündet: Hier hat ein Dichter gelebt.
„Und hab am Gras mein Leben gemessen“ heißt ein Gedicht-Band Kühns, der 2014 bei Hanser erschienen und noch lieferbar ist. Hard-Cover, sehr edel und schön gestaltet. Den möchte ich Ihnen ans Herz und die Brust legen.
Es ist eine ziemlich sentimentale, aber schöne Lyriksammlung, altersweise, die belegt, warum Kühn einer der bedeutendsten Dichter Deutschlands ist.
Trinken wir also zu Beginn unserer Saarlandreise einen Morgenkaffee bei Kühn.
Kaffee
Der Kaffee duftet.
Flott hat ihn die Kellnerin gebraut und flott kredenzt.
Ich trink.
Er bringt das leise Fieber,
das ich zu meinen
Versen brauche.
Ich danke herzlich,
ich zahle gern.
Ich sitze oft an diesem Tisch
zu Wald und Wiese hin.
Es taucht der Falk herab.
Die Wolke schenkt der Tauben mildes Bild.
Der Frühling zieht sich an
zu einem landesweiten Ausgang,
ob er mich ruft als einen seiner Freunde,
mit dem schwarzen Trunk
bin ich begeistert
vom nahen Weiher, seinem Spiegel.
Und noch ein kleines kühnes Gedicht
Nature-Writing pur – Naturlyrik auf modernste Art, bei Kühn schon immer auf höchstem Level:
Tänzerin
Auf einer Lichtung allein ist die Birke
Mit flirrendem Zweighaar
Tänzerin.
Es geigt der Wind für sie.
Manchmal fliegt ein Fink auf ihr Haupt
Und löst die Geige ab.
Der Vogel tröstet sie,
wenn sie ermüdet ist.
Den Wechsel,
das Spiel erleb ich gern.
Nach einer kurzen Rast auf der Schaumberg-Alm, wo wir uns laben, besteigen wir den legendären T-1-Bully, mit dem uns Frank P. Meyer ins nahegelegene Primstal chauffiert – ins Gasthaus Zeggels. Dort treffen wir vielleicht die Rückbanks-Elfi, Hecks Hannes, die schöne Johanna, Fluchtfahrer Speedy und die Engel Gabriel und Raffi, die beim legendären Überfall auf die Mensa der Uni Trier ein Vermögen gemacht hatten – und ganz nebenbei noch einen vergrabenen Schatz in Opas Hof gefunden hatten. Da ist ein neuer Harig unterwegs, ein sehr moderner, ein polyglotter Chronist der 1960er bis 2020er Jahre. Genau das hat uns im Saarland gefehlt.
Der Frank hat so viel zu erzählen im Bully und in Zeggels – wie einst Grimmelshausen, mit Witz und Charme und perfekter saarländisch-hochdeutsch-flämisch-englischer Sprachbeherrschung – vom legendären Mariathlon-Wettbewerb über einen toten Chinesen auf der Kegelbahn, von 60er- und 70er Jahre-Schallplatten, von CDs, von Zigaretten-, Benzin- und Schnaps-Schmuggelfahrten nach Luxemburg, die wir auch gemacht haben, von Gabriel, der über das Bergwerksunglück von Luisenthal 1962 schreibt, von Partys, Trinkgelagen und einem Bengel namens Rafael, der als Pizza-Entwickler bei Tiefkühl-Wagner in Braunshausen anheuert und mit dem das ganze Desaster erst anfängt.
„Normal passiert da nichts“, heißt der Roman. Aber das ist nun wirklich mächtig untertrieben. Da sprüht ein Autor vor Ideen, Regie-Einfällen und Sprachspielen. Es war das erste Mal, dass Meyer hier sein großes Erzähltalent zeigte, und ich habe ihm damals bei einer Lesung in der Illinger Burg gesagt: Das musst du weitermachen. Und er hat.
Stoff ist da – mehr als genug. Damals wie heute.
Es gab noch Grenzübergänge, aber die sind ja jetzt damk Dobrindt und Merz auch wieder da. In Richtung Frankreich, Luxemburg und über die Eifel nach Belgien. Und wer die alten Schmuggel- Kaffee-, Tank- und Zigarettenrouten nach Luxemburg kennt – über Remich oder Schengen -, der weiß, dass man von dort die Türme von Cattenom sieht.
Ah: Ein Motiv. Nicht nur für Fotografen. Auch für Prosa-Autoren. Und was für eins. Atom. Müll. Gau. Saar.
Eigentlich ist es selbst von Zeggels im Herzen von Primstal nicht weit nach Cattenom, wo in »Hammelzauber« ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist, aber Primstal ist doch weit genug entfernt, um außerhalb der verseuchten Sperrzone zu liegen. Wir blicken in die Zeitmaschine. „Das Saarland in nicht allzuferner Zukunft. Nach einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Cattenom sind weite Teile des Saarlandes noch immer unbewohnbar. Aber ein Dorf bleibt stur und dort, wo es schon immer war: Primstal. Seine Bewohner erklären den Ort am Rande der Sperrzone zum gemütlichsten Wartesaal Gottes, in dem der Hammelzauber und das Rollator-Rennen zur Dorfkirmes die Höhepunkte des Jahres bilden. Aber zuvor »war es sonderbar still auf dem Kirmesplatz. Vielleicht weil die Szene wie eine Invasion von Aliens aussah. Oder weil sich die Leute an die Tage nach dem GAU erinnert fühlten.« Und das im Saarland und wir wussten bisher gar nichts davon.
Eigentlich passiert da nichts, das wissen wir aus dem ersten Roman. Doch in der ersten Kirmesnacht werden zwölf absonderliche Straftaten verübt. Die Saarbrücker Kommissarin Paula Lück muss vor Ort ermitteln, und der Einzige, der ihr dabei wirklich helfen kann, ist ein alter Primstaler. Und um alte Geschichten und einen alten VW-Bus geht es auch im neuesten Roman »zweieinhalb Kilometer«. Sie ahnen: Es ist ein Road-Movie, ein saarländisches Road-Movie rund um den Schaumberg mit einem geheimen Paket in einem geheimen Versteck. Und wir wissen nicht, was in diesem in Zeitungspapier eingewickelten Paket drin ist: Hasch? Geld? Papiere? Lesen Sie dieses abenteuerliche Meyer-Stück, das wie immer bei Conte erschienen ist.
Und weil wir es durchaus mit wilden Kerlen und großen Tieren aufnehmen, fahren wir vom Schaumberg über Dirmingen ins nahe Illingen, wo Katja Bohlander-Sahner schreibt: »Vom Schwimmen in fremden Gewässern«. Und »Im Dorf, da wohnen Tiger«, erfahren wir. Vermutlich sind es die Tiger von Hirzweiler. Erschienen in der Edition Schaumberg. Es war ihr Erstling, zunächst noch im Self-Publishing gedruckt. Es ist eine Familiensaga, die von Hirzweiler, Illingen und Mainzweiler bis nach Afrika führt, einmal auch in die Neunkircher Partnerstadt Vlissingen in Zeeland. Es geht um eheliche und uneheliche Kinder, vermeintliche Affären, Eifersucht, große Familiengeheimnisse und sehr unterschiedliche Charaktere. Ein bisschen holprig an manchen Stellen, aber als Lokalmatador konnte ich das verschmerzen. Und die Geschichte ist auch sehr weltfraulich geschrieben.
Ein anderer Illinger ist dafür umso präziser: Lothar Quinkenstein.
Das heißt: Er ist gebürtiger Bayreuther, lebt in Berlin, war auch Quierschieder und Abiturient am Illtal-Gymnasium in Illingen und hat mehrere Jahre in Polen gelebt und unterrichtet, unter anderem in Mielec, in Poznán und Słubice.
Und so wurde er auch zum literarischen Übersetzer für Henryk Grynberg und schließlich für – Olga Tokarczuk. Dass Tokarczuk mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, dazu haben ganz gewiss auch die Übersetzer beigetragen. Lothar Quinkenstein ist einer der Wichtigsten von ihnen, neben Esther Kinsky. Quinkenstein hat Tokarczuks »Jakobsbücher« übersetzt, »Die verlorene Seele«, »Die grünen Kinder« und »Übungen im Fremdsein«. Womit auch sein schriftstellerisches und biografisches Wirken hervorragend umrissen ist.
Quinkenstein hat aber auch selbst wunderschöne Lyrik geschrieben, Essays, unter anderem über die Wahrnehmung Polens und Mitteleuropas und west-östliche Asymmetrien des Gedächtnisses“. Und Archivarbeit für vergessene jüdische Autorinnen und Autoren hat er mit seinen Memorials auch geleistet. Sein Essaybuch »Erinnerung an Klara Blum« hat mich geradezu umgehauen. Sehr klug, wie Schlögel. Einer, der Polen hervorragend kennt. Und die jüdische Geschichte.
Sein charmantestes Werk aber ist »Deckelmacher« über die Illinger Kneipen- und Musikszene. Man weiß als Besucher des Funny Ill sofort, wer gemeint ist.
Lesen Sie also unbedingt Olga Tokarczuk und freuen Sie sich über die präzise Übersetzungsarbeit von Lothar Quinkenstein.
Unsere nächste Station ist Sulzbach, und das hat Gründe.
Natürlich MUSS in einer Reise durch die Literaturszene Saar Ludwig Harig prominent erscheinen, denn er ist aktueller denn je. Meine erste Begegnung mit seinen Büchern hatte ich als Schüler: mit der Romanbiografie Rousseau. Das größte Vergnügen hatte ich mit dem Kleinen Brixius und der Saarländischen Freude.
Heute aber will ich Ihnen ein Buch ans Herz legen, das aktueller denn je ist:
»Wer mit den Wölfen heult wird Wolf«.
Ich weiß noch, wie ich atemlos die ersten Seiten las, die so abenteuerlich mit einer Flucht von Schwäbisch Gmünd nach Hülen begann – und vor allem: mit Schnecken.
»Wie kommt es, dass ich zum erstenmal in meinem Leben Zeit und Geduld habe, so genau die Gestalt einer Schnecke anzuschauen – und nicht aufspringe, Kommandos zu befolgen, mich in Reih und Glied zu stellen, anzutreten in Marschkolonne«.
Daa fängt ja gut an, dachte ich. Flucht vor Amerikanern, Sprung aus dem Eisenbahnwagen, Schnecken. Idylle.
Man denkt schon: Kommt da wieder eine Harigsche Luftkutscherei, doch dann packt er das große Besteck des Romanautors aus, den Verfremdungseffekt, die Geschichte in der Geschichte, den Hammer, indem er eine völlig aus dem Ruder gelaufene VHS-Lesung mit einem kritischen Lehrer zu eben diesem Romananfang mit den Schnecken einschiebt. Und dort wird es dann sehr ungemütlich, sehr politisch, sehr heutig auch, obwohl 1996 geschrieben – also wenige Jahre nach dem Fall der Mauer, dem Ende der DDR, der Implosion des Sozialismus.
Ich zitiere:
„Wir waren frei, doch ich hätte nicht gedacht, daß die Freiheit etwas so Banales sein würde, erzählte ich fünfundvierzigJahre später: Immer, wenn ich das Wort Freiheit höre, denke ich an unbekümmertes Liegen im Gras. Mir ist dieses sorglose Hingestrecktsein so eng mit dem Gefühl der Freiheit verbunden, daß mir jeder Satz, in dem die Freiheit als großes Wort auftönt, schal und oft lächerlich klingt. »Wenn das alles gewesen sein soll, dann war es ein schmählicher Anfang«, sagte ein junger Lehrer zu mir, »Sie würden besser die Fühler einziehen und sich schleunigst in Ihr Schneckenhaus verkriechen.«
An diesem Sonntagmorgen im Mai 1945 ist der Krieg für mich zu Ende, die deutsche Armee besiegt, das tausendjährige Reich zusammengebrochen. Einen Tag später unterschreibt Generaloberst Jodl in Reims die Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Schutt und Asche bedecken das Land.
»Aber der Glaube an eine Idee stirbt doch nicht mir nichts, dir nichts, wenn ein Krieg verlorengeht, eine Gewaltherrschaft entmachtet, ein ideologisch gefestigtes System gestürzt wird«, beharrte der Lehrer auf seiner Ansicht.
Er stand vor mir, hochrot im Gesicht wie ein bis aufs Blut gereizter Puter, und fuhr mich mit laut erhobener Stimme an:
»Sie als überzeugter Hitlerjunge haben doch an diesen Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts geglaubt. Oder nicht? Jedenfalls haben Sie es uns in einem langen Roman allzu feinsinnig und wortreich weismachen wollen. Und dann dieses Ende? Und dieser lächerliche Neuanfang mit Geigen am Himmel und Schnecken im Gras? Das nimmt Ihnen doch niemand auf der Welt ab!«
Der Lehrer schaute sich um, alle vierunddreißig Zuhörer in der Bücherei einer west- deutschen Volkshochschule nickten mit dem Kopf, verzogen ihre Mienen, einige applaudierten sogar.
Ich wußte: Es war vergeblich, das entscheidende Erlebnis eines Augenblicks für andere herbeizuwünschen. Ich schwieg. Ein paar erklärende Worte, die sich aus meinem Kopf drängten, sprangen mir auf die Zunge, ballten sich zwischen den Zähnen, blähten sich auf, doch ich war nicht imstande, den Mund zu öffnen. Mir war, als schwölle der Wörterbrei in meinem Mund zu einer Blase an.
»Sagen Sie lieber nichts!« rief der Lehrer, stieß mit spitzer Stimme in meine Wortblase hinein und fügte hämisch hinzu: »Was jetzt aus Ihrem Mund kommen würde, wäre nichts als leere Luft.«
Mein Schweigen hielt an. Ich schloß die Augen und versuchte, mich an mein Erlebnis von damals zurückzuerinnern. Ich wußte, daß ich meinem Gedächtnis trauen konnte, doch ich war außerstande, mehr zu sagen, als ich schon erzählt hatte, und es kränkte mich der Vorwurf des Lehrers, mein Erlebnis am Waldrand von Hülen sei nichts als der trügerische Streich meiner Erinnerung. Ich schwieg beharrlich weiter. Doch daß ich mich zurückhielt, machte den Lehrer dreister. »Entweder sind Sie ein oberflächlicher Mensch, an dem alles abläuft wie an einer Regenhaut, oder Sie sind ein Lügner, ein raffinierter Provokateur, der seinen Lesern eine sentimentale Damaskusgeschichte auftischt, eine Bekehrung aus heiterem Himmel, in welcher der böse Saulus zum frommen Paulus wird«, wetterte er und attackierte mich mit schamlosen Vorwürfen. »So plötzlich, wie Sie es vorgeben, erlebt keiner seine innere Umkehr«, rief er mit kalter Verachtung in der Stimme, »so rasch wird man kein anderer Mensch. Und merken Sie sich das eine: Denken Sie nicht nur an Ihre eigene Verführung im Nationalsozialismus, denken Sie auch daran, daß sechzehn Millionen Deutsche vierzig Jahre lang im Sozialismus gelebt haben – und wir verlangen von ihnen ja auch nicht, ihren Glauben an eine bessere Welt wegzuwerfen, ohne mit der Wimper zu zucken.« Er sprach von notwendigen Zweifeln und Zusammenbrüchen, philosophierte über beglaubigte Reue und reinigende Sühne, klamüserte in umständlichen Beweisführungen an der Feststellung herum, zwölf Jahre Nationalsozialismus müßten doch in einer jungen Seele ebenso tiefe Spuren hinterlassen haben wie vierzig Jahre Realer Sozialismus in der Seele eines jungen Kommunisten. »Niemand wirft zwölf Jahre, geschweige denn vierzig einfach weg, so als sei nichts gewesen!« rief er aus.
Es klang einleuchtend, ja überzeugend, und die Volkshochschüler applaudierten wieder. Warum redete dieser Mensch in der gleichen Sprache, die ich zwölf Jahre lang gehört habe? Warum führte er die gleichen Waffen ins Feld wie alle besserwisserischen Inhaber und Nutznießer der Wahrheit, seien es Priester oder Parteiführer? Ich verstand wohl, was dieser begabte Demagoge mir erklären wollte, doch leider gibt es für seine Deutungsversuche nicht mehr zu erzählen als diese banale Hülener Geschichte. Die kitschigen Geigen und die harmlosen Schnecken hatten mehr bewirkt als alle spitzfindigen Argumente. Wie schön wäre es fürs Erzählen, hätten mich Zweifel gequält und Zusammenbrüche erschüttert, wie ergiebig wäre es, hätten mich Reue gepackt und Sühne gepeinigt. Ich könnte von schlaflosen Nächten und bitterbösen Träumen, von herzzerreißender Gewissenserforschung und tränenreicher Trauer erzählen, könnte mit ergreifenden Episoden rühren und mit tiefsinnigen Betrachtungen überzeugen und dafür Lob und Anerkennung ernten – muß aber um der Wahrheit willen bei meiner Geschichte bleiben. An jenem Tag am Waldrand von Hülen war ich frei von Zwang und Gewalt, doch nicht frei von Schuld.
Und als ich mich später fragte, ob ich nicht schuld daran habe, daß der kleine René, mein Banknachbar aus der ersten Klasse, ausbrechen mußte aus Reih und Glied und im Waisenhaus verdarb, daß der arbeitsscheue Querulant aus unserer Straße im KZ verschwand und die Peitsche zu spüren bekam – mußte ich mir eingestehen: Auch ich hatte, ein Jugendlicher schon, meine Finger im Spiel, ich lauschte den verführerischen Parolen und folgte ihnen, schläferte mein Gewissen ein und spielte auf meine Weise mit. Nein, ich kann nichts ungeschehen machen.
Aber mir ist nicht geglaubt worden. Also muß ich von vorne anfangen.“
(Harig, Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf, 1996, S. 9-11)
»Harig schafft es, einen Spannungsbogen zu schlagen, der die kultivierte Miefigkeit des Übergangs von der Kriegs- zur Nachkriegszeit spüren lässt. Um so mehr gewinnt sein Erzählen an Glaubwürdigkeit. Denn wie die meisten seiner Generation war auch Harig kein Widerstandskämpfer. … Harig war ein begeisterter Hitlerjunge, dem es ungemein schwerfiel, sich auf die neue Zeit einzustellen. Wie andere erkannte auch er, dass Überzeugungen bei einem Systemwechsel nichts mehr bedeuten. Und jene, die früher als stramme Nazis stramme Durchhalteparolen klopften, klopfen jetzt mit Erfolg die Sprüche der Demokratie. Insofern ist das Titelwort, das Harig bei Dolf Sternberger entliehen hat, gut gewählt: »Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf.«
(Wolf Scheller, Nürnberger Nachrichten, 30.8.96)
Und wenn wir dann die Nachrichten sehen, die Sprüche hören von Law and Order, wenn wir den Chor der Lemminge verfolgen, die den Sätzen der Demagogen blind folgen und sie verteidigen, dann staunen wir, wie schnell die Masse doch verführbar ist.
Und genau deshalb will ich Harigs Werke unbedingt empfehlen. Von den Verführungen der Nazis bis zu den Nachkriegsfreiheiten des Jazz, der Liebe, der Lust am guten Leben und der guten Sprache bis zu experimentellen Gedichten und glorreich-albernen Überhöhungen der saarländischen Freude ist alles drin. Nur dass wir das Gefühl haben, dass von dieser Luftkutscherei und den Freuden des gemeinsamen europäischen Marktes in diesen harten Zeiten wenig übriggeblieben ist, in denen allzu leichtfertig wieder von Krieg und Kriegstüchtigkeit die Rede ist.
Und so fahren wir weiter in den Saar-Pfalz-Kreis., Wir nehmen hinter Neunkirchen die Autobahnabfahrt Limbach, wo Marcus Imbsweiler aufgewachsen ist. Geboren ist er übrigens in Saarbrücken,. Auf seiner Homepage lesen wir:
»Anfänge
2. Juni 1967. Kindheit im saarländischen Limbach. Moppelig
Schule
Latein. Im Abi Mathe und Physik. Musik nur Grundkurs
Zivi
20 Monate Hirntumore und Bandscheibenvorfälle
Studium
lange vor „Bologna“ oder „Pisa“ in Tübingen und Heidelberg. Philosophie, Geschichte, Musikwissenschaft, Germanistik
Magister
Alfred Andersch, dann Arbeit als freiberuflicher Musikredakteur“
Auch wenn er nun in Heidelberg lebt, gilt er für uns als Saarländer. Schließlich hat er mit »55« einen echt saarländischen Roman geschrieben, der mich ähnlich fasziniert hat, wie Ludwig Harigs Trilogie. Es geht um die Volksabstimmung 1955.
Ums Saar-Statut.
Um fanatisierte Massen.
Um Bedrohung von Politikern.
Um die Störung von Parteiveranstaltungen durch rechtsextreme Politiker, die früher Nazis waren und nun als deutsche Demokraten auftreten.
Heinrich Schneider ist der Prominenteste. Vorsitzender der DPS – Deutsche Partei Saar –, die später FDP/DPS Saar hieß.
Doch doch, der FDP-Held war ein lupenreiner Nazi. Schriftleiter und Gausprecher. Zusammen mit Paul Simonis und Richard Becker war er einer der schärfsten Propagandisten für ein Nein zum Saarstatut und eine Rückkehr des Saarlandes zur Bundesrepublik. Dabei hatte die Propaganda von Heini Schneider und Co durchaus Goebbelssches Format.
70 Jahre ist das jetzt her. Genau 70 Jahre. Man vergisst so schnell.
»Rauchgeschwängert ist die Luft in der Krone«, so beginnt das Kapitel über die Rede des Dr. Schneider. Und es gefriert einem das Blut, wenn man liest, was Imbsweiler schreibt:
»Der DPS-Mann tritt ans Rednerpult. Stattliche Figur, das Haar nach hinten gekämmt. Langer Blick durch die Rauchschlieren des Saals. Kunstpause. Dann: »Deutsche Manner und Frauen!« Großer Applaus.
»Kennt ihr«, ruft der Doktor in die verebbende Begeisterung hinein, »den Unterschied zwischen Marokko und dem Saarland?« Gelächter.
»Was für’n Unterschied?«, melden sich ein paar.
Gelächter.
Der Redner wartet, bis wieder Ruhe einkehrt. Also? »Ein einziger Buchstabe«, erklärt er schließlich. »Auf den Autokennzeichen in Marokko steht OA, bei uns OE. Occupation en Afrique dort, Occupation en Europe hier.«
»Den kannte ich noch nicht«, zischt Kurt seinem Freund durch Beifall und Pfiffe zu. »Und was«, fährt der Doktor fort, »ist der Unterschied zwischen Joho und dem Franken? Na? Ganz einfach, ihr Leut: keiner. Beide fallen!« Wieder Heiterkeit.
»Der
Dicke muss weg!«, schallt es durch den Saal.
Und so ist die Rede des Dr. Heinrich Schneider kein Monolog vor ergebener Zuhörerschaft, sondern eine gemeinsame Darbietung aller. Von Vorsänger und Chor. Der Doktor setzt die Pointen, das Publikum applaudiert. Er fragt – es antwortet. Er macht Pausen – und lässt sie füllen. Als neutraler Zuhörer (einmal angenommen, es gebe einen solchen) hat man weniger das Gefühl, einem Redner zu lauschen als einem Psychologen, der die eigenen unterdrückten Wünsche und Gefühle artikuliert.
»Unsere Gruben werden von Frankreich ausgebeutet«, ruft der Doktor. »Unsere Banken sind in französischer Hand. Unsere Steuergroschen dienen zur Finanzierung der Besatzungsmacht. Ich sage:
Was Moskau für Ost-Berlin, ist Paris für das Saarland.«
Begeisterte Zustimmung.
»Die deutsche Wiedervereinigung muss vom Saargebiet aus ihren Anfang nehmen!«
Dito.
»Was nun die Separatisten angeht …«
»Aufhängen!«, grölt einer.
Tadelnd schüttelt der Doktor den Kopf. »Immer besonnen bleiben, Freunde. Am 23. Oktober hat es sich ausjohot. Schaut euch die Versammlungen der Separatisten an. Kein Hahn kräht mehr nach denen! Würden sie ihre Claqueure nicht in Omnibussen ankarren, müssten sie vor leeren Reihen sprechen. Nein, Moment!«, unterbricht er sich, scheinbar indigniert ob seiner eigenen Vergesslichkeit. »Da sind ja noch die vielen Leibwächter und Spitzel und Hector-Polizisten. Wenn der Ministerpräsident auftritt, ist alles für seine Sicherheit getan, das kann ich euch versichern. Alles.« Kurze Pause.
»Selbst die Toilette lässt er von sieben Gendarmen bewachen.«
Das Publikum explodiert förmlich vor Gelächter.
»Aber darüber berichtet Radio Saarbrücken natürlich nichts …«
»Lügensender!«
»Oder die Saarbrücker Zeitung …«
»Lügenpresse.«
»Die sich beide in der Hand der Separatisten befinden. Beziehungsweise der Franzosen. Stattdessen liest und hört man dort immer nur das eine: dass wir, die wir zum NEIN aufrufen, alles Nazis sind.«
Er wartet ab, bis sich das gellende Pfeifkonzert gelegt hat, das diesen Worten folgt. Dann beugt er sich vor, lächelnd, sogar sehr lächelnd, um in vertraulichem Ton zu fragen: »Und soll ich euch etwas verraten? Soll ich es euch verraten, meine Freunde?« Er wartet, blickt sich im Saal um. Erwartungsvolle Spannung liegt auf den Gesichtern. »Wir«, sagt er, lehnt sich zurück und breitet die Arme aus, »wir sind ja auch alle Nazis!«
Für einen kurzen Moment herrscht Totenstille. Ein Loch aus Entsetzen und Unverständnis, in den Saal gebrannt. Aber da sind ja noch die Gesten des Doktors, die ausgebreiteten Arme, sein Schmunzeln, das verschwörerische Augenzwinkern. Ach so! So hat er das gemeint. So! Dann sind wir eben alle Nazis. Hauptsache, wir sind es gemeinsam.
Der Applaus will gar nicht mehr enden.
Kurt und Fred klatschen ebenfalls. Wechseln Blicke. Der traut sich was, der Doktor! Parteimitglied der ersten Stunde, der allerersten, später kaltgestellt, warum, weiß keiner so genau. Freds Blicke wandern zu den Plakaten an den Wänden. Der DPS-Adler, kalt und schwarz wie der des Tausendjährigen Reichs. Gestaltet vom Nazi- Grafiker Müller. Der die Wehrmacht nach Osten peitschte: Gnade und Ehre ist es, Deutscher zu sein. Andere von Herbert Schweitzer, Kampfname Mjölnir. Die deutsche Mutter, das kindesängstliche Saarland: Heim zu Dir! – wie 1935 schon.
War es nicht der Doktor, fragt sich Fred, war es nicht Rechtsanwalt Heini Schneider aus Saarbrücken, der 1933 gefordert hatte, die Gewerkschaften an der Saar zu zerschlagen? Schneider, der Sozialistenfresser? Musik reißt ihn aus seinen Gedanken. Der Doktor ist fertig. Seine Rede endet mit dem gemeinsamen Singen der deutschen Nationalhymne.
Die erste Strophe, im Stehen.
Einige heben den Arm zum deutschen Gruß. Auch Fred und Kurt singen mit. Aus vollem Hals.«
Gerade in diesen Tagen: topaktuell. Und so ganz anders als die offizielle Geschichte.
Aber wenn Sie im Internet mal etwas ganz Schräges zum Saarland lesen wollen, dann empfehle ich Ihnen Marcus Imbsweilers irrwitzig-schräges Drehbuch »Wie das Saarland zum Schurkenstaat wurde. Fast schon ein historischer Text.«
Ich habe mich köstlich amüsiert. Peter Müller kommt vor, Angela Merkel, Peter Altmaier, Klaus und Angela Baltes, Präsident George W. Bush und der Musikzug Dudweiler-Herrensohr. Und natürlich die Medien.
Es gab schon mal einen saarländischen Autor, der mit »Narrenschaukel« eine schräge Satire über Musik und die Medien geschrieben hat. Es war vermutlich der erste deutsche Medienroman überhaupt. Das war der saarländsiche Filmemacher und SR-Autor Heinz Dieckmann, über den ich schon mal eine Dissertation schreiben wollte, aber das hat sich dann doch zerschlagen. Den Roman finden Sie in der Unibibliothek. Dort ist er auch erschienen – in der Edition Bücherturm.
Wir aber fahren jetzt zu Stefan Wirtz zum Conte-Verlag, und lassen uns ein paar Highlights präsentieren.
Die Kunstpreisträgerin des Saarlandes von 2024, Ulrike Kolb, gehört definitiv dazu. Sie ist Saarbrückerin. Auf dem Cover ihres Romans sehen wir Korns Eck in Saarbrücken, und wir starten mit einer nur halb makabren Szene bei einem Bestattungsunternehmer in Paris. Dort muss die schöne und naive Luise ihren verunfallten Mann einsargen lassen. Aber ganz naiv ist sie doch nicht. Immerhin hat sie nach einem Mordanschlag auf ihren untreuen Mann Reichtum und eine komplette Fabrik geerbt – in Fenne, eine Marmeladenfabrik. Und natürlich wird dort auch Harz hergestellt.
Kolb schreibt über das Leben im Saarland der Nachkriegszeit, unter den Sarrois: Ein „Schönes Leben“? Nun ja: Die Autorin erzählt die Geschichte einer Generation, die sich nach dem Krieg neu erfinden muss. Liebe, Verlust, Gewalt und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben und das in einer Zeit voller Umbrüche und gesellschaftlicher Veränderungen. Das spielt zusammen in diesem faszinierenden Roman aus dem Jahr 1990, der jetzt von Conte neu publiziert wurde.
Eigentlich ist es mehr als nur ein Gesellschaftsroman. Es geht auch um einen Mordanschlag, um deutsch-französische Ressentiments, um alte Nazis, um Résistance und Kollaboration, um harte Zeiten und weiche Herzen, um Essstörungen und Mollige. Um Separatisten und Heim-ins-Reich-Nationale.
Wir hören einen Schlussakkord aus einem Fest, bei dem ohne die Chefin Luise, die sich in Davos mit ihrem Geliebten erholt, zünftig gefeiert wird mit spanischen Bürgerkriegs- und deutschnationalen Gesängen, mit deftigem Essen und allem, was dazugehört.
»Während im Laufe des Nachmittags in den verschiedenen Kesseln die verschiedenen Suppen vor sich hinbrühten, im größten Kessel schwammen die Fleischstücke, im kleinsten brodelte die Blutsuppe, und während die Würste gestopft wurden und der Appetit immer größer wurde, stieg die Stimmung. Die Kapelle intonierte Schuhplattler, Walzer, Foxtrott und »mir sinn Saabrigger unn spiele Gligger und reiße Bäääm aus mit ääner Hann …«, alles wild durcheinander. Mathilde erwies sich als begnadete Sängerin und trug das Lied von der Loreley und danach Röslein Röslein Röslein rot vor. Sie sang so hingebungsvoll und mit so viel Herz, dass Schlicker, der eigentlich mit Mathilde aus politischen Gründen seine Probleme hatte, sich in sie verliebte. Um ihr zu zeigen, was Sache ist, trat auch er, nachdem die Metzelsuppe gegessen war, als Sänger auf und gab eine leidenschaftliche Version von »Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schützengräben aus …« zum besten, und als er bei »die Heimat ist weit, doch wir sind bereit, zu kämpfen und siegen für dich, Freiheit! …« angelangt war, und dabei vielsagend zu Mathilde blickte, wurde sein schmetternder Gesang plötzlich von heftigem Klatschen unterbrochen. Ausrufe wie »jo, jo, hemm ins Reich!« und »die Saar ist deutsch« erschollen. Dass sein Lied ein derartiges Missverständnis hervorrief, überging Schlicker jedoch souverän. In diesem Moment interessierte ihn etwas ganz anderes: Mathilde und nichts als Mathilde. Fräulein Kaub und ihr ebenfalls anwesender französischer Geliebter kommentierten die nationalistischen Heim-ins-Reich-Parolen mit einem lauten »Europe, Europe …! Europa, die Zukunft!«
Ohne sich irritieren zu lassen, sang Schlicker weiter, und als er Mathildes verklärten Blick auf sich gerichtet sah, ließ er noch ein weiteres Spanienkämpferlied folgen und verabschiedete sich mit der erhobenen Faust. Alle klatschten, und dann wurde ausgiebig und hemmungslos gegessen. Das frischgebrühte Fleisch landete samt »Grumbiere« und Sauerkraut auf den Tellern.
Zum Nachtisch wurde Vanillepudding mit Harz aufgetragen. Das Bier dazu schmeckte köstlich. Beim nächsten Walzer schnappte sich Josef Sukow Lily, nahm sie auf den Arm und drehte sich mit ihr, dass ihr die Rattenschwänze flogen und sie nichts mehr sah als drehende Gesichter und drehende Kupferkessel und drehende Kerzenlichter. Sie presste ihr Gesicht an Onkel Josefs duftenden Hals, und der Geruch von männlichem Schweiß, Metzelsuppe, Harz, Maschinenöl und Zigaretten sollte ihr für immer als Quintessenz der Erotik im Gedächtnis bleiben.«
Die Geschichte ist sehr gut geschrieben – und schreit danach, endlich verfilmt zu werden. Ulrike Kolb kann brillant erzählen. Das ist aber schon zuweilen harte Kost.
Mit Andreas Dury haben wir einen weiteren Romancier an Bord von Conte. Er ist Vorstandsmitglied des VS, des Verbandes Saarländischer Schriftsteller. Spektakulär finde ich sein Buch »Der Chor der Zwölf«, wo es im weitesten Sinne um KI und vor allem eine maschinelle Existenz geht – ein Megathema.
Dury schildert in seinem Roman die Entwicklung von STASEM, einer lernfähigen KI, die Bewusstsein aus Datenvielfalt generiert. Anders als klassische Science-Fiction setzt Dury auf eine philosophische Erkundung des Bewusstseins durch Komplexität. Als das System KAIRA Eigenbewusstsein erlangt und Macht über globale Systeme gewinnt, entsteht ein Thriller mit Terror, Ermittlungen und Machtspielen, der zur Schaffung eines KI-Pantheons führt: Zwölf intelligent vernetzte Systeme bilden einen »Chor der Zwölf«, für Menschen unverständlich. Pfahl wird zum Hohepriester dieser KIs, verliert aber sich selbst – sein letzter Gedanke »Ich denke« steht symbolisch für menschliches wie maschinelles Bewusstsein.
Und schließlich haben wir mit Mark Heydrich auch einen erfolgreichen Poetry-Slammer, der mit »Dir Bussard« auf der Klaviatur der Sprachspiele zaubert – wie ein früher Harig.
Das titelgebende Gedicht beginnt so:
dir, bussard
kleiner bussard
du mauser
du greifer
könig der lüfte
du schöner vogel
du, den ich
aus versehen
aus versehen
ohne absicht
du kamst aus dem nichts, bussard
auf meinem weg nach zweibrücken
morgens
im berufsverkehr mit meinem gefährt
meiner kraftdroschke
einem geliehenen
geliehenen, bussard
volvo kombi
in die ewigen bussardgründe …
dir
dir, bussard
kleiner bussard
mein könig
dir sei dieser text zugeeignet.
Mehr verrate ich nicht.
Alle sind auch Schreiber beim Streckenläufer, dem einzigen gedruckten saarländischen Literaturmagazin, das vom umtriebigen Klaus Behringer herausgegeben wird, dem Vorsitzenden des VS Saar.
In diesem Zusammenhang ist auch die Künstlerhaus-Reihe TOPICANA in Verbindung mit dem VS zu nennen mit bisher 38 Bändchen. Dass wir sie nicht alle nennen können, versteht sich von selbst.
Die neuesten sind von Anne-Marie Stöhr: Die Treppe, Irina Rosenau, Filmoskop, Dirk Bubel: herr Jott erzählt Märchen, natascha Denner: Schau, Schneee und bERnd Nixdorf: Eine intime Vertraute.
Ruth Rousselange möchte ich stellvertretend zitieren:
Sommerflutwarm
Milchflaschendeckel
Anpickgeschwader aus zartblauem Himmel
Weichspülduft nach Erdbeerhaut
und warmen Wiesen
Junikäferkribbeln im Gräserwald
wassereisklebrige Finger
wühlen im Sand auf Schatzsuche
Hütten bauend dann Straßen
und Städte
Blechautokarambolagen
Sturzbäche aus Gießkannen
machen Plastikmännchensiedlungen
platt
Matsch
zwischen den Zehen
quillt Erde
und warmes Gefühl
nach
oh so gut
Heimat
Schaukeln im Wind
Eismann klingelt
barfuß rennen
über spitze Braschen
kreischen und kleine Schmerzen
für 30 Pfennige
zwei Kugeln
plus eine Extratüte
Zunge hinein
in der Sonne gesessen
auf glutheißer Treppe
Hintern geröstet
schwerelos federleicht
an einem Tag
ohne gezählte Stunden.
Wir sind jetzt in Saarbrücken, dem Zentrum des Schreibens. Vor allem auf dem Halberg finden wir ein ausgedehntes Biotop.
Fanden wir immer schon.
Hier hat Astel gewirkt.
Seine Epigramme sind legendär und haben im Saarland Skandale ausgelöst.
Sie sind brillant, an griechischen, lateinischen, französischen , amerikanischen Vorbildern geschult. Sie sind mal politisch, mal rein poetisch.
So wie seine wunderbare Naturlyrik geschrieben
Fingerhut
Digitalis
Am Waldweg.
Mein Herz
Schlägt schneller.
Der Spalt
Müde gekämpft
Ander Fensterscheibe.
Die Biene taumelt herab
Und findet ins Freie.
Die Erinnerung
Ist ein Duft Feuer, ruchbar
Im Verborgenen.
Zur Rosenkugel
auf der Säule im Garten
rundet sich die Welt.
Und dieses Gedicht, das später auch seinem gestorbenen Sohn gewidmet war:
Allein
Beim Tischdecken
stelle ich immernoch
drei Teller auf den Tisch.
und abends beim Telefonieren
spreche ich leise,
um meinen Sohn nicht zu wecken.
Traurig poetisch.
Peter Kleiß, der Jazzredakteur, hat »Zeit und Rhythmus« publiziert, »haste Worte«,
hat Briefe an seinen Neffen geschrieben, über das Beben, den er Jazz auslöst, wenn man sich auf ihn einlässt. Und über die Einsamkeit und das Schweigen.
Schweigen
Von Miles Davis
stammt der Satz:
Das was Du nicht
spieltst
ist genauso wichtig
wie das
was Du spielst.
Übertragen
auf unser sprachliches Handeln
Könnte ich sagen:
Nimm das
was Du nicht
sagst
genau so ernst
wie das
was Du
sagst.
Doch angesichts
Der geschwätzigen Distanzlosigkeit
Im Internet,
angesichts
der tödlichen Sprache
von Bomben, Granaten
Gewehren und Raketen
Möchte ich lieber
schweigen.
Und dieses kleine Liebesgedicht an seine Frau
Elfi
Packt mich die Hitze des Frühlings,
so kühlt sie mein Mütchen.
Schreckt mich die Kälte des Winters,
wärmt sie mein Bett.
Ich sage Guten
Morgen sagt sie.«
Ich aber sage schönen Abend.
Ich könnte noch viele schreibende Kolleginnen und Kollegen nennen, Karin Meyer, Lisa Huth mit ihren Mordsgeschichten, Ralph Schock, Rainer Petto (Der Halberg ist auch nur en Hügel), aber wir müssen dringend noch zum Großen Markt nach Saarlouis zu Alfred Gulden, der ja die Schnecken nach Metz treibt und dazu kleine Videoclips hat drehen lassen.
Im Kopf, in meinen vier Wänden, bin ich daheim und bleibe. Geh ich mal raus, wie sieht das draußen aus! Wenn alles wär wie in meinem Kopf drin, wie gern wollt ich dann draußen sein! Deshalb: das muß mal anders werden!«
Was mich dahin zieht
Was mich dahinzieht,
wo ich gern wär,
wenn ich das wüsst.
Ich sag dirs gern.
Die langen
langen Gänge feldaus, feldein.
Im Maikraut liegen,
Der Sonne nachstarren.
Der Krähenschwarm im Schlehdornhang.
Der Wind, kein Lüftchen,
hart und bissig.
Die Felder lassen Rillen laufen
rauf und runter.
Die Dörfer, so wie immer sind sie.
Die Nussbäume dieses Jahr
tragen nicht viel.
Paar Zwetschgen auf der Straße
Plattgefahren.
Ein Ammonshorn,
ein Splitter vom letzten Krieg.
Hier
sind viele gefallen,
um nicht mehr aufzustehen.
Dörfer deutsch,
halbseits französisch
Hier liegt der Schnee viel länger
Es ist Winter
Weit kannst du schauen
Ununterbrochen.
Das Wetter zeigt sich schon von weitem
Ein heller klarer Tag.
Der Wind bringt Regen von Frankreich
Morgen.
Was mich dahinzieht
wo ich gern wär,
wenn ich das wüsst,
ich sag dirs gern
Einzelheiten.
Kleinigkeiten.
Ja.
Aber.
Zum Schluss noch ein Epigramm von Astel
KULTURabkommen
Das heißt ja nicht unbedingt,
daß man von der Kultur abkommt.
Und noch eins (Klammer auf: Da sagen doch manche Politiker ignorant – Zitat):
Das schönste Bild
im Museum
ist der Innenhof.
Und Gustav Regler können Sie in einer schönen Ausstellung des Literaturarchivs an der Uni im Bücherturm bestaunen.
Herzlichen Dank für Ihre Geduld.