16 Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Deutschland. Das ist ein gewaltiges Potenzial. Die meisten Ehrenamtler engagieren sich, weil es Freude macht, aber natürlich spielen auch Altruismus und Interessen eine Rolle – ebenso wie Sinngebung. All diesen Fragen geht der Sammelband »Engagement und Zivilgesellschaft« auf den Grund : eine wahre Fundgrube.
Der Sammelband »Engagement und Zivilgesellschaft« analysiert in elf Kapiteln inklusive Einleitung den Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement und demographischem Wandel. Es geht schwerpunktmäßig um den Beitrag des Engagements zur lokalen Entwicklung. Es handelt sich um ein Addendum zum Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung, der 2016 fertiggestellt wurde und enthält zum Teil unveröffentlichte Gutachten, Teile des Engagementberichts und wichtige Erläuterungen.
Herausgeber dieses Sammelbandes sind Thomas Klie, der Vorsitzenden der Sachverständigen-Kommission war, und Anna Wiebke Klie, die die Geschäftsstelle der Kommission leitete.
Grundlagen und politischer Rahmen
Demografie findet statt, daran ändert auch die Zuwanderung nichts. Phänomene wie die Alterung der Gesellschaft, die Singularisierung, die Heterogenisierung sowie altersbedingte Probleme in Vereinen ländlicher Regionen sind seit Jahren akut. Deshalb war es sinnvoll, den Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung unter das Motto »Demografischer Wandel und bürgerschaftliches Engagement: Der Beitrag des Engagements zur lokalen Entwicklung“ zu stellen. Über zweieinhalb Jahre dauerte die Arbeit Sachverständigen-Kommission, der exzellent besetzt war.
Mit den nun vorgelegten Expertisen und Debatten von Thomas und Anna Wiebke Klie zum Zweiten Engagementbericht haben sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker aus dem Verbands- und Vereinswesen, engagierte Bürger sowie kommunale Entscheider umfassendes Material, um die Herausforderungen auf kommunaler Ebene anzunehmen.
Inhalt
Nach einer Einführung in Auftrag, Anliegen und Arbeitsweise der Zweiten Engagementberichtskommission (Thomas Klie) stellen Renate Köcher und Wilhelm Haumann empirische Daten zu zivilgesellschaftlichen Engagement dar. Dabei kommen sie zum Ergebnis, dass der engere Kreis der Ehrenamtliche etwa ein Fünftel der Bevölkerung umfasst (Köcher & Haumann, 2018, 21). Das wären rund 16 Millionen Menschen in Deutschland. Noch größer ist der Kreis der Engagierten, wenn man zum engeren Kreis der Ehrenamtlichen noch den »Kreis der Aktiven« zählt, also die weniger fest gebundenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeit, die angeben, »entweder ein Ehrenamt zu haben oder ohne Amt in Gruppen und Organisationen mitzuarbeiten bzw. regelmäßig oder auch gelegentlich einer ›freiwilligen Tätigkeit‹ nachzugehen.« (Köcher & Haumann, 19) Die Autoren kommen zum Ergebnis, dass sich der Kreis der freiwillig Engagierten in Deutschland zwischen 2009 und 2014 beträchtlich erhöht habe – von 36 auf 44 Prozent der Bevölkerung, Gestützt wird dies durch die empirischen Daten des Freiwilligensurveys. Dazu haben sicher öffentliche Diskussionen zum Ehrenamt, die bewusste Ansprache von Frauen und jungen Menschen, die Akquirierung rüstiger Ruheständler und lokale politische Aktivitäten beigetragen (vgl. Köcher & Haumann, 32) Verblüffend ist im kirchlichen Bereich, dass die Mitgliederzahlen der großen Kirchen zwar kontinuierlich sinken, die Engagementquote aber deutlich steigt. Die, die drin bleiben, sind engagierter. Entgegen diversen Schlagzeilen, dass Bürger sich nicht mehr in Vereinen binden wollen, zeigen empirische Untersuchungen, »dass der größere Teil der Engagierten nach wie vor ein längerfristige Tätigkeit anstrebt und auch realisiert« (Köcher & Haumann, 39) Erstaunlich ist auch das Ergebnis der Geschlechterrollen. Frauen sind zwar selbstbewusster geworden. Die Zahl von Frauen in Leitungspositionen im Ehrenamt liegt aber nur bei 22 Prozent aller engagierten Frauen, während sie bei Männern die Quote bei 33 Prozent liegt (Köcher & Haumann, 48). Ausgesprochen positiv ist allerdings der Befund, dass langfristig das Engagement von Frauen überproportional gewachsen ist. Die meisten Ehrenamtler engagieren sich, weil es Freude macht (73 % als Hauptmotiv). Auch altruistische Motive und Fragen der Bereicherung und der Sinngebung des Lebens spielen eine wesentlich Rolle. Nachholbedarf gibt es entgegen landläufiger Vermutungen im Ehrenamt für Ältere und Hochbetagte. Weitere wichtige Themen dieses Kapitels sind das Engagement von Jüngeren, die Erziehung zum Engagement, die Schichtzugehörigkeit als Faktor der Engagementquote, das Engagement von und mit Personen mit Migrationshintergrund und für Flüchtlinge sowie die Einbettung des Engagements in die Kommunen, die damit enormes Potenzial erhalten, um die Daseinsvorsorge zu garantieren. natürlich spielt auch die Rolle der Vereine, Verbände und Stiftungen eine Rolle.
Das dritte Kapitel ist dem Thema »Engagement und Bildung« gewidmet – und seinem 2016 verstorbenen Protagonisten Thomas Olk. Der Professor für Sozialpädagogik und Sozialpolitik an der Uni Halle hat über Jahrzehnte seine Fachdisziplin und den Fachdiskurs über die Bürgergesellschaft und über Soziale Arbeit maßgeblich geprägt. Mit seinen Statements zur Notwendigkeit zivilgesellschaftlichen Engagements und seinen Forschungen zu Ermöglichungsstrukturen hat er Zeichen gesetzt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an sein Engagement in der durch den deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements und der damit einhergehenden Gründung und Etablierung des Bundesnetzwerkes bürgerschaftliches Engagement. Das Kapitel zu Engagement und Bildung ist sein Vermächtnis.
Seine Analyse ist wie immer brillant: »Die steigende Politikdistanz relevanter Bevölkerungsteile, das Phänomen der Pegida-Demonstrationen, die vermeintliche Politikverdrossenheit junger Menschen, Phänomene von Vandalismus und ungerichteter Gewalt sowie die Aktivitäten (rechts-)extremistischer Gruppierungen machen darauf aufmerksam, dass die Fähigkeit zum Nachvollziehen und Verstehen politischer Vorgänge sowie die Bereitschaft und Fähigkeit zur alltagspraktischen und politischen Teilhabe und Mitgestaltung keineswegs im Selbstlauf entstehen.« (Olk 2018, 107) Olk war überzeugt, dass bürgerschaftliches Handeln Normen, Werte und Orientierung braucht und dass entsprechende Haltungen und Handlungen »lebensbiografisch erlernt werden müssen. Dabei ist eine freiheitliche, demokratische und offene Gesellschaft auf solche in der Lebenswelt stattfindenden … demokratierelevanten Bildungsprozesse angewiesen.« (Olk, 107) Man muss diese Bildungsarbeit aktiv fördern, insbesondere in den Kommunen. »Denn die demokratische Gesellschaft und das demokratische Institutionensystem können nur überleben und mit Leben gefüllt werden, wenn es Bürgerinnen und Bürger in genügender Anzahl gibt, die zur aktiven und selbstbestimmten Teilhabe und Mitgestaltung dieser Gesellschaft und ihre Institutionen bereit und in der Lage sind.« (Olk, 107)
Gleichzeitig ist festzustellen, dass es in Familie und Gesellschaft grundlegende Veränderungsprozesse gibt, die sowohl soziologisch als auch demografisch und politisch zu begründen sind. Dazu gehören auch »Veränderungen in den Mustern familiärer Lebensführung sowie die Austrocknung sozialmoralischer Milieus« (Olk, 107). Olk sah »die Entdeckung des bürgerschaftlichen Engagements als einer Lern- und Bildungswelt – und somit als einer Gelegenheit für Kompetenzerwerbungsprozesse« (Olk 108) als aktiven Prozess, der »weit mehr als die Wissensvermittlung in formalen Bildungsinstitutionen umfasst«. (Olk 108) Er empfahl der Bundes- und der Landesebene in seinem Vermächtnis, Bildung im bürgerschaftlichen Engagement und durch bürgerschaftliches Engagement »einen zentralen Stellenwert« (Olk 152) in der öffentlichen und fachlichen Diskussion zu geben. Außerdem setzte er sich für klare und verbindliche rechtliche Grundlagen ein, um Bildung im bürgerschaftlichen Engagement und durch bürgerschaftliches Engagement zu verankern und »Kitas, Schulen, Jugendeinrichtungen, Universitäten und weiteren Bildungsinstitutionen sowie engagierten Akteuren Orientierung und Handlungssicherheit zu geben.« (Olk 153) Darüber hinaus müsse »Civic Education … auch in dien Förderrichtlinien und Landeskonzepten zur Entwicklung von Ganztagsschulen klar und eindeutig« (Olk 153) verankert werden, sowie durch Modellprojekte und Modellregionen Leuchttürme zu schaffen. Man müsse »nicht nur in Projekte, sondern auch in Strukturen investieren« (Olk 155) Für ihn war der Aufbau einer nachhaltigen Förderung der Infrastrukturen und des bürgerschaftlichen Engagements auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene von fundamentaler Bedeutung. Den Städten und Gemeinden empfahl er lokale Leitbilder für die kommunale Bildungslandschaft, klare politische Beschlüsse in den Gremien, Vernetzung vor Ort und Anerkennung und Unterstützung engagementsfördernder Einrichtungen.
Nahtlos schließt sich das Kapitel von Paul-Stefan Roß und Roland Roth zur Bürgerkommune an. Sah das Thema nach einem »toten Pferd« (Roß & Roth 163) aus, so sehen beide Autoren einen »neuen Schub durch jene Debatten, die nicht zuletzt unter dem Eindruck von Kontroversen um Großprojekte wie Stuttgart 21 unter der Chiffre Bürgerbeteiligung geführt werden« (Roß & Roth 164) Das Thema hat also Potenzial, denn: »Bei ihrer Suche nach konzeptioneller Orientierung werden Städte und Gemeinden nach wie vor bei dem fündig, wofür das Leitbild Bürgerkommune steht« (Roß & Roth, 164). Sie sehen die eigentliche Bürgerkommune als „ambitioniertes zivilgesellschaftliches Reformprojekt« (Roß & Roth, 191) und gehen dabei weit über die Kommunalpolitik hinaus. Das ist visionär, aber auch völlig unrealistisch. Realistisch sind allerdings die Entwicklung differenzierter Modelle »dialogorientierter und direktdemokratischer Beteiligungsformen« (Roß & Roth, 194) sowie die Aufwertung von Spielräumen bei de Beteiligung. In diesem Zusammenhang ist auch das neue Leitbild der KGSt zur Bürgerkommune von 2014 zu nennen. Es umfasst Open Government, E-Partizipation, Transparenz und Kollaboration.
Um »Daseinsvorsorge aus rechtswissenschaftlicher Perspektive« geht es im sechsten Kapitel, das von Thorsten Ingo Schmidt geschrieben wurde. Er dokumentiert den rechtlichen Kerngehalt der kommunalen Daseinsvorsorge im Sinne einer Existenzsicherung der Bürgerinnen und Bürger, stellt ihn aber auch in ein Spannungsfeld auf der Ebene des Europarechts. Schmidt sieht die Verpflichtung zur Daseinsvorsorge im Konflikt mit Diensten von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse, zumal die Daseinsvorsorge eins ehr deutscher Spezialbegriff ist. Andererseits betont er die Garantie kommunaler Selbstverwaltung auf der Ebene des europäischen Primärrechts durch Art. 4 EUV.
In Kapitel sieben analysieren Baldo Blinkert und Thomas Klie Indikatoren zivilgesellschaftlichen Engagements in Europa und stellen fest, dass es zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede gibt. Zivilgesellschaft wird als gelungene Gesellschaft wahrgenommen und drückt sich in Good-Governance-Faktoren aus: »Effektivität des staatlichen Gewaltmonopols, Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit als sozialer Ausgleich, Offenheit und Partizipationschancen«. (Klie & Klie, 5). Wenn dies gewährleistet ist, findet ein selbstverstärkender Prozess statt: gute Strukturen für Teilhabe und zivilgesellschaftliches Engagement erhöhen die Mitwirkungsbereitschaft, stärken Sozialkapital und fördern den Zusammenhalt. Auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wo fördernde Strukturen fehlen, erlahmt zivilgesellschaftliches Handeln.
Beim Beitrag »Migration und Engagement« (Kapitel 8 ) von Anna Wiebke Klie handelt es sich um eine Langfassung des gleichnamigen Kapitels aus dem Zweiten Engagementbericht. Klies Beitrag macht deutlich, dass Engagementförderung und Integrationspolitik verzahnt und abgestimmt werden müssen und dass es notwendig ist, die öffentlichen Debatten zu versachlichen. Das ist allerdings ein wohlfeiler Rat in schwierigen Zeiten. Daran schließt sich konsequenterweise das Kapitel »Flüchtlinge und Engagement« von Adalbert Evers und Anna Wiebke Klie an. Es ist ein schwieriges Kapitel mit ebenso schwierigen Begriffen wie Willkommenskultur und »kontrollierte Abwehr« (Evers & Klie 514). Eine aktive Zivilgesellschaft meine »mehr als nur Helfergruppen und Ehrenamtler« (514). Es gehe auch um »anwaltlich agierende Gruppen, Zivilcourage und Initiativen, die geeignet sind, eine zivile Streitkultur zu bewahren« (514).
Den Abschluss bilden die Themen »Verantwortung und Identität vor Ort« (Martina Wegner & Thomas Klie) sowie ein Kapitel über Bedeutung und Perspektiven der Engagementberichterstattung der Bundesregierung (Thomas Klie und Michael Hüther).
Fazit
Der Sammelband »Engagement und Zivilgesellschaft« liefert umfassendes und sehr gut aufbereitetes Material zum großen Thema Engagement und Zivilgesellschaft und ermuntert Wissenschaftler, als auch Praktiker aus dem Verbands- und Vereinswesen, engagierte Bürger sowie kommunale Entscheider, sich des Themas Bürgerbeteiligung anzunehmen und strukturierte nachhaltige Förderung zu garantieren.
Dr. Armin König / Ellen Küneke
Thomas Klie & Anna Wiebke Klie (Hrsg.): Engagement und Zivilgesellschaft: Expertisen und Debatten zum Zweiten Engagementbericht. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 9783658184742. 79,99 Euro.