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Archive for the ‘Roman’ Category

Es gilt das gesprochene Wort oder nicht – Wortmanns Worte und ihre Helden: Exzellent sprechen, nicht sprechen können, nichts sagen mit vielen Wörtern

In Belletristik, Diplomatie, Roman on September 5, 2022 at 9:50 pm

Es gilt das gesprochene Wort ist der Debütroman von Sönke Wortmann

„Die Sprache ist der Zugang zur Welt, und diesen Zugang habe ich nicht. Ich weiß, dass ich deswegen manchmal unterkühlt wirke, unnahbar und distanziert. Aber das bin ich eigentlich gar nicht. Es ist nur die Angst, nicht gut genug zu sein, nicht gut genug besonders für Dich, der die Sprache so liebt und so gut mir ihr umgehen kann“. Sagt Maria, die meist schweigende Freundin Franz-Josefs Klenkes, der vom Werbefuzzi zum Redenschreiber des Außenministers avanciert ist. Maria schweigt in der Öffentlichkeit, weil sie an Mutismus leidet. Fast hätte sie Klenke verlassen, aber sie bleibt dann doch. Und as ist gut für Sönke Wortmanns ersten Roman, denn Maria wird gegen Ende des Romans noch eine zentrale Rolle spielen.

Dritter Protagonist neben Maria und Klenke ist Cornelius von Schröder, der eigentlich Karrierediplomat werden wollte, auch wegen familiärer Traditionen, aber auf der höheren Beamtenlaufbahn des Auswärtigen Dienstes steckengeblieben ist, der Probleme mit seinem Dienstsitz Marokko, mit der Wüste und mit seiner Ehe hat. In Cornelius von Schröders Leben gibt es weder Liebe noch Geborgenheit. Er verbringt zu viel Zeit im Interne, liest radikalen Müll und radikalisiert sich selbst.

Während Außenminister Behring und sein Team die Welt verbessern wollen, steigert sich der unglücklich gescheiterte von Schröder in Verschwörungstheorien, nachdem sein Frau eine Auszeit genommen und mit den Kindern nach Chile zu ihren Eltern gereist war. „Vor Schröder hatte sich ein Abgrund aufgetan“, schreibt Wortmann. Und ab diesem Zeitpunkt dreht er ab, flippte er weg. Schröder, der sexuell und beruflich Frustrierte…

Und als er mit seinen Verschwörungstheorien etwa zum World-Trade-Center-Anschlag bei Kollegen aneckt und mit harschen Worten zurechtgewiesen wird („… muss ich Dir heute leider mitteilen, dass das alles großer Humbug ist“), ist sein zu einer Riesenfehler schon vorgezeichnet.

Derweil reüssiert Klenke. Man sieht ihm beim Reden-Produzieren zu, liest Obamas große Wahlrede, man erfährt, wie die Schreiber die großen Worte bei großen Vorbildern zusammensuchen, auf dass daraus große Auftritte werden.

„Es gehört nun eben auch dazu, dass man in Reden zwar nicht unbedingt die Unwahrheit sagt, aber manche Wahrheit auch nicht ausspricht“, heißt es im Klappentext.

Es geht aber immer auch um Sprache und Kommunikation. Das ist die Metaebene dieses brillanten Romans. Es gilt das gesprochene Wort oder nicht: Exzellent sprechen, nicht sprechen können, nichts sagen mit vielen Wörtern – all dies spielt eine wichtige Rolle. Es gilt das gesprochene Wort (oder das nicht Ausgesprochene).

Hach, es ist ein Fest für Wort-Fans und Kommunikative, für Menschen, die sich noch begeistern lassen von Politik. Sönke Wortmann ist ein Meister der Worte, nicht nur des Films und der laufenden Bilder. Und die kommunikativen Pointen des Romans begeistern.

Unser Tipp: Unbedingt lesen.

Armin König / Sigrid König

Sönke Wortmann: Es gilt das gesprochene Wort. Ullstein, Berlin 2021, ISBN 978-3-550-20059-5.

Davit Gabunia – Farben der Nacht – Ein bärenstarkes Debüt

In Roman on Oktober 24, 2018 at 8:51 pm

Davit Gabunia – Farben der Nacht
Ein bärenstarkes Debüt – Der Paul Auster Georgiens
Rowohlt Berlin

„Er steht und schaut. Hinunter auf ihn. Steht reglos, ebenso reglos, wie der daliegt, auf den er hinunterschaut“.
Davit Gabunia, herausragender Literaturkritiker in Georgien, steigt unvermittelt ein ins Geschehen bei seinem Romandebüt „Farben der Nacht“. Das geht gleich mitten rein in die Sinnesorgane. „Wie eigenartig Blut riecht“. Und er weiß, dass er diesen Geruch nie mehr vergessen wird, und er prägt sich die Szenerie ein: „Er steht und schaut auf den Körper hinunter. Schön ist er, denkt er. Diesen Gedanken kann er nicht zurückhalten“. Die „Farben der Nacht“ beginnen höchst intensiv mit einer Blutlache und einem sterbenden Körper mit zerschmetterter Stirn. Da ist einer, der diesen Todesfall fotografiert und dabei wohl Befriedigung empfinden wollte, aber nicht kann.
Harte Story, hartes Leben in Georgien, hartes Schicksal. Und eine knallharte Story. Hemingway? Könnte hinhauen, ist aber zu lange tot. Es gibt einen besseren Vergleich: Davit Gabunia ist der Paul Auster Georgiens, lakonisch und foto/filmbegeistert, das kann kein Zufall sein.
Ob dieser Fotograf, der steht und schaut, Surab ist, der Mann ohne Job, der sich um die Kinder Gio und Datuka kümmert, während Tina im Büro arbeitet? Bestimmt. Denn Surab ist nach dem einführenden Kapitel über den ermordeten jungen Mann der Erste, der zu Wort kommt.
Surab erinnert sich an den Moment im August 2012, an dem er den Mann mit dem roten Alfa Romeo zum ersten Mal in seinem Wohnblock in Tiflis gesehen hat. Der Name des jungen Mann ist Schotiko. „Es war ein völlig unnatürliches Rot“, lässt Davit Gabunia seinen Anti-Helden Surab sinnieren. Der langweilt sich, weil die Kinder bei der Schwiegermutter untergebracht sind (- es sind Sommerferien -) und die Frau Tag für Tag Überstunden macht und spät nach Hause kommt. Und so beobachtet Surab heimlich den Nachbarn im Nebenblock, sieht, wie zwei offensichtlich schwule Jungs auf dem Sofa sitzen und miteinander knutschen. Es ist der Beginn einer verhängnisvollen Obsession.
Das turbulente Jahr 2012, als die Georgier zunehmend unzufrieden werden mit ihrem Präsidenten Saakaschiwili, wird zur Folie und zum Rahmen der Krimigeschichte, die ziemlich schnell Fahrt gewinnt.
Surab wird zum heimlichen Beobachter des Alfa-Romeo-Nachbarn und stellt bald fest, dass der Alfa-Fahrer einen Romeo empfängt, einen hohen Beamten vom Staatsschutz. Das weiß er kurze Zeit später, weil er den Schlips-Typen im Fernsehen gesehen hatte.
So plötzlich wird das Setting Hitchcock-mäßig: Natürlich ist es das „Fenster im Hof“, das der erfahrene Autor und Kritiker Gabunia im lakonischen Paul-Auster-Stil wieder aufleben lässt. Am 28. August macht Surab die ersten drei Fotos vom mittelalten Staatsicherheitbeamten Merab und seinem jungen Romeo Schotiko, die er später wieder löscht, damit seine Frau Tina – es ist ihre Kamera – nicht sieht. Tags darauf sind es schon 200 kompromittierende Fotos. Er löscht wieder alle bis auf 30, die er auf den Laptop zieht und in einem Musikordner versteckt – in „einem Unterunterordner des Ordners“. Wie manche Männer das wohl so machen.
Surab ist unzufrieden, weil seine Frau nicht mit ihm schläft, weil sie entweder zu müde ist oder keine Lust hat. So wird die Ehe zum Frust. „Es ist sowas von ätzend, wenn sie nicht will und nur ich will. Das ist doch kein Sex mehr. Für sie ist es Pflicht geworden. … Manchmal glaube ich, sie hat mich satt.“ Neun Jahre sind die Beiden verheiratet, der 31jährige Surab sagt, er habe seine Frau noch kein einziges Mal betrogen. Um so mehr ärgert er sich, dass sie in diesem heißen August nicht scharf auf Sex ist. Tina aber ärgert sich, weil Surab sich verändert hat, extrem spät ins Bett geht und tagsüber verschlafen durch die Wohnung wandert.
Also vertreibt Surab sich die Zeit mit Spannen und Fotografieren – oder mit dem Taugenichts Ika, Sie saufen und kiffen zum Ärger von Tina.
Während die Ehe von Surab und Tina zunehmend kriselt und schließlich aus den Fugen gerät, nimmt auch die Geschichte der schwulen Lover Fahrt auf. Es kommt zum großem Eifersuchtsdrama, während in Tiflis die politische Lage kritisch wird. Nachdem im Fernsehen schwer zu ertragende Videos kursieren, wonach in den georgischen Gefängnissen gefoltert wird, herrschen in der Stadt „apokalyptische Verhältnisse“: Die Menschen begehren auf und wehren sich, schließen sich zu einem Oppositionsbündnis zusammen und gehen wütend auf die Straße
Am 2. September 2012 geschieht schließlich etwas, was alles verändert…
Surab filmt, was er nicht hätte filmen sollen. Ein Eifersuchtsdrama. Einen Mord. Und mit einer Erpressung will er eine Stelle bekommen, um seine Ehe, seine Familie, sich selbst zu retten.
Natürlich wollen wir nicht spoilern und hier nicht mehr verraten.
Das Buch fasziniert. Es ist hart und gut.
Armin König

 

Davit Gabunia: Farben der Nacht

übersetzt von: Rachel Gratzfeld

Rowohlt Berlin 2018. 192 Seiten

ISBN:  978-3-7371-0041-0