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Posts Tagged ‘Governance’

Citizen Leadership und kommunikative Governance

In Politikwissenschaft on Juli 12, 2016 at 10:39 pm
Endzeitstimmung, Fragmentierung und Sinnkrise
„It’s the end of the world as we know it (and I feel fine)“, hat die US-Rockband R.E.M. schon 1987 gesungen, und die Soziologen Harald Welzer und Klaus Leggewie haben den Songtitel aufgegriffen und in ihrem Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ auf die Politik transformiert. Klimawandel,  Umweltprobleme, Energiekrise, Wasser- und Ernährungskrise sowie das Wachstum der Weltbevölkerung werden ebenso als Megathemen destilliert wie die herrschende Wirtschaftsdoktrin, das Wachtumsdogma und die Ignoranz der Macht (Welzer u. Leggewie 2009)
Herrschende Routinen, die nicht nur von den Politikern, sondern auch von Verwaltungen, Unternehmen und einer Öffentlichkeit getragen werden, die Veränderungen hasst, verhindern eine Erneuerung der politischen Machtverhältnisse. Globalisierung, Digitalisierung, Heterogenisierung der Gesellschaft und eine Fragmentierung der Aufgaben bei stagnierenden der sinkenden Budgets erzeugen Ängste, Blockaden und Bunkermentalitäten.
Dabei wären gerade angesichts disruptiver Veränderungen, postmoderner Pluralität und multipler Rationalitäten (Schedler 2015) fundamental andere Ansätze notwendig. Ohne Bruch keine Erneuerung. Das schmerzt, ist aber unvermeidbar.
Gleichzeitig muss sich die Gesellschaft zurückbesinnen auf die normativen und soziokulturellen Grundlagen Kerneuropas. Liberté, Égalité, Fraternité gehören ebenso dazu wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit (Rawls 2003). Allzu leichtfertig hat ein schrankenloser neoliberaler Fundamentalismus einhegende Institutionen und Regeln hinweggefegt. Senkung der Staatsquote war angesagt, Befreiung von legalistischen Fesseln und kontrollierenden Instanzen. Der Staat wurde entreichert und geschwächt, damit Superreiche noch reicher werden konnten – auf Kosten eines bildungsbürgerlichen Mittelstands, der “das System“ bisher gestützt und getragen hatte.
Noch immer sind Begriffe wie Ganzheitlichkeit, integrierte Planung und Entwicklung als strategische Instrumente für Unternehmen und Institutionen State of the Art (Horváth 2013; Gleißner 2013). Es ist das alte und doch nie erreichte Ideal der vollkommenen Einheit in der Antike, der Klassik und der Moderne. „Die Postmoderne verabschiedet deren Grundobsession: die Einheitsträume, die vom Konzept der Mathesis universalis über die Projekte der Weltgeschichtsphilosophien bis hin zu den Globalentwürfen der Sozialutopien reichten. Die radikale postmoderne Pluralität bricht mit diesen Einheitsklammern, die auf eine Totalität hoffen, die doch nie anders als totalitär eingelöst werden kann.“ (Welsch 2008: 6)
Es gibt keine verbindliche, einzige Rationalität mehr. Das führt europaweit zu massiven Konflikten, wie die politische, mediale und administrative Auseinandersetzung mit der so genannten Flüchtlingskrise der Jahre 2015/2016 gezeigt hat. Der Bruch geht durch Staaten, Parteien, Kirchen, Familien. Der Versuch, diese Heterogenität zu negieren oder ohne verbindliche Standards zu überspielen, muss zu Konflikten führen, die letztlich zu unerwünschten Großereignissen wie dem Brexit führen können.
Wenn aber die Pluralität der Rationalität(en) zur Regel wird, dann kann auch die Verwaltung nicht bei tradierten Verhaltens- und Machtmustern bleiben.
Google, Facebook, Apple und Amazon haben ebenso wie die vielen innovativen Firmen im Silicon Valley und zahlreiche  multinationale Großkonzerne vorgeführt, dass in der Informationsgesellschaft neue Regeln, neue Instrumente, neue Machtknoten und neue mobile, flexible Kommunikationsvarianten Machtpotenziale und Profite verteilen. Der „Primat der Politik“ ist tot. Eric Schmidt, der Mann, der Google zu einem Weltunternehmen gemacht hat, und Jared Cohen, ehemaliger Berater von Hillary Clinton und Condoleeza Rice und jetzt Chef von Googles Denkfabrik, schreiben dies auch offen: „Wir sind überzeugt, dass Portale wie Google, Facebook, Amazon oder Apple weitaus mächtiger sind, als die meisten Menschen ahnen, und dass unsere Zukunft durch ihre weltweite Nutzung geprägt sein wird.“ (Schmidt u. Cohen 2013: 22)
Machtträgerin Verwaltung
Verwaltungen sind Machtträger (Loewenstein 1959; Anter 2012: 70) und Vehikel der Macht (Gerhardt 1996). Sie organisieren Macht, sie generieren Macht, sie erhalten Macht, sie perfektionieren die Ausübung von Macht durch Regeln und Automatisierung. Damit üben sie Herrschaft aus.
Andererseits sind Verwaltungen Elemente in einem „Geflecht institutioneller, sozialer und individueller Machtträger.“ (Krämer 2012: 87) Durch solche Netzwerke, insbesondere kohärente mit ähnlichen Interessen und Ideen, entstehen Machtzentren.
Besondere Bedeutung haben Verwaltungen, die die Rolle von Netzknoten im Institutionengeflecht spielen. Das können Stadtverwaltungen sein, Ministerien, Aufsichtsbehörden oder Arbeitsverwaltungen.
Diese Machtaffinität der Verwaltung hat Max Weber als Erster umfassend beschrieben.
Es geht dabei nicht um die Macht, „innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“ (Weber 1972: 28), auch wenn dies Verwaltungen und Bürokratien zuweilen unterstellt wird, insbesondere von politischen Kontrollorganen und Bürgerinitiativen. Das allerdings beruht auf Missverständnissen – und einem eingeschränkten Verwaltungsbild.
Zwar war Verwaltung schon immer eine eigene Welt, seit Verwalter des Königs und der Fürsten im 18. und 19. Jahrhundert den Herrscherwillen exekutieren mussten. Aber in dieser eigenen Welt ging es nicht primär um den eigenen Willen der königlichen Beamten, sondern um die Ausführung von Befehlen, um das Umsetzung von Anordnungen des Königs oder des Territorialfürsten. Meist waren diese Anordnungen repressiver Art. Gegenüber dem Herrscher galt der eherne Grundsatz: „Dein Wunsch ist mir Befehl.“ In dieser absolutistischen Tradition war Verwaltung ein Instrument der Arbeitsteilung. Während die Fürsten auf die Jagd gingen, sich mit Mätressen und Adligen vergnügten, mussten sich die fürstlichen Beamten mit dem Volk herumschlagen, Steuern eintreiben, kartografieren, Streit schlichten, Recht und Gesetz zum Durchbruch verhelfen oder militärische Aufgaben übernehmen. Dazu brauchte die Verwaltung Macht, die ihnen vom Fürsten oder von König verliehen wurde.
Diese Macht perfektionierte sie durch Herrschaftswissen, Standardisierung, Routinen (Luhmann 1964) und Automatisierung.
Verwaltung ist die Durchsetzung geliehener Macht mit Hilfe der Organisation.
Es ist also grundsätzlich nicht „eigener Wille“, der Verwaltungen prägt, sondern eher der Wille zu standardisierter, aktenmäßig nachvollziehbarer, juristisch überprüfbarer Dienstleistung im Auftrag eines Dienstherrn. Entscheidend sind „Berechenbarkeit, Effektivität, Arbeitsteilung, Hierarchie.“ (Anter 2012: 71)
Das schließt nicht aus, dass Verwaltungen ein Eigenleben der Macht führen, wenn sie entsprechend geleitet werden. Deshalb brauchen sie Kontrolle (Schäfer 1994).
Wie mächtig „die Exekutive“ beispielsweise gegenüber dem Parlament ist, ist seit Weber vielfach beschrieben und analysiert worden. Bis heute ist dieses Missverhältnis nur in Ansätzen korrigiert worden: durch wissenschaftliche Mitarbeiter der Abgeordneten, durch Berichtspflichten, Aktuelle Stunden, große und kleine Anfragen.
Deliberative Governance und öffentlicher Macht-Impulsraum
Für Anke Domscheit-Berg liegt die Zukunft der Verwaltung im Open Government (2012). Ihr ungewöhnliche Begründung: „Open Government macht Verwaltung und Politik menschlicher“. (Domscheit-Berg: 106) Ihre große Hoffnung: „Das Machtgefälle sinkt und verschwindet möglicherweise ganz. Es wird er setzt durch gegenseitiges Vertrauen, Akzeptanz und Respekt.“ (2012: 106) In den Großkonflikten des Jahres 2016 erscheint diese normativ begründete Hoffnung auf einer Open-Government-Administration allerdings blauäugig.
Immerhin sehen zahlreiche Autoren der letzten Jahre lokale Governance-Arrangements in Städten, Gemeinden und Regionen als zielführend an, insbesondere im demografischen Wandel, so dokumentiert  bei Benz (2007), Holtkamp (2007), Schwalb & Walk (2007), König (2011), Lange & Schimank (2013), Bogumil & Holtkamp (2013), Altrock & Bertram (2014).
Verwaltung und Öffentlichkeit sollen durch Transparenz, deliberative Verhandlungsprozesse und -systeme, Interaktion sowie die Schaffung von Vertrauen besser harmonieren und damit effektiver arbeiten. Es ist ein Modell der kooperativen Demokratie, in dem Verwaltung und Bürgerschaft auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und kooperieren.
Schlüssel der Zukunft sind Governance-Netzwerke zwischen Bürgern und einer modernen, flexiblen, offenen Administration. Bürger und Verwaltung bilden dann ein flexibles Machtfeld mit Bottom-Up- und top-Down-Impulsen.
Wenn dies tatsächlich neue „Handlungsmöglichkeiten eröffnet und Wirklichkeit verändern kann“ (Metze Mangold 2009: 9), wäre dies ein großer Gewinn für beide Seiten, für Verwaltung und Öffentlichkeit – und vermutlich auch für die Politik.
Die neuen Spielregeln der Digital-Ära
Anter, A. (2012). Theorien der Macht zur Einführung. Hamburg: Junius.
Ciesielski, M. A., & Schutz, T. (2016). Digitale Führung: Wie die neuen Technologien unsere Zusammenarbeit wertvoller machen. Springer-Verlag.
Domscheit-Berg, A. (2012). Die Zukunft der Verwaltung: Open Government. In: In: Rußmann, U. et al. (Hrsg.). Grenzenlose Enthüllungen? Medien zwischen Öffnung und Schließung. Innsbruck: innsbruck university press. S. 89-110.
Gleißner, W. (2013). Future Value: 12 Module für eine strategische wertorientierte Unternehmensführung. Springer-Verlag.
Han, B. C. (2005a). Was ist Macht?. Stuttgart: Reclam.
Han, B. C. (2015b). Im Schwarm: Ansichten des Digitalen. Matthes & Seitz Berlin Verlag.
Han, B. C. (2012). Transparenzgesellschaft. Berlin: Matthes & Seitz.
Horváth, P u. U. Michel (ed.) (2013): Controlling integriert und global: Erfolgreiche Steuerung von komplexen Organisationen.  Schäffer Poeschel.
Kleine, M. (2013). Informal governance in the European Union: How governments make international organizations work. Cornell University Press.
König, W., & König, M. (2013, June). Deliberative Governance Arenas as a Model for the Governance of Communal and Administrative Reforms. In The Governance of Large-Scale Projects (pp. 98-111). Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Krämer, R. (2012). Autoritarismus im 21. Jahrhundert. Gedanken zu einem aktuellen politischen Phänomen. In: WeltTrends Nr. 82 (Januar/Februar 2012), S. 27-37.
Mittelstraß, J. (1978). Die Idee einer mathesis universalis bei Descartes. Perspektiven der Philosophie, 4, 177-192.
Osborne, Stephen P (2006). „The new public governance? 1.“ S. 377-387.
Preusser. I. u. H. Bruch (2014). Leadership 2.0 – Führung in digitalen Zeiten: Leadership-Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. Praxis der Wirtschaftspsychologie III, 25.
Rawls, J. (2003). Gerechtigkeit als Fairness. Ein Neuentwurf. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Schedler, K. (2015). Multiple Rationalitäten – ein Thema für die öffentliche Verwaltung?.
Schmidt, E u. J. Cohen (2013). Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft.Rowohlt.
Schuppert, G. F. (2013). Zum Leitbild einer kommunikativen lokalen Demokratie. In The Governance of Large-Scale Projects (pp. 45-65). Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Weber, M (1972). Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Studienausgabe. Tübingen 1972. 5. Aufl.
Welsch, W. (2008). Unsere postmoderne Moderne. Walter de Gruyter.
Dr. Armin König

Bürgergesellschaft als Zukunftsmodell?

In Politikwissenschaft on April 21, 2009 at 6:11 pm

Embacher, Serge / Lang, Susanne (2008): Lern- und Arbeitsbuch Bürgergesellschaft. Eine Einführung in zentrale bürgergesellschaftliche Gegenwarts- und Zukunftsfragen. Bonn: Dietz.

Ist es realistisch, dass eine sich emanzipierende Bürgerschaft so viel Verantwortung übernimmt, dass die öffentliche Hand entlastet und die Gesellschaft gestärkt wird? Ist dies nur eine Alibifunktion oder eine echte Möglichkeit, durch Transparenz, Partizipation und Engagement die Zukunft der Demokratie zu verbessern? Die Hoffnungen, die auf die „Bürgergesellschaft“ gerichtet sind, sind enorm. Dabei gibt es Chancen und Risiken. Serge Embacher und Susanne Lang sehen die Bürgergesellschaft als „eine historische Chance“ für Formen der „praktischen Selbstorganisation und Selbstbestimmung einer emanzipierten Bürgerschaft“ (10). Embacher und Lang unterscheiden zwischen der liberalen und der solidarischen Bürgergesellschaft. Solidarität hat gerade in Zeiten der Krise große Bedeutung. Ob dies allerdings gelingt, lassen die Autoren offen. Dies könne „nicht in Büchern entschieden werden“ (370), sondern hänge vom praktischen bürgerschaftlichen Engagement in der örtlichen Situation ab. Das gut aufgebaute Buch gibt einen hervorragenden Überblick über die aktuellen Diskussion zur Bürgergesellschaft und schlägt einen Bogen vom Ehrenamt über die „unzivile Zivilgesellschaft“ bis hin zum Kommunitarismus und zur die Verantwortung von Unternehmen in der Bürgergesellschaft (Corporate Citizenship). Alle wichtigen Vertreter der Bürgergesellschaft und des Kommunitarismus von John Rawls über Michael Walzer, Charles Taylor und Amitai Etzioni werden schlüssig beschrieben und in ihrer Bedeutung dargestellt. Demnach wird „die Bürgergesellschaft zu einem zentralen Bezugspunkt für soziale Gerechtigkeit“ (163). Embacher und Lang gehen von der „Vision eine Neuen Gesellschaftsvertrages“ (13) aus, dessen „reales Fundament die Bürgergesellschaft bildet“ (13). Sie gilt als wichtiger Baustein des „Projekts Aufklärung“ im Sinne Immanuel Kants. Das Fazit der Autoren ist normativ geprägt. „Eine lebenswerte Gesellschaft für alle kann nur entstehen, wenn alle ihre eigenen Vorstellungen, Bedürfnisse und Interessen aktiv einbringen und sich in diesem Sinne in die eigenen Angelegenheiten einmischen“ (15).

© Armin König 2009

2030: Auf dem Weg in eine alternde Gesellschaft – Realistische Szenarien statt trendiger Albernheiten

In Politikwissenschaft on April 19, 2009 at 8:35 pm

Horst W. Opaschowski (2008): Deutschland 2030: Wie wir in Zukunft leben. Gütersloher Verlagshaus. 29,95€

Es ist nicht mehr zu leugnen, auch wenn sich viele Politiker noch immer scheuen, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen: Demographischer Wandel findet statt. Er hat erhebliche Auswirkungen auf viele politische und gesellschaftliche Bereiche. Deutschland altert, mehr als ein Viertel der deutschen Kommunen ist von Schrumpfung betroffen, während Metropolen boomen. Die Deutschen sterben zwar nicht aus, wie Birg 2001 prognostiziert hatte, aber die Gesellschaft verändert sich signifikant. Horst W. Opaschowski wagt auf der Basis repräsentativer Daten Prognosen, wie die Deutschen 2030 vermutlich leben werden. Das Buch bietet Material in Fülle zu aktuellen Einstellungen und Zukunftseinschätzungen der Deutschen von der Arbeitswelt über Konsum, Umwelt, Medien, Sport, Urlaub und Freizeit, Bildung und Kultur, urbanem Wohnen, Ehrenamt, Vorsorge, Sozialwelt und Wertewelt 2030. Dabei entlarvt Opaschowski zahlreiche Verheißungen der Vergangenheit als Mythen. Dazu zählten Begriffe wie „flache Hierarchien“ (114), „Work-Life-Balance“ (116), „Zeitpioniere“ (113) oder auch die „Jobnomaden“ (111), die auf der Jagd nach Erfolg „zu jeder Zeit und von jedem Ort aus ein ‚mobiles Office’ mit Handy, Laptop und geteiltem Schreibtisch“ (111) betreiben.
Drastisch gesagt: Da ist allerlei Humbug dabei. Gefragt sind realistische Szenarien statt trendiger Albernheiten.
Opaschowski belegt, dass sich 2008 die Zahl der Befragten, die auch in Zukunft auf geregelte Arbeitszeiten und Festanstellung hoffen, gegenüber 2003 um 12 Prozentpunkte erhöht hat. Die Deutschen bleiben sehr konservativ – in einer alternden Bevölkerung könnte sich dieser Trend verstetigen. Lineare Prognosen sind ohnehin nicht möglich – die Wirtschafts- und Finanzkrise hat schon die Mehrzahl der aktuellen Prognosen ad absurdum geführt. Umso mehr gilt dies für langfristige Vorhersagen. Mögliche Szenarien lassen sich allerdings auf der Grundlage von Wählererwartungen entwerfen. Das ist richtig und wichtig, um gegensteuern zu können. Opaschowski liefert dafür einiges an Material.

Auch Themen wie die „kulturelle Spaltung der Gesellschaft“ (421), Stress-Situationen und persönliche Belastungen der „Sandwich-Generation“ (498) werden angesprochen. Zu den wichtigen Themen zählen auch die Zukunft der Städte und die Anforderungen an eine alternde Gesellschaft. Partizipation sucht man leider vergeblich, auch Governance findet nicht statt.
Das umfangreiche Buch ist flott geschrieben und eignet sich gut als Einstieg zum demographischen Wandel in der politischen Bildungsarbeit.

(c) 2009 Armin König

Die Stunde des Präsidenten – Blick in die SZ

In Politikwissenschaft on April 18, 2009 at 3:07 pm

Karl-Rudolf Korte: Die Stunde des Staatsoberhaupts. Wer Bundespräsident wird, das bestimmten oft die Kanzler – nach der Wahl im September könnte es umgekehrt sein. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 89 vom 18./19. April 2009, S. 2.

Eigentlich ist dieses Blog politischen Büchern vorbehalten. Aber dieser Namensbeitrag von Karl-Rudolf Korte erscheint mir so wichtig, dass wir hier gesondert auf ihn eingehen wollen. Korte rückt ein Thema in den Blickpunkt des Interesses, der bisher in dieser Form kaum diskutiert wurde: Die harte politische Macht des Bundespräsidenten. Üblicherweise wird ihm vorwiegend rhetorische und Integrationsmacht zugesprochen. Die „hard power“ des Bundespräsidenten, so Korte, könnte dann zum Tragen kommen,wenn es nach der Bundestagswahl im September „wieder nicht zu klaren Mehrheiten jenseits einer großen Koalition“ kommen sollte. Korte: „Der Bundespräsident könnte zum Kanzlermacher werden.“

Der Politikwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen spricht von einem „Epochenbruch, der … mit den Umbrüchen von 1989 zu vergleichen ist.“ Die Ökonomie und ihre Leitbilder hätten ihre Vorbildfunktion verloren, die Finanz- und Wirtschaftskrise habe massive Folgen. „Die McKinseys, Banker und Börsenanalysten haben nicht nur Milliarden verloren, sie sind auch moralisch bankrott gegangen“.

Solche hart Worte haben wir vom Direktor der NRW Schook of Governance noch nicht gehört. Er hält eine „Regierungskrise, die den Bundespräsidenten fordert“, nach der kommenden Bundestagswahl nicht für ungewöhnlich. In einer solchen Situation könnte der Präsident oder die Präsidentin in die Lage kommen, gewissermaßen jenseits der Parteien einen Kanzlervorschlag zu machen.

Spannende Aussichten auf einen womöglich heißen deutschen Herbst…

(c) Armin König 2009

Perspektiven in Zeiten der Krise

In Politikwissenschaft on April 5, 2009 at 9:54 pm

Stephan Bröchler / Hans-Joachim Lauth (Hrsg.)(2008): Politikwissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften. € 49,90.

Nein, dies ist kein populäres, marktgängiges Buch. Und doch wage ich die Behauptung: „Politikwissenschaftliche Perspektiven“, herausgegeben von Stephan Bröchler und Hans-Joachim Lauth, ist für Politikwissenschaftler ein echter Kauftipp. Renommierte Autoren wie Arthur Benz, Renate Mayntz, Susanne Lütz, Wolfgang Fach und Rolf Kreibich identifizieren gesellschaftlich relevante politische und politikwissenschaftliche Probleme und entwickeln Perspektiven für die künftige Forschung. „Politikwissenschaftliche Perspektiven“  bürstet Themen gegen den Strich, zeigt Entwicklungslinien auf, stellt Dogmen inFrage, problematisiert Trends und bleibt nicht dem Mainstream verhaftet. So wünscht man sich Politikwissenschaft. Da in Zeiten der Krise neue, fundamental andere Entwürfe gefragt sind, kommt diese Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Technik, Ökologie und Ökonomie gerade recht.

Den Anfang macht Rolf Kreibich, einer der seriösen deutschen Zukunftsforscher. Er grenzt die Zunft der internationalen Zukunftsforscher streng von pseudowissenschaftlichen Trendforschern ab. Sein Metier sind komplexe dynamische Prozesse, Entscheidungen und Handlungen.  Für Kreibich spielen in der Zukunftsforschung heutiger Tage vor allem „kommunikative, partizipative und gestaltende Elemente im Wissenschaftsprozess eine immer größere Rolle“ (11). Damit wird Zukunftsforschung praxisnah und kann Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als Frühwarnsystem dienen, zumal Kreibich zehn Megatrends identifiziert und auf diese Basis Anwendungsvorschläge macht, die sauber recherchiert und strategisch aufbereitet sind. 

Provozierend geht Wolfgang Fach an sein Thema Partizipation, das er unter das Motto „Mitwirkung als Mythos und Maschine“ gestellt hat. „Wenn sich die Politik-Abstinenz des kleinen Mannes heute nicht mehr so einfach  – mit Bier und Bockwurst – überwinden lässt, dann steckt dahinter eine epochale Entfremdung jenseits aller momentanen Überwindungskosten“ (58),  stellt Fach trocken fest. Er kommt zu der Erkenntnis, „dass fürs politische Engagement, einst der bevorzugte Zeitvertreib freier Bürger, schlicht keine Zeit mehr bleibt – am Ende ist Politik, selbst auf kleinster Flamme, einfach lästig“ (58). Ist das zu überwinden? Entdecken die Bürger irgendwann wieder die Lust am Wählen? Provokativ fragt Fach: „warum sollten sie eigentlich? Das „System“ jedenfalls kann mit dem Wenigen ganz gut leben; es ist sogar darauf angewiesen, dass der Wille zur Wahl keinen Intensitätsschub durchläuft und unversehens der Kür eine Kompetenz aufhalst, die sie nicht hat“. (59)

Fach zitiert Benjamin Constant und Albert O. Hirschmann (Engagement und Enttäuschung: über das Schwanken des Bürgers zwischen Privatwohl und Gemeinwohl), kommt auf John Rawls und die Gerechtigkeit, Luhmanns „Legitimation durch Verfahren“, um schließlich desillusioniert und desillusionierend festzustellen: „Man kommt um den Schluss nicht herum: ‚Mitwirkung‘ ist rundherum ein fauler Zauber, dessen Wirkung zudem immer mehr verblasst.“ (65)

Dann wollen wir doch diskutieren! Ich bin nämlich völlig anderer Meinung und habe auch völlig andere Erfahrungen gemacht. Aber es ist gut, dass einer so provoziert, wie sollen sonst Diskussionen und Debatten entstehen?!

Damit wären wir bei Steuerungskonzepten und Governance. Wer könnte dies besser diskutieren als Arthur Benz (Der Staat als politisches Projekt – eine theoretische Skizze), Renate Mayntz (Embedded Theorizing: Perspectives on Globalization and Global Governance) sowie Susanne Lütz (Governance in der vergleichenden politischen Ökonomie), die wichtigsten Protagonisten der Governance-Forschung?

Stephan Bröchler befasst sich mit der spannenden Frage, „wie technische Innovationen die die Gesellschaft eingebettet werden“  und verweist auf teils heftige Konflikte, etwa um Atomenergie und Gentechnik. Den Abschluss des Bandes bilden „Konflikte und Kooperationen in der Internationalen Politik“.

Selten sind Festschriften so produktiv. Georg Simonis darf sich freuen, dass seine Wissenschaftskollegen ihm zum 65. Geburtstag einen solch lesenswerten Band gewidmet haben.

 

(c) Armin König 2009

 

siehe auch: 

http://www.arminkoenig.de/Publik/AKREZ_Broechler_Perspektiven.pdf

Armin Königs Blog

Lokale Politikforschung

In Politikwissenschaft on Februar 15, 2009 at 1:03 am

Hubert Heinelt / Angelika Vetter (Hrsg.) (2008): Lokale Politikforschung heute. Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Finanzprobleme, demografischer Wandel, europäische Normen, die in nationales Recht umzusetzen sind, verschärfter Wettbewerb, Folgen der Globalisierung – das sind derzeit große Herausforderungen lokaler Politik. Damit verschieben sich in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts auch die Themenfelder der Wissenschaft. Zu den momentan wichtigsten strukturellen Veränderungen zählt der demographische Wandel. Im Fokus des Sammelbandes von Hubert Heinelt und Angelika Vetter stehen unterschiedliche regionale Muster des demografischen Wandels (Köppen), Probleme und Perspektiven interkommunaler Kooperation (Stopper), „Urban Governance in Zeiten der Schrumpfung (Altrock, 301) sowie Interventions- und Innovationsmöglichkeiten der Politik in schrumpfenden Städten (Glock). Die Autoren konstatieren einen riskanten Wettbewerb statt Kooperation (298), große Unsicherheiten in Politik und Verwaltung über mögliche Handlungsfelder und Prioritäten in Zeiten der Schrumpfung (280) und eine verbreitete „Verdrängungshaltung“ gegenüber zu erwartenden Problemen (Glock, 341).

 

Armin König