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Posts Tagged ‘Finanzkrise’

Ökonomische Blindgänger – die nächste Krise kommt bestimmt

In Politikwissenschaft on Oktober 27, 2009 at 11:43 pm

Nienhaus, Lisa (2009): Die Blindgänger. Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden. Frankfurt a.M.: Campus. 18,90 €.

Noch ein Buch über die Finanzkrise und das Versagen der Ökonomen? Haben nicht Krugman, Akerlof und Shiller schon alles gesagt?
Alles nicht, und auch nicht so schön wie Lisa Nienhaus. Die ist Wirtschaftsredakteurin der FAS, kompetent, klug, jung und attraktiv, und erklärt uns leicht verständlich, warum die schlauen Herren aus der Männerdomäne der Ökonomie Blindgänger sind.

Lisa Nienhaus stellt ebenso treffende wie unbequeme Fragen an Wirtschaftswissenschaftler, die so katastrophal versagt haben. „Was ist schiefgelaufen unter den professionellen Prognostikern, den Propheten der Ökonomen, die erst den Zeitpunkt der Krise und später ihre Dramatik nicht erkannt haben?“ (S. 94) Und kritisch fragt sie weiter, „ob die Welt Prognostiker benötigt, die nur das Gleichmäßige vorhersagen können, nicht den Schock, die Krise, den Boom?“ (95) Eigentlich nicht.

Denn diese falschen Propheten gaukeln uns vor, dass die Vorhersagen immer genauer werden – mit Wachstumszahlen, die „meist auf die Kommazahlen genau angegeben“ (96) werden, und am Ende doch völlig daneben liegen. Hätten sie doch Talebs „Schwarzen Schwan gelesen“, in dem dieser Kommazahlen-Prognosen-Fetischismus ad absurdum geführt wird. Nienhaus hat Taleb gelesen und stellt nun berechtigte kritische Fragen.

Liegt es am Herdentrieb, dass sich kein großes Wirtschaftsforschungsinstitut „die Kritik aus vergangenen Jahren zu Herzen genommen und das Wachstum zum Beispiel nur noch auf halbe oder ganze Prozentpunkte genau prognostiziert“? (97) Warum hat sich kein Institut „von der Punktprognose verabschiedet, um bloß noch eine Tendenzprognose zu erstellen – nach dem Motto: Wann kommt der Umschwung?“ (97)

Die Gaukelei hat handfeste Gründe. Lisa Nienhaus scheut sich nicht, Ross und Reiter zu nennen. Es gibt für die volkswirtschaftlichen Propheten starke Anreize, punktgenaue Prognosen zu stellen: „Zum einen, um weiterhin im Geschäft zu bleiben. Denn die Politik – der größte Finanzier – fordert Genauigkeit von ihnen ein. Zum anderen, um in den Medien präsent zu sein. Denn Zeitungen und Rundfunk lieben Wahrsagerei, die von der Illusion wissenschaftlicher Exaktheit umgeben ist.“ Die preisgekrönte Wirtschaftsjournalistin, Trägerin des Ludwig-Erhard-Förderpreises, kennt ihr Metier bestens, und sie macht kein Geheimnis daraus, sondern entzaubert die Geheimniskrämer als plumpe Materialisten: „Für die Prognostiker ist es gut, häufig zitiert zu werden und Interviews zu geben, um ihren Expertenstatus zu erhalten, ihre wissenschaftliche Kompetenz zu demonstrieren – und damit weiterhin private und öffentliche Mittel für ihre Forschung zu bekommen“. (97) So banal es klingt, so einfach ist manchmal die Welt.

Dabei will Bundeskanzlerin Merkel, so weiß es Nienhaus, diese falsche Exaktheit gar nicht. Und so werden seit 2008 auch Prognosen mit Bandbreiten angegeben. Von Konfidenzintervallen ist die Rede.

Lisa Nienhaus ist ein bisschen skeptisch, wenn es um die Lernfähigkeit der Ökonomen geht. Es gebe erhebliche Beharrungskräfte. Andererseits sieht sie auch positive Entwicklungen, die Revolution in der Wissenschaft sei längst im Gange. Notwendig seien neue Methoden, neue Theorien und ein neues Selbstverständnis. Vor allem die Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaft und der Neuroökonomie müssten integriert werden.

Ja, es wäre gut, wenn die Ökonomen sich änderten, denn die nächste Krise kommt bestimmt.

Der Verlag hat den Untertitel „Warum die Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“ gewählt. Das ist plakativ. Lisa Nienhaus formuliert differenzierter und optimistischer und setzt auf Besserung: dass alte Strukturen aufgebrochen und neue Erkenntnisse genutzt werden – und auf ein neues Menschenbild.

„Es ist also keineswegs alle Hoffnung verloren, dass die Ökonomie jemals versteht, was die Menschen und damit die Wirtschaft wirklich bewegt“. (133)

Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus schreibt erfrischend anders und macht uns Lust, das Denken der Ökonomen zu verstehen. Die junge Autorin ist eine echte Entdeckung. Von ihr möchten wir gern mehr lesen.

Armin König

„Verteilt um – aber richtig“ – Ulrich Schäfer zieht Konsequenzen aus dem Crash des Kapitalismus

In Politikwissenschaft on Juni 14, 2009 at 8:13 pm

Ulrich Schäfer: Der Crash des Kapitalismus. Warum die entfesselte Marktwirtschaft scheiterte. Frankfurt / New York: Campus Verlag. 19.90 €

Ulrich Schäfer hat drei Vorteile: Als Wirtschaftsredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ ist er täglich bestens informiert über das aktuelle Finanz- und Wirtschaftsgeschehen. Als Volkswirtschaftler hat Schäfer eine fundierte Basis für seine Analysen. Und als brillanter Schreiber kann er vermitteln, „warum die entfesselte Marktwirtschaft scheiterte“ und warum der Crash des Kapitalismus kein unvermeidliches Naturereignis war. Es waren auch nicht konspirativ agierende Banken und Konzerne, die das System erst aufbauten und dann unfreiwillig zum Einsturz brachten. Dieser Crash war vielmehr „das Ergebnis von vielen politischen Entscheidungen“ (27).

Gezündet wurde die Rakete des ungezügelten Kapitalimus 1971 von Richard Nixon, als er das Wechselkurssystem von Bretton Woods aufkündigte. Für den nötigen Treibstoff sorgten Elite-Ökonomen wie Milton Friedman, der als Berater von Augusto Pinochet in Chile zum ersten Mal seine kapitalistische Schocktherapie am offenen Herzen einer Volkswirtschaft ausprobieren konnte. Was folgte, waren Entscheidungen von Regierungen (Reagan, Thatcher u.a.), die Finnzmärkte liberalsierten, Staatsbetriebe privatisierten, Unternehmenssteuern senkten, rechtliche Fesseln lockern und Stück für Stück den Staat zurückdrängten und das Feld der unsichtbaren Hand des Marktes überließen. Der Befund ist zwar nicht mehr originell – auch Paul Krugman, George A. Akerlof und Robert J. Shiller sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Schäfer belegt aber sehr eindeutig die unselige Rolle einer Wirtschaftswissenftler-Elite, die sich heute die Hände in Unschuld wäscht und die tausende Studierende in Neogloballiberalismus ausgebildet hat.

Die Entwicklung hin zum Crash des Kapitalismus wird souverän beschrieben: vom Ende des Sozialismus über die Blütezeit des Kapitalismus, die ersten Beben beim Wanken der Schwellenländer, das Ende der New Economy bis hin zum Platzen der Blase des billigen Geldes.

Überzeugend beschreibt Ulrich Schäfer die aktuelle Situation in Deutschland und seinen Partnern:
„Die Finanzkrise trifft auf eine Gesellschaft, deren Fundamente morsch sind. Der Kitt, der sie zusammenhält droht zu zerbröseln, die Bindekraft geht verloren. Denn die Kluft zwischen Oben und Unten wächst. Die Reichen sind enteilt, die Mittelschicht zerfällt, und die Ärmsten verlieren den Anschluss. Gerade jene Menschen, die ohnehin viel besitzen, haben den Irrwitz an den Finanzmärkten genutzt, um noch reicher zu werden. Sie haben in Aktien und andere Wertpapiere investiert. Sie haben davon profitiert, dass die Immobilienpreise vielerorts steil angestiegen sind. Sie haben ihre Gewinne gemehrt, während der Anteil der Löhne am Volkseinkommen in fast allen EU-Staaten und den USA seit Jahren sinkt. Zugleich wächst die Angst vieler normaler Bürger vor dem Abstieg. Sie sehen den Wohlstand der anderen – und ihre eigenen Nöte. Sie kämpfen um ihre Jobs – und um ihre Ersparnisse. Immer mehr menschen in den Industrieländern zweifeln daher an der Marktwirtschaft“. (218)

Ulrich Schäfer beschreibt nicht nur, was falsch läuft, er präsentiert auch ein „Programm gegen den Absturz“ (259ff.). Bändigt die Finanzmärkte, verlangt er. So dürfe der Staat Banken nur dann „herauskaufen wenn er diese anschließend einer schärferen Regulierung unterwirft“ (277). Das geschieht derzeit mit den Landesbanken. Das Schatten-Bankensystem mit ihren obskuren Gesellschaften müsse zerstört, die Hedgefonds sollten scharf kontrolliert werden. Neu ist der Vorschlag, die Ratingagenturen zu „zerlegen“ (280). Sie sollten aufgespalten werden in einen Teil, der das Rating von Finanzprodukten betreibt und einen zweiten, der die Banken berät. Begrenzung der Banker-Gehälter, globalisierte Bankenaufsicht, Austrocknung der Steueroasen, Aufhebung des Bankheimnisses um Umverteilung – das sind wesentliche Programmpunkte. Ulrich Schäfers wichtigste Empfehlung: „Verteilt um, aber richtig“. Das bedeutet für ihn: „Steuern rauf die die Reichen, Steuern runter für die Mittelschicht“ (287). Die „Erbschaftssteuer sollte kräftig steigen“ (288), die Börsenumsätze sollen besteuert werden.

Schäfer ist sicher: „Wenn die Politiker an so eine Reform des Steuersystems herangehen würden, hätten sie die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich“ (289). Dabei beruft er sich auf Robert J Shillers „Rising Tide Tax System“, ein Steuersystem, das nach dem Prinzip der steigenden Flut funktioniert. Im Gegensatz zu Paul Kirchhof fordert Shiller, dass in Krisenzeiten, wenn die Kluft zwischen arm und reich zu groß wird, „die Steuersätze für Spitzenverdiener erhöht und die Sätze für Geringverdiener gesenkt werden; verringert sich der Abstand, verlangt der Staat von den Reichen weniger und von den Armen mehr“ (287).

Das System soll keine Bestrafung sein, sondern ein System zum Risikomanagement, das allen nützt.

Der Turbokapitalismus ist gescheitert, dessen ist sich Ulrich Schäfer sicher. Mit den vorgeschlagenen Änderungen ist es möglich, dass „Wirtschaft und Gesellschaft wieder festen Boden unter die Füße bekommen.“

Ein exzellent geschriebenes Buch für Politiker, Banker, Wirtschaftsexperten, Lobbyisten, Geldanleger, Volksbanker, Sparkassenberater, den CDU-Wirtschaftsrat, die Mittelstandsvereinigung, für Friedrich Merz, Guido Westerwelle, Hans-Werner Sinn, Norbert Walter, Medienmenschen, Studierende und alle, die gern gut informiert sind.

Armin König

Paul Krugman: Wir sitzen alle in der Falle

In Politikwissenschaft on Mai 17, 2009 at 4:50 pm

Paul Krugman: Die neue Weltwirtschaftskrise. Frankfurt/New York: Campus-Verlag. € 24,90.

Es sind nur vier simple Sätze über einen Vorfall, wie er jeden Tag in irgendeiner S-oder U-Bahn oder im Regionalzug vorkommen kann: Unter dem Titel „We’re trapped!“ schreibt der Autor: „Currently on a train. ‚All doors will not open at this station,‘ says the conductor. OK, I know he means ’not all doors will open.‘ But it does bother me.“ Wenn der Autor aber Paul Krugman heißt und die Sätze in seinem Blog bei der New York Times auftauchen, gewinnen sie eine ganz eigenartige Bedeutung. Krugman ist nicht nur einer der brillantesten Kolumnisten unserer Zeit, er ist auch Wirtschaftsnobelpreisträger und Princeton-Professor und Weltfinanzkrisen-Erklärer, und das nicht erst seit gestern. Keiner versteht es, komplizierte wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge so zugespitzt zu formulieren, dass es Politiker und Banker schmerzt, die Wahrheit so ungeschminkt zu lesen.

Wenn Paul Krugman von „Politik der Unvernunft“, größenwahnsinnigen „Masters of the Universe“, „Greenspans Blasen“ und „bösartiger Vernachlässigung“ systemimmanenter Risiken spricht, dann klingt dies sicher schrill in den Ohren von Präsidenten, Ministern, Zentralbankern, Managern. Aber es ist die Wahrheit: Krugman bringt auf den Punkt, woran das System krankt. An Selbstüberschätzung und Arroganz der Protagonisten, an Gier, an der „Verführung zum Risiko“ (81), an kurzsichtigen und mitunter korrupten Politikern (81), an faulen Krediten, an Intransparenz, an Blasenbildungen – und am Irrglauben, alle Rezessions- und Depressionsrisiken im Griff zu haben. Trotz aller Komplexität kann der Blogger und Kolumnist Krugman dies gut erklären.

Eigentlich hat er es 1999 schon erklärt, denn eigentlich ist „Die neue Weltwirtschaftskrise“ kein neues Buch. Es geht zurück auf das zehn Jahre alte Buch „The Return of Depression Economics“, das in Deutschland unter dem Titel „Die große Rezession“ (Campus-Verlag) erschienen ist. Es ist eine exzellente Darstellung der Finanzkrisen in Lateinamerika und Fernost – Krisen, die die Welt schon vor zehn Jahren an den Rand einer großen Depression geführt hatten. Krugman hat es jetzt in der aktuellen Weltwirtschafts- und Finanzkrise um Greenspans Zinspolitik, die katastrophalen Folgen eines unkontrollierten Schattenbanksystems und die neu aufgekommene Furcht vor einer gewaltigen Depression ergänzt, nachdem jetzt auch die Immobilienblase geplatzt ist.

Das Fazit, das Krugman zieht, ist wenig schmeichelhaft: Die Mächtigen der Welt und des globalen Finanzsystems haben aus dem Desaster der 1990er Jahre nichts gelernt. Im Gegenteil: Es ist alles nur noch schlimmer geworden durch den Verzicht auf Regulierung eines hypertrophierten und intransparenten Systems. Die Erkenntnis des Nobelpreisträgers: Es waren nicht nur die Banken, die das Desaster verursacht haben, sondern die Schattenbanken, die in gleicher Funktion global aktiv waren, allerdings ohne lästige Kontrollen, was ganz im Sinne der Protagonisten eines entfesselten Kapitalismus und seiner Förderer war. Und es waren Regierungen wie die Bush-Administration, die die Schulden- und Geldmarkt-Exzesse zugelassen haben. Um immer mehr Wachstum zu generieren und immer höhere Profite zu erzielen, wurden immer waghalsigere Kreditpakete geschnürt. Auch die Kreditvergabe wurde immer leichtsinniger, vor allem bei Immobilien. Ständig steigende Häuserpreise sorgten für irrationalen Überschwang. „Man gewährten den Käufern Kredite, ohne eine Anzahlung – oder allenfalls eine geringe – zu verlangen, und mit Monatsraten, die weit über dem lagen, was sie sich leisten konnten, oder die spätestens dann unerschwinglich werden würden, wenn der anfängliche niedrige Lockvogel-Zins stieg“, kritisiert Krugman (175). Man könnte diese zweifelhafte Kreditvergabe unter der Rubrik „Subprime“ zusammenfassen. Doch für Krugman ist dies zu kurz gedacht; stattdessen sagt er, „das Phänomen reicht weit über den Kreis der zweitklassigen Kreditnehmer hinaus. Und es waren nicht nur Hauskäufer mit geringem Einkommen oder aus ethnischen Minderheiten, die sich mehr aufbürdeten, als sie schultern konnten; es war ein allgemeines Phänomen“ (175).

Milton Friedman als geistiger Vater konnte sich bestätigt sehen: Die „unsichtbare Hand des Marktes“ funktionierte offensichtlich und sorgte weltweit für glänzende Geschäfte. Alan Greenspan beschleunigte als Katalysator einer ungesteuerten Expansion den Geldrausch und beließ es auch dann noch bei niedrigen Zinsen, als die Arbeitslosigkeit historisch niedrig und ein gewisser Überschwang erkennbar war. Bank- und Hedgefondsmanager drehten als gierige Spieler im globalen Spielcasino floatender Kapitalströme ein immer größeres Rad in einer rauschenden Party und schoben sich selbst immer höhere Gehälter und Boni zu.

„Am 19. Juli 1007 kletterte der Dow Jones Index erstmals auf über 14.000 Punkte. Vierzehn Tage später gab das Weiße Haus ein ‚Merkblatt‘ heraus, das stolz die Leistung der Wirtschaft während der Amtszeit der Regierung Bush anpries: ‚Die wachstumsfreundliche Politik des Präsidenten hilft, unsere Wirtschaft stark, flexibel und dynamisch zu erhalten‘, hieß es dort.“ (193)

Risiken wurden versteckt und ausgelagert in Zweckgesellschaften; immer häufiger wurden auch Bewertungen geändert oder gar Bilanzen frisiert. Der Kapitalismus lief wie geschmiert – trotz der kurz zuvor geplatzten Dotcom-Blase m Neuen Markt. Alan Greenspan wurde als Superstar verehrt – bis das gigantische Schneeballsystem zusammenbrach und lawinengleich über die Märkte fegte. Es begann am 9. August 2007, als die französische Bank BNP Paribas drei ihrer Fonds schloss und damit die erste große Finanzkrise des 21. Jahrhunderts auslöste, eine Krise, die den Kapitalismus in ihren Grundfesten erschüttert hat.

„Zyniker sagten, Greenspan habe nur deshalb Erfolg gehabt, weil er die Aktienblase durch eine Häuserblase ersetzte – und sie hatten Recht.“ (178) Als die Häuserblase platzte, „waren die Folgen weit schlimmer, als man es sich je hatte vorstellen können“ (179).

Was folgte, war ein Super-Gau des Kapitalismus, der bis heute nicht bewältigt ist und der durch hausgemachte Fehler noch verstärkt wurde. Für Krugman war es ein kapitaler Fehler, Lehman Brothers pleite gehen zu lassen. Und nun sitzen alle in einer Falle, aus der es derzeit kein Entkommen gibt. „‚All doors will not open at this station,‘ says the conductor.“

Was Keynes-Anhänger Krugman jetzt verlangt, sind gewaltige Regierungsanstrengungen – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, insbesondere in Deutschland. Die bisherigen Maßnahmen reichten nicht. Zu befürchten sei, sagt Krugman unter Berufung auf Stephen Jen (Morgan Stanley), dass eine harte Landung in den Schwellenländern zu einem „zweiten Epizentrum“ werden könnte. (205)

Der Nobelpreisträger beklagt die „Machtlosigkeit der Politik“ (209) und fordert zusätzliche Finanzspritzen, um die lahmende Wirtschaft in Schwung zu bringen, in der Hoffnung, die schwerste globale Rezession seit den frühen achtziger Jahren doch noch in den Griff zu bekommen. (209)

Und weil Angela Merkel und Peer Steinbrück nicht tun, was Krugman verlangt, liest er ihnen ordentlich die Leviten. Die Politiker in Deutschland müssten erkennen, „dass in Europa genau wie in den Vereinigten Staaten mittlerweile ein Depressionslima eingezogen ist, in dem die normalen Regeln nicht mehr gelten“. (9) Sich jetzt an „die Orthodoxie zu klammern“, sei „hochgradig destruktiv – für Deutschland, Europa und die Welt.“ (9) Der Keynesianismus sei „der Schlüssel, um die derzeitige Lage zu begreifen und mit ihr fertig zu werden.“ (8)

Ob das richtig ist und hilft, muss die Geschichte beweisen. Ich bin nicht der Auffassung. Aber das ist hier nicht relevant. Wichtig ist, dass Krugmans Analyse folgerichtig entwickelt ist. Sie kann richtig sein. Für die jetzige Situation gibt es allerdings keine Blaupause. Aber es gibt historische Vorbilder für gewaltige Depressionen, die es zu vermeiden gilt.

Krugmans Analyse ist exzellent begründet, pointiert formuliert und leicht verständlich, so dass auch Politiker und Banker ihre Lehren daraus ziehen können. Der Nobelpreisträger bringt auf den Punkt, woran das System krankt. Auch wer kein Keynesianer ist, wird das Buch mit Gewinn lesen. Und ich bin auch nach dieser Lektüre noch kein Keynesianer. Anders als andere Rezensenten bin ich der Auffassung, dass die Neuauflage wesentliche neue Aspekte für die Leser liefert.

Allerdings wünschen wir uns nach dieser aktualisierten und erweiterten Auflage von 1999 ein neues Buch von Krugman, das in die Zukunft weist. DER Beststeller steht noch aus…

(c) 2009 Armin König
www.arminkoenig.de

Franz Groll: Linke Visionen vom Ende der Wirtschaft

In Politikwissenschaft on Mai 3, 2009 at 9:16 pm

Franz Groll (2009): Von der Finanzkrise zur solidarischen Gesellschaft : Visionen für eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung. Hamburg: VSA-Verlag. Gemeinsam verlegt mit Publik-Forum Edition. € 16,80

Wer wissen will, wie maßgebliche Politiker der Linken die Zukunft der Wirtschaft sehen, der sollte Franz Grolls programmatisches Buch „Von der Finanzkrise zur solidarischen Gesellschaft“ lesen. Vor dem Hintergrund der Diskussion weiterer rot-roter Bündnisse in den Ländern ist dies mehr als nützlich, um Leitbilder und Ziele einer explizit linken Wirtschaftsordnung zu erkennen und zu diskutieren. Franz Groll stellt seine Utopien prägnant dar.

Groll hat eine ungewöhnliche Biographie. 25 Jahre lang war er Mitglied der CDU, bevor er zu den Grünen und schließlich zur WASG/Die Linke wechselte. In der Kurzbiografie des Linkenpolitikers steht: „Von Beruf Maschinenschlosser und Ingenieur, kündigte nach 26jähriger Tätigkeit bei IBM, um für die Diözese Jérémie in Haiti ein Berufsausbildungszentrum aufzubauen.“

Groll beginnt mit der Feststellung, dass uns der Klimawandel zum Handeln zwinge. Er fordert eine Ökologisierung und ein Ende der Globalisierung. Sie müsse durch die „Schaffung regionaler, homogener Märkte abgelöst“ werden (31). Es soll ein System werden, „das kein Wachstum benötigt“ (31). Nach dem Vorbild der „Bezugsscheine“ aus „der Kriegs- und Nachkriegszeit“ (31) wird die Ausgabe von Umweltzertifikaten (UZ) an alle Konsumenten vorgeschlagen. Diese sollen „an alle Verbraucher kostenlos, aber limitiert, ausgegeben werden und nicht an die Hersteller der Produkte“ (31).

Groll sieht selbst „Gefahren für die Stabilität der Wirtschaft“ (57), wenn seine Vorschläge umgesetzt werden, die er aber im Interesse des Klimaschutzes und einer solidarischeren Gesellschaft für unverzichtbar hält. Auch eine „Überforderung der Wirtschaft“ (57) wird für wahrscheinlich gehalten. „Kapitalflucht“, „Umstellung- und Anpassungsprobleme“ sowie drastische Auswirkungen auf die Automobilbranche („wird es am schwersten haben“), die Luftfahrtindustrie und die Luftfahrtgesellschaften sind realistische Szenarien bei einer radikalen Umstellung. Der Exportweltmeister Deutschland muss dann dafür sorgen, dass „wieder mehr im Inland investiert wird und dass die Begüterten in den ersten Jahren der Einführung des UZ-Systems die richtigen Investitionen tätigen werden, damit sie danach auch mit weit weniger UZ weiterhin ein komfortables Leben führen können“ (59).

Was erwirtschaftet und wie gewirtschaftet wird, soll das Kollektiv bestimmen – ein klassischen Vergesellschaftungsmodell: „Allen in der Wirtschaft tätigen Menschen steht das Recht zu, die Wirtschaftsweise und die Entlohnung aller Akteure der Wirtschaft gemeinsam und demokratisch zu bestimmten.“ (141)

Kapital soll nicht mehr „entlohnt“, sondern „neutralisiert“ werden. Das bedeutet: „Zinsen und Gewinne müssen beschränkt werden“, die „Spekulation ist gänzlich zu unterbinden“, die Banken sollen eingeschränkt werden. Ihre Tätigkeiten sollen „auf ihre eigentliche Aufgabe zurückgeführt werden, nämlich: Weitervermittlung der Kundeneinlagen an Kreditnehmer und Abwicklung des Zahlungsverkehrs“. (145)

Außerdem fordert Groll die „Kontrolle des Geldes, des Geldverkehrs und der Geldvermögen“ (145) und eine „[s]ignifikante Reduzierung der Unterschiede bei den Arbeitseinkommen“. (146)

Die Mittelschicht in Deutschland soll wissen, was Groll fordert. Aus seiner Grundeinstellung heraus „erscheint [ihm] eine Verzinsung von Geldeinlagen bei einer Bank in der Höhe der Inflationsrate als angemessen“.(147) Wo höhere Gewinne erwirtschaftet werden, sollen diese radikal besteuert werden. Vermögensaufbau durch Kapital, für viele Menschen alternativlos, um ein angemessenes Wohlstandsniveau zu sichern, wird kaum mehr möglich sein. Denn es sollen „viele in der kapitalistischen Gesellschaft üblichen Praktiken verändert oder ganz beseitigt werden“. (150)

Weiter fordert Groll eine solidarische Betriebsverfassung: „Es sollte und muss deshalb selbstverständlich sein, dass alle Menschen eines Betriebes ein Mitspracherecht über die Betriebsführung, die Personalpolitik, die Produktpalette und alle weiteren wichtigen Entscheidungen haben und es müssen alle erwachsenen Menschen einer Gesellschaft über die Grundlinien der wirtschaftlichen Entwicklung entscheiden können“. (164)

Vermögenssteuer, Ressourcensteuer, Agrarlenkung, Einführung staatliche festgelegter „Einkommensbandbreiten“ (215) – das ist das Arsenal an Lenkungsinstrumenten, das Groll aufbietet.

Der Linken-Vordenker in Sachen Wirtschaft geht davon aus, „dass dieses System erst dann durchsetzbar sein wird, wenn die Probleme so groß sind, dass letzendlich alle einsehen, dass konsequent umgesteuert werden muss. […] Dann werden die Menschen einsichtig und zu Opfern bereit sein, weil es dann als das kleinere Übel erkannt, akzeptiert und sogar als die gerechteste Methode begrüßt wird.“ (59)

Es gibt neben negativen auch eine Reihe positiver Vorschläge. Dass der Ressourcenverbrauch durch Zertifikate eingeschränkt wird, ist prinzipiell sinnvoll. Auch Begrenzungen der Spekulation und eine Ausweitung direktdemokratischer Elemente und der Aufbau einer solidarischeren Gesellschaft sowie die Stärkung der Kultur sind sinnvoll und notwendig. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer für Dienstleistungen erscheint in der aktuellen Krise geradezu zwangsläufig, auch wenn die Große Koalition es derzeit noch nicht wahrhaben will.

Doch kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Groll Revolution predigt: „Auf alle Fälle geht eine mehr als 200-jährige Periode des Mehr und des Wachstums zu Ende. Wir stehen an einer grundsätzlichen Wende. Wenn wir diese Wende nicht aktiv gestalten, droht uns Ungemach.“ (13)

Das ist nicht die Wirtschaft und nicht die Gesellschaft, die wir wollen.

Erfreulich ist, dass Franz Groll die Karten offen auf den Tisch legt. Mann muss dieses Buch lesen, um zu wissen, was „die Linke“ wirtschaftlich und gesellschaftlich anstrebt und was unter einer postkapitalistischen, solidarischen und zukunftsfähigen Gesellschaft zu verstehen ist. Für mich war es eine aufregende Lektüre.

(c) Armin König 2009