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2030: Auf dem Weg in eine alternde Gesellschaft – Realistische Szenarien statt trendiger Albernheiten

In Politikwissenschaft on April 19, 2009 at 8:35 pm

Horst W. Opaschowski (2008): Deutschland 2030: Wie wir in Zukunft leben. Gütersloher Verlagshaus. 29,95€

Es ist nicht mehr zu leugnen, auch wenn sich viele Politiker noch immer scheuen, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen: Demographischer Wandel findet statt. Er hat erhebliche Auswirkungen auf viele politische und gesellschaftliche Bereiche. Deutschland altert, mehr als ein Viertel der deutschen Kommunen ist von Schrumpfung betroffen, während Metropolen boomen. Die Deutschen sterben zwar nicht aus, wie Birg 2001 prognostiziert hatte, aber die Gesellschaft verändert sich signifikant. Horst W. Opaschowski wagt auf der Basis repräsentativer Daten Prognosen, wie die Deutschen 2030 vermutlich leben werden. Das Buch bietet Material in Fülle zu aktuellen Einstellungen und Zukunftseinschätzungen der Deutschen von der Arbeitswelt über Konsum, Umwelt, Medien, Sport, Urlaub und Freizeit, Bildung und Kultur, urbanem Wohnen, Ehrenamt, Vorsorge, Sozialwelt und Wertewelt 2030. Dabei entlarvt Opaschowski zahlreiche Verheißungen der Vergangenheit als Mythen. Dazu zählten Begriffe wie „flache Hierarchien“ (114), „Work-Life-Balance“ (116), „Zeitpioniere“ (113) oder auch die „Jobnomaden“ (111), die auf der Jagd nach Erfolg „zu jeder Zeit und von jedem Ort aus ein ‚mobiles Office’ mit Handy, Laptop und geteiltem Schreibtisch“ (111) betreiben.
Drastisch gesagt: Da ist allerlei Humbug dabei. Gefragt sind realistische Szenarien statt trendiger Albernheiten.
Opaschowski belegt, dass sich 2008 die Zahl der Befragten, die auch in Zukunft auf geregelte Arbeitszeiten und Festanstellung hoffen, gegenüber 2003 um 12 Prozentpunkte erhöht hat. Die Deutschen bleiben sehr konservativ – in einer alternden Bevölkerung könnte sich dieser Trend verstetigen. Lineare Prognosen sind ohnehin nicht möglich – die Wirtschafts- und Finanzkrise hat schon die Mehrzahl der aktuellen Prognosen ad absurdum geführt. Umso mehr gilt dies für langfristige Vorhersagen. Mögliche Szenarien lassen sich allerdings auf der Grundlage von Wählererwartungen entwerfen. Das ist richtig und wichtig, um gegensteuern zu können. Opaschowski liefert dafür einiges an Material.

Auch Themen wie die „kulturelle Spaltung der Gesellschaft“ (421), Stress-Situationen und persönliche Belastungen der „Sandwich-Generation“ (498) werden angesprochen. Zu den wichtigen Themen zählen auch die Zukunft der Städte und die Anforderungen an eine alternde Gesellschaft. Partizipation sucht man leider vergeblich, auch Governance findet nicht statt.
Das umfangreiche Buch ist flott geschrieben und eignet sich gut als Einstieg zum demographischen Wandel in der politischen Bildungsarbeit.

(c) 2009 Armin König

Demografischer Optimismus: Zukunftsgestaltung statt Alarmismus

In Politikwissenschaft on März 9, 2009 at 9:07 pm

Claudia Bogedan, Till Müller-Schoell, Astrid Ziegler (Hrsg.) (2008): Demografischer Wandel als Chance. Erneuerung gesellschaftlicher Solidaritätsbeziehungen. Hamburg: VSA-Verlag. 14,80 €

Es wird sehr kontrovers diskutiert über den demographischen Wandel in Deutschland. Der Einstieg in den Sammelband „Demografie als Chance“ erfolgt deshalb plakativ: „Der Umstand, dass sich die deutsche Gegenwartsgesellschaft in einer Phase des demografischen Umbruchs mit steigender Lebenserwartung, niedrigen Geburtenraten und entleerenden Regionen befinden, hat wissenschaftlichen und medialen Nachhall gefunden“, schreiben die Herausgeber Claudia Bogedan, Till Müller-Schoell und Astrid Ziegler. Über die Bewertung dieses wissenschaftlichen und medialen Echos gehen die Meinungen auseinander. Die Autoren stellen fest, dass der Wandel der Bevölkerungsstruktur „zumeist in grellen, alarmistischen Farben und Karten diskutiert“ (6) werde. Beliebte Bilder der „Alarmisten“, zu denen vor allem Herwig Birg zu zählen ist, sind die „demografische Katastrophe“, die „Gerontokratie“ und der „Demografie-Tsunami“. Angesichts dieser grellen Bilder haben sich zwei Lager formiert. „Die eine Seite sieht den demografischen Wandel als unabänderliches Schicksal, dem die Politik mit Entschlossenheit begegnen solle. Einschnitte in den solidarischen sozialen Sicherungssystemen, eine Ausdehnung der Lebensarbeitszeit und die Bildung so genanter branchen- und regionalpolitischer Leuchttürme sind Folgen dieser Politik“, schreiben Bogedan, Müller-Schoell und Ziegler kritisch. „Die anderen sehen den demografischen Wandel als gestaltbare Aufgabe die gesellschaftlich bearbeitet werden müsse.“ (7)

Wie sehen „Handlungsoptionen des gestaltenden Staates“ (18) im demografischen Wandel auf den Politikfeldern Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Soziales aus, wenn man Schrumpfung und Alterung nicht nur negativ sieht? Die Hans-Böckler-Stiftung hat sich diesem Thema in einer Tagung unter dem Titel „Chancen des demografischen Wandels“ gewidmet, der Sammelband fasst die Ergebnisse zusammen. Die negativen Entwicklungen werden nicht geleugnet, aber die Autoren suchen nach Alternativen. Senioren werden als Wirtschaftsfaktor beschrieben, Innovationsimpulse sieht Scharfenorth in der Altenpflege und der Krankenversorgung. Hilbert / Dahlbeck / Enste bewerten die Gesundheitswirtschaft als Zukunftsmotor, weil sie „eine ausgesprochen positive Wachstums- und Beschäftigungsdynamik entfaltet“ (62). Naegele plädiert für Reformen im Sinne einer „sozialen Lebenslaufpolitik“ (135), die auf eine andere Verteilung der Arbeit und eine bessere Absicherung von Risiken abzielt, die auch durch unterbrochene Erwerbsbiografien entstehen. Außerdem setzt Naegele Akzente bei der „institutionalisierte Förderung von kontinuierlichem oder lebenslangem Lernen“ (136). Neue Impulse für die Gestaltung des demografischen Wandels in der betrieblichen Praxis erwartet Ruf, wenn die Beschäftigungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer systematisch verbessert wird – in gemeinsamen Anstrengungen des Unternehmens und der Beschäftigten. Beetz fordert „einen anderen öffentlichen und politischen Diskurs“ (61) in der Regionalisierungs- und Peripherisierungsdebatte. Statt Schwarzmalerei sei das Offenhalten von Optionen für kreative Lösungen gefragt. Das setzt allerdings voraus, dass die öffentliche Hand bereit ist, den Wandel zu steuern und dabei auch periphere Regionen nicht abzuschreiben. Man dürfe nicht allein auf Wachstumskerne setzen. Der Sammelband, der sich an Praktiker in Politik, Gewerkschaften und Unternehmen richtet, korrigiert das negative Bild des demografischen Wandels, kann aber nur erste Ansätze für positive Impulse in Einzelbereichen liefern.

(c) Armin König 2009

Interessante Links:

Armin König: Illingen 2030 – Bürger planen Zukunft im demografischen Wandel
http://www.arminkoenig.de/Publik/Demographie_2030_Koenig_IHK_Book.pdf

Armin König: Bürger planen Zukunft im demografischen Wandel. BOD.
über Google-Books