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Erich Hackl – Am Seil – Über Bürger-Heldentum in Zeiten des Naziterrors

In Belletristik on September 2, 2018 at 9:22 pm

Manchmal sind es die schmalen Bücher, die besonders stark wirken.

Der Österreicher Erich Hackl hat mit „Am Seil“ ein solches wirkmächtiges Buch geschrieben. Dabei arbeitet er mit dem Stilmittel der Verknappung. Als Autor tritt er völlig hinter der geradezu dramatischen Geschichte um die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia und den Wiener Handwerker und Bergsteiger Reinhold Duschka zurück. Duschka hat in der Zeit des Naziterrors Regina und Lucia vor dem sicheren Tod bewahrt. Ein unsichtbares Seil hat die Drei verbunden.

»Ihr Tod in der Gaskammer, das wäre auch Lucias, Reginas Schicksal gewesen. Hätte es ihn nicht gegeben, Reinhold Duschka.« Mit diesem Satz lässt Hackl seine Erzählung ›Am Seil‹ auf Seite 117 ausklingen.

Auf den 116 Seiten davor spannt wie Hackl, auf die Erinnerungen Lucias gestützt, den Bogen von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart – mit einem Schwerpunkt auf Krieg und Nazijahre, als Hunger, Verzweiflung und Todesängste und die systematische Verfolgung und Vernichtung der Juden allgegenwärtig waren.

Mit Beklemmung liest man, wie Duschka in seiner Werkstatt ein Versteck zimmert, welche Ängste die Drei auszustehen hatten, wie sie sich über die Runden retteten und überlebten.

Gerade jetzt – in Zeiten, in denen der rechte Mob in Chemnitz seine dreckige Fratze zeigt – sind Bücher wie die von Erich Hackl von größter Aktualität.

Das Buch hat mich gefesselt. Es ist keine leichte Kost. Aber man kann sich von der Erzählung kaum lösen. Sie zieht uns mächtig in ihren Bann.

Armin König

Erich Hackl: Am Seil: Eine Heldengeschichte | ISBN: 9783257070323 | Zürich: Diogenes 2018. 117 Seiten, 20 Euro.