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Die Rückkehr der Religion in den bürgerfreundlichen Staat

In Politikwissenschaft on Januar 11, 2010 at 6:29 pm

Paul Nolte (2009): Religion und Bürgergesellschaft : Brauchen wir einen religionsfreundlichen Staat? Berlin University Press. 24,90 €.

2003 hat Paul Nolte das Thema bereits andiskutiert: „Bürgergesellschaft und christliche Verantwortung in der postsäkularen Welt“ hieß der Titel eines Vortrags in der Konrad-Adenauer-Stiftung anlässlich des Ökumenischen Kirchentags. Aus dem Vortrag ist ein größerer Essay geworden, der die Rückkehr der Religion mit dem aktuellen Thema der Bürgergesellschaft verbinden – eine ebenso originelle wie schlüssige Idee.

Über Jahre wurde  im Hinblick auf die Bürgergesellschaft ein optimiertes Klientelmodell „Staat-Bürger“. Doch mit dieser formalistisch-ökonomischen Sicht wird nur ein Teilaspekt möglicher Beziehungen zwischen Bürger und Staat beschrieben. Durch die Krisen der letzten Jahre hat sich die Ausgangslage verändert: Werte und Orientierungen sind wieder gefragt, damit gewinnt auch in einem stark säkularisierten Staat die Religion neue Handlungsmöglichkeiten. Sie ist nicht etwa verschwunden, sondern kehrt in neuen Kontexten in die Gesellschaft zurück.

Es gibt neue „Andockpunkte“ (30), neue „Möglichkeitsräume“ für die Religion. In einer erodieren Sozialgemeinschaft wird zunehmen die Frage aufgeworfen: „Was hält eine radikal individualisierte Gesellschaft zusammen?“ (30) Auch die Religion kann ihre Aufgabe nicht mehr auf klassische Weise wahrnehmen. In einer Multioptionengesellschaft ist sie eine Wahlmöglichkeit unter anderen – aber eine wichtige.

Der alte Fortschrittsglaube hat sich überlebt, die „Rationalität der Aufklärung mit ihrer szientifischen Eindeutigkeit [ist] fragwürdig geworden.“ (121) So ist für Nolte neben die Säkularisierung ein echtes Bedürfnis nach Religion getreten, „neben Individualisierung und Emanzipation ist die Suche nach Gemeinschaft und nach Bindungen, nach ‚Ligaturen‘ ; neben den Staat ist die Bürger- oder Zivilgesellschaft getreten“. (121)

Für Nolte läuft alles darauf hinaus, dass in der Riskanten Moderne  „angesichts einer weit fortgeschrittenen Entfremdung, die sich im Rückzug in die Privatheit einerseits, in der Vernachlässigung der öffentlichen Sphäre andererseits“ manifestiert,  Überbrückungen und Bindungen notwendig werden, die von der Religion gewährleistet werden können. „Religion vermag in besonderer Weise eine solche Brücke zwischen Individualität und Sozialität, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Intimität und Engagement zu schlagen, wie sie für das Funktionieren bürgerlicher, republikanischer Gesellschaft unverzichtbar ist.“ (121-122)

Gerade moderne Christen hätten in den letzten Jahren beachtliche Fähigkeiten entwickelt, tradierte Religion mit den Anforderungen der Moderne in Einlang zu bringen und dabei auch Widersprüche auszuhalten. Das mache einen besonderen Reiz aus, zumal engagierte, zur Verantwortung bereite Christen erfahren darin seien, institutionalisierte Netzwerke der Solidarität zu knüpfen. „Das soziale Netzwerk im religiösen Feld stellt zumal nach der Erosion konkurrierender Netzwerke wie dem der Arbeiterbewegung einen unverzichtbaren Teil der gesamten Arbeiterbewegung einen unverzichtbaren Teil der gesamten bürgergesellschaftlichen Infrastruktur dar“. Dies wird konkret erlebbar in Nachbarschaftstreffpunkten, Kindergärten und Schulen, aber auch in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen und natürlich auch den Kirchen selber.

So werde mit räumlichen Bezügen und sozialen Identitäten „eine Landkarte der Bürgergesellschaft sichtbar, an der Menschen sich kulturell orientieren“ – und auch auch wertemäßig. Darin macht den sozial bewegten modernen Religionsgemeinschaften niemand etwas vor.

Noltes Fazit: Weil der Staat auf Netzwerke und moralistische Ressourcen dringend angewiesen ist, muss er „Sponsor der Bürgergesellschaft“ und ein „religionsfreundlicher Staat“ (125) im postsäkularen Zeitalter sein. Dass diese Entwicklung auch Gefahrenpotenzial birgt, spart Nolte nicht aus. Sein Fazit bleibt aber optimistisch: Ja, wir brauchen einen religionsfreundlichen Staat in Verbindung mit einer aktiven Bürgergesellschaft.

Nolte hat einen eleganten Essay geschrieben, der schlüssig die neuen Möglichkeitsräume der Religion in einer krisengeschüttelten, verunsicherten postsäkularen Gesellschaft aufzeigt.

Armin König