Stadtwissen66

Posts Tagged ‘Die Linke’

Unter Linken – eine vergnügliche Polemik von einem, der dem linken Sauertopf entstieg und aus Versehen fröhlich konservativ wurde

In Sachbuch-Bestenliste on Juli 5, 2009 at 10:48 pm

Jan Fleischhauer (2009): Unter Linken – Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Reinbek: Rowohlt. 16,90 €

Lessing war ein brillanter Polemiker. Sein Anti-Goeze ist noch heute ein Glanzlicht deutscher Polemik. Und auch in seiner Hamburgischen Dramaturgie teilte er ordentlich aus.

Aber es gibt auch eine Neue Hamburgische Dramaturgie, und die beherrscht Jan Fleischhauer, exzellenter Schreiber und glänzender Polemiker, ausgezeichnet. Elegant und rasant, wie Fleischhauer das Florett führt und seine Pieken auf die Gralshüter linker Politik setzt. Chapeau, monsieur! Auf Seiten der Linken heulen die Getroffenen wie erwartet auf – und reagieren nicht nur pikiert, sondern zuweilen auch grob, wie wir der Presseschau und dem „unter-Linken-Blog“ entnehmen. Es ist immer wieder das alte Spiel: Die Wächter des rechten (linken) Glaubens verstehen keinen Spaß, wenn es um Fundamentaltheologie linker Politik geht.

Linkssein ist offenbar immer noch eine Ersatzreligion. Wer im politischen Geschäft aktiv ist, erlebt es noch immer und immer wieder – es hört nicht auf, dieses Moralapostolat, dieses Denunziantentum gegenüber Freigeistern, die sich nicht der linken Political Correctness unterwerfen wollen.

Fleischhauer beschreibt seine Sozialisation in dieser Hamburgischen Ersatzreligion treffend: „Die SPD war in meiner Familie weit mehr als ein Zusammenschluss Gleichgesinnter, sie galt bei uns als eine Art politischer Heilsarmee, die Deutschland von den Resten des Faschismus reinigen und in eine bessere, gerechtere, demokratischere Zukunft führen würde. Sie stand für das Gute im Land, sie verkörperte in der Summe ihrer Mitglieder und Anhänger gewissermaßen die in Deutschland verfügbare Gutherzigkeitsmenge.“ (10)

Es tut gewiss weh, so charakterisiert zu werden.

„Vielleicht redeten wir deshalb auch nie von der SPD als SPD, sondern immer nur von der Partei, so wie in katholischen Haushalten andächtig von der Kirche gesprochen wird, eine von mehreren überraschenden Parallelen zwischen linker und christlicher Welt, wie ich später feststellen konnte.“

Das Moralapostolat wirkte bis in die Imbisskost. Der gute Jan musste ohne Coke und ohne Pepsi, ohne Nesquik und ohne Zitrusfrüchte aufwachsen, weil die politisch nicht korrekt waren. Aber : „Man kann auch ohne Nesquik und Zitrusfrüchte eine glückliche Kindheit verleben“. (13)

Nach seinem Studium erlebte Fleischhauer sein Paulus-Erlebnis, dafür sorgte der konservative Altmeister der Sprachkritik: Wolf Schneider. Jeder gute Zeitungsvolontär hat irgendwann Schneiders „Deutsch für Profis“ studiert. Dass der große alte Wolf Schneider den jungen Fleischhauer nicht nur gelehrt hat, Deutsch für Profis zu schreiben, sondern auch genau zu beobachten und gut zu analysieren, freut uns. Ohne ihn wäre Fleischhauer vielleicht nicht auf den Pfad der Tugend geraten. Auch ich habe Schneider einiges zu verdanken. Deshalb kann ich Fleischhauers fliegenden Wechsel auch gut nachvollziehen.

Er nimmt die Leser mit auf seine politische Abenteuerreise.

Fleischhauer beschreibt, dass es in „der Meinungswirtschaft“, in der er sein Geld verdient, „praktisch nur Linke“ gebe. Das stimmt weitgehend, die Konservativen gehen meist auf Tauchstation. „Die Linke hat gesiegt, auf ganzer Linie, sie ist zum Juste Milieu derer geworden, die über unsere Kultur bestimmen“ (14).

Dass dies so ist, bewiesen diverse Verrisse von Fleischhauers Buch. Besonders rechthaberisch kommt Frau Dr. Julia Encke von der FAS daher, die auch noch erläutern muss, dass ihre Kritik als Totalverriss gedacht und ironisch geschrieben sein. Hei, wie wir das lieben: Beiträge, unter denen in dicken Lettern zu lesen ist: Achtung Satire!

Natürlich kann man der Meinung sein, dass man all die Argumente schon mal gelesen hat: Von der „Erfindung des Opfers“ – viele Linke fühlen sich fälschlicherweise als Opfer irgendwelcher Verhältnisse -, über linken Neid, den Sonnenstaat, den Sozialdemokraten und Gewerkschafter gern aufbauen – Lafontaine war dabei besonders konsequent – , bis hin zum gestörten Verhältnis der Linken zu den Juden und zur Larmoyanz einer sozialdemokratisch oder gewerkschaftlich sozialisierten Funktionärsschicht. Fleischhauer lässt nichts aus, bedient sich auch gern diverser Klischees aus dem Stehsatz der Polemik. Die Kritik muss er aushalten. Auch hätte das Buch getrost 100 Seiten weniger haben können (es hat 350).

Aber eines stimmt:

So schön und so fröhlich hat noch keiner, der dem linken Sauertopf entstieg, dem juste Milieu linker Rechthaber die Leviten gelesen. Das Buch eignet sich als exzellent als Grundlage für politischen Small- und Big Talk – und als Geschenk für Linke und Konservative. Nur Medienmenschen sollte man es eher nicht schenken, die nehmen’s womöglich persönlich. Gell, Frau Encke?

(c) Armin König 2009

Franz Groll: Linke Visionen vom Ende der Wirtschaft

In Politikwissenschaft on Mai 3, 2009 at 9:16 pm

Franz Groll (2009): Von der Finanzkrise zur solidarischen Gesellschaft : Visionen für eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung. Hamburg: VSA-Verlag. Gemeinsam verlegt mit Publik-Forum Edition. € 16,80

Wer wissen will, wie maßgebliche Politiker der Linken die Zukunft der Wirtschaft sehen, der sollte Franz Grolls programmatisches Buch „Von der Finanzkrise zur solidarischen Gesellschaft“ lesen. Vor dem Hintergrund der Diskussion weiterer rot-roter Bündnisse in den Ländern ist dies mehr als nützlich, um Leitbilder und Ziele einer explizit linken Wirtschaftsordnung zu erkennen und zu diskutieren. Franz Groll stellt seine Utopien prägnant dar.

Groll hat eine ungewöhnliche Biographie. 25 Jahre lang war er Mitglied der CDU, bevor er zu den Grünen und schließlich zur WASG/Die Linke wechselte. In der Kurzbiografie des Linkenpolitikers steht: „Von Beruf Maschinenschlosser und Ingenieur, kündigte nach 26jähriger Tätigkeit bei IBM, um für die Diözese Jérémie in Haiti ein Berufsausbildungszentrum aufzubauen.“

Groll beginnt mit der Feststellung, dass uns der Klimawandel zum Handeln zwinge. Er fordert eine Ökologisierung und ein Ende der Globalisierung. Sie müsse durch die „Schaffung regionaler, homogener Märkte abgelöst“ werden (31). Es soll ein System werden, „das kein Wachstum benötigt“ (31). Nach dem Vorbild der „Bezugsscheine“ aus „der Kriegs- und Nachkriegszeit“ (31) wird die Ausgabe von Umweltzertifikaten (UZ) an alle Konsumenten vorgeschlagen. Diese sollen „an alle Verbraucher kostenlos, aber limitiert, ausgegeben werden und nicht an die Hersteller der Produkte“ (31).

Groll sieht selbst „Gefahren für die Stabilität der Wirtschaft“ (57), wenn seine Vorschläge umgesetzt werden, die er aber im Interesse des Klimaschutzes und einer solidarischeren Gesellschaft für unverzichtbar hält. Auch eine „Überforderung der Wirtschaft“ (57) wird für wahrscheinlich gehalten. „Kapitalflucht“, „Umstellung- und Anpassungsprobleme“ sowie drastische Auswirkungen auf die Automobilbranche („wird es am schwersten haben“), die Luftfahrtindustrie und die Luftfahrtgesellschaften sind realistische Szenarien bei einer radikalen Umstellung. Der Exportweltmeister Deutschland muss dann dafür sorgen, dass „wieder mehr im Inland investiert wird und dass die Begüterten in den ersten Jahren der Einführung des UZ-Systems die richtigen Investitionen tätigen werden, damit sie danach auch mit weit weniger UZ weiterhin ein komfortables Leben führen können“ (59).

Was erwirtschaftet und wie gewirtschaftet wird, soll das Kollektiv bestimmen – ein klassischen Vergesellschaftungsmodell: „Allen in der Wirtschaft tätigen Menschen steht das Recht zu, die Wirtschaftsweise und die Entlohnung aller Akteure der Wirtschaft gemeinsam und demokratisch zu bestimmten.“ (141)

Kapital soll nicht mehr „entlohnt“, sondern „neutralisiert“ werden. Das bedeutet: „Zinsen und Gewinne müssen beschränkt werden“, die „Spekulation ist gänzlich zu unterbinden“, die Banken sollen eingeschränkt werden. Ihre Tätigkeiten sollen „auf ihre eigentliche Aufgabe zurückgeführt werden, nämlich: Weitervermittlung der Kundeneinlagen an Kreditnehmer und Abwicklung des Zahlungsverkehrs“. (145)

Außerdem fordert Groll die „Kontrolle des Geldes, des Geldverkehrs und der Geldvermögen“ (145) und eine „[s]ignifikante Reduzierung der Unterschiede bei den Arbeitseinkommen“. (146)

Die Mittelschicht in Deutschland soll wissen, was Groll fordert. Aus seiner Grundeinstellung heraus „erscheint [ihm] eine Verzinsung von Geldeinlagen bei einer Bank in der Höhe der Inflationsrate als angemessen“.(147) Wo höhere Gewinne erwirtschaftet werden, sollen diese radikal besteuert werden. Vermögensaufbau durch Kapital, für viele Menschen alternativlos, um ein angemessenes Wohlstandsniveau zu sichern, wird kaum mehr möglich sein. Denn es sollen „viele in der kapitalistischen Gesellschaft üblichen Praktiken verändert oder ganz beseitigt werden“. (150)

Weiter fordert Groll eine solidarische Betriebsverfassung: „Es sollte und muss deshalb selbstverständlich sein, dass alle Menschen eines Betriebes ein Mitspracherecht über die Betriebsführung, die Personalpolitik, die Produktpalette und alle weiteren wichtigen Entscheidungen haben und es müssen alle erwachsenen Menschen einer Gesellschaft über die Grundlinien der wirtschaftlichen Entwicklung entscheiden können“. (164)

Vermögenssteuer, Ressourcensteuer, Agrarlenkung, Einführung staatliche festgelegter „Einkommensbandbreiten“ (215) – das ist das Arsenal an Lenkungsinstrumenten, das Groll aufbietet.

Der Linken-Vordenker in Sachen Wirtschaft geht davon aus, „dass dieses System erst dann durchsetzbar sein wird, wenn die Probleme so groß sind, dass letzendlich alle einsehen, dass konsequent umgesteuert werden muss. […] Dann werden die Menschen einsichtig und zu Opfern bereit sein, weil es dann als das kleinere Übel erkannt, akzeptiert und sogar als die gerechteste Methode begrüßt wird.“ (59)

Es gibt neben negativen auch eine Reihe positiver Vorschläge. Dass der Ressourcenverbrauch durch Zertifikate eingeschränkt wird, ist prinzipiell sinnvoll. Auch Begrenzungen der Spekulation und eine Ausweitung direktdemokratischer Elemente und der Aufbau einer solidarischeren Gesellschaft sowie die Stärkung der Kultur sind sinnvoll und notwendig. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer für Dienstleistungen erscheint in der aktuellen Krise geradezu zwangsläufig, auch wenn die Große Koalition es derzeit noch nicht wahrhaben will.

Doch kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Groll Revolution predigt: „Auf alle Fälle geht eine mehr als 200-jährige Periode des Mehr und des Wachstums zu Ende. Wir stehen an einer grundsätzlichen Wende. Wenn wir diese Wende nicht aktiv gestalten, droht uns Ungemach.“ (13)

Das ist nicht die Wirtschaft und nicht die Gesellschaft, die wir wollen.

Erfreulich ist, dass Franz Groll die Karten offen auf den Tisch legt. Mann muss dieses Buch lesen, um zu wissen, was „die Linke“ wirtschaftlich und gesellschaftlich anstrebt und was unter einer postkapitalistischen, solidarischen und zukunftsfähigen Gesellschaft zu verstehen ist. Für mich war es eine aufregende Lektüre.

(c) Armin König 2009