Stadtwissen66

Posts Tagged ‘Politik’

Bürgergesellschaft – rhetorische Floskel oder wegweisendes Reformprojekt?

In Politikwissenschaft on April 15, 2009 at 11:08 pm

Ingo Bode / Adalbert Evers / Ansgar Klein (Hrsg.) ( 2009): Bürgergesellschaft als Projekt. Eine Bestandsaufnahme zu Entwicklung und Förderung zivilgesellschaftlicher Potenziale in Deutschland. Wiesbaden. VS-Verlag für Sozialwissenschaften. € 29,90

Gerechte Beteiligung der Bürger an Entscheidungen, aktive, lebendige Demokratie, Freiheit durch politische Selbstorganisation, Bildung von Sozialkapital – das sind hohe Ansprüche an eine „Bürgergesellschaft“, die bei den Parteien zumindest als Schlagwort an Bedeutung gewonnen hat. Doch wie sieht es in der Realität mit dem „Projekt Bürgergesellschaft“ aus? Wird es ernst genommen? Oder steckt dahinter nur eine rhetorische Floskel? Ingo Bode, Adalbert Evers und Ansgar Klein haben unter dem Titel „Bürgergesellschaft als Projekt“ eine „Bestandsaufnahme zu Entwicklung und Förderung zivilgesellschaftlicher Potenziale in Deutschland“ vorgelegt. Das Thema ist vielschichtig. Es geht um Wirtschaft und Organisation der Bürgergesellschaft, Corporate Citizenship, um die Rolle der hauptamtlichen Mitarbeiter in NGOs, um Kooperationsnetze, die Erfolgsaussichten lokaler Governance-Arrangements und um Partizipation in umweltpolitischen Beteiligungsverfahren. Auch aus der Genderperspektive wird die Bürgergesellschaft untersucht – und das sehr kritisch.

„Noch immer liegen Welten zwischen Zukunftsvision und Alltagsrealität, zwischen konzeptionellen Entwürfen und sozialwissenschaftlicher Reflektion, zwischen der reformpolitischen Agenda und den Handlungsbedingungen der Initiativen und Organisationen vor Ort“. (Bode/Evers/Klein 2009: 7)

Der Befund der Wissenschaftler ist für die Politik wenig schmeichelhaft.

Allerdings haben mit Ausnahme der Linken alle Parteien die Forderung nach einer Aufwertung der Bürgergesellschaft in ihr Programm aufgenommen, wie Thomas Olk und Ansgar Klein referieren („Engagementpolitik – ein neues Politikfeld und seine Probleme“). Sie sehen „starke Indizien für die Herausbildung eines eigenständigen Politikfeldes ‚Engagementpolitik’ in Deutschland“ (30). Daran hat nach ihrer Auffassung die Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ wesentlichen Anteil. Ihre Einrichtung 1999 sei ein „Meilenstein bei der Herausbildung von Engagementpolitik als Handlungsfeld“ (Olk/Klein 2009: 25) gewesen. Die Bedeutung der Kommission lasse sich nicht auf de Abschlussbericht verkürzen: „Die Vernetzung engagementpolitischer Akteure aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und die direkten Auswirkungen der Anhörungen und Debatten auf die öffentliche Meinungsbildung sind mindestens genauso relevant“. (25)

Olk/Klein sehen bürgergesellschaftliches Engagement als Reformprojekt, das mit konventionellem Denken bricht und „einen weit reichenden Umbau der Institutionen in Staat und Gesellschaft erfordert“. (25) Diese Leitbild reiche „weit über das bisherige Verständnis einer Förderung des Ehrenamts hinaus“ (25).

Bürgergesellschaft als Projekt wird als anspruchsvolle Querschnittsaufgabe betrachtet: „Dabei wird bürgerschaftliches Engagement nicht auf das individuelle ‚Spenden von Zeit und Geld’ reduziert, sondern als ein Komplex von zivilgesellschaftlichen Orientierungen und Handlungsweisen identifiziert, der sowohl auf der Ebene der Individuen (Verantwortungsübernahme, Mit-Tun und Mit-Entscheiden, Einbringen von Zeit und Geld etc.) als auch auf der Ebene von Organisationen (Eingehen von Partnerschaften, systematischer Einbezug zivilgesellschaftlicher Handlungslogiken in Leitbilder, Öffnung von Organisationsstrukturen und Handlungsabläufen für zivilgesellschaftliche Beiträge etc.) und nicht zuletzt in anderen Formen des Regierens (beteiligungsoffene Formen des Aushandelns von Zielen statt hierarchischer Steuerung) zum Ausdruck kommen kann“. (25-26) Möglicherweise verbirgt sich dahinter viel Wunschdenken. Empirisch lässt sich dies bisher nicht in dieser Form und in diesem Umfang bestätigen

Annette Zimmer sieht aus wissenschaftlicher Sicht erhebliche Defizite. „Bürgerschaftliches Engagement führt als Begriff eine Nischenexistenz und ist, abgekoppelt von der internationalen Entwicklung, vorrangig ein Begriff der alltagspolitischen Debatte in Deutschland“ (81). Sie fordert den Abschied vom „Provinzpomeranztum“ (98), mehr Kommunikation untereinander sowie eine bessere internationale Anbindung. Das klingt nicht sehr freundlich.

Erfreulich kritisch wird die „Bürgergesellschaft als Bertelsmann-Projekt“ (265 ff.) von Rudolph Bauer thematisiert. So attackiert Bauer die elitäre Sicht der Bertelsmann Stiftung als paradox (265): „Eine Organisation der Zivilgesellschaft, deren Repräsentanten die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements auf ihre Fahnen geschrieben haben, unterläuft die genuinen Anliegen der Bürgergesellschaft im Interesse eine elitebürgerlichen Projekts“. (265)

Damit nicht genug: „Eine gemeinnützige Organisation nutzt ihren privilegierten Zugang zu den Medien, um eine unternehmerfreundliche Wirtschafts- und Steuerpolitik zu fordern mit dem Ziel, den Staat in seinen gesellschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten einzuschränken, was dann wiederum durch vermehrtes bürgerschaftliches Engagement ausgeglichen werden soll“. (265)

Bauer wirft Bertelsmann mehr oder weniger unverhüllt vor, unter dem Deckmantel einer nicht-staatlichen Nonprofit-Organisation privatwirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Die Stiftung fordere „weniger Staat“. Gleichzeitig bemühe sich ein Tochterunternehmen des Konzerns, an dem die Stiftung die Mehrheit besitze, „Dienstleistungsaufgaben der öffentlichen Verwaltung zu übernehmen und gewinnbringend in privatwirtschaftlicher Regie zu betreiben.“ (265) Dieses Vorgehen der Bertelsmann Stiftung berge die Gefahr, dass jene Anliegen konterkariert würden, „die normativ mit dem originären Konzept der Bürgergesellschaft verknüpft sind“. (265) Bauer nennt Namen wie Liz Mohn, Werner Weidenfeld, Gunter Thielen, Heribert Meffert und Dieter H. Vogel und sorgt damit im Sinne der Bürgergesellschaft für Transparenz im Hinblick auf Interessen, Motive, Ziele, Strategien und Verflechtungen. Es ist wichtig, dass Bürger dies wissen.

Bauer versteht seinen Beitrag nicht zuletzt als Aufforderung, so sein Fazit, „das Wirken der Bertelsmann Stiftung und der von ihr finanziell abhängigen Centren (CAP, CHE, CKM) ebenso wie die Rolle der Bertelsmann-Medien und der anderen Unternehmenszweige des Konzerns wissenschaftlich zu untersuchen und den Einfluss des komplexen „Systems Bertelsmann“ auf die zivilgesellschaftliche Entwicklung kritisch zu verfolgen.“ (Bauer 2009: 288)

Fazit:
Der Sammelband „Bürgergesellschaft als Projekt“ beleuchtet das aktuelle Thema zivilgesellschaftlichen Engagements kritisch-kontrovers aus unterschiedlichen Blickwinkeln und regt durch die interdisziplinäre Sicht zu weiteren Forschungsaktivitäten an. Die Bestandsaufnahme ist anregend und kann zum Katalysator für neue zivilgesellschaftliche Aktivitäten werden. Sie trägt aber auch dazu bei, allzu hohe Erwartungen an die Bürgergesellschaft zu dämpfen.

© Armin König 2009

Zivilgesellschaft; politische Partizipation; bürgerschaftliches Engagement; Selbstbestimmung; Selbstorganisation; Solidarität; Kommunitarismus; soziale Gerechtigkeit

Siehe auch:

Armin König: Bürgergesellschaft – eine historische Chance? In: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-57198

Michael Haus (Hrsg.): Bürgergesellschaft, soziales Kapital und lokale Politik : Theoretische Analysen und empirische Befunde. Wiesbaden: VS.

Perspektiven in Zeiten der Krise

In Politikwissenschaft on April 5, 2009 at 9:54 pm

Stephan Bröchler / Hans-Joachim Lauth (Hrsg.)(2008): Politikwissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden. VS Verlag für Sozialwissenschaften. € 49,90.

Nein, dies ist kein populäres, marktgängiges Buch. Und doch wage ich die Behauptung: „Politikwissenschaftliche Perspektiven“, herausgegeben von Stephan Bröchler und Hans-Joachim Lauth, ist für Politikwissenschaftler ein echter Kauftipp. Renommierte Autoren wie Arthur Benz, Renate Mayntz, Susanne Lütz, Wolfgang Fach und Rolf Kreibich identifizieren gesellschaftlich relevante politische und politikwissenschaftliche Probleme und entwickeln Perspektiven für die künftige Forschung. „Politikwissenschaftliche Perspektiven“  bürstet Themen gegen den Strich, zeigt Entwicklungslinien auf, stellt Dogmen inFrage, problematisiert Trends und bleibt nicht dem Mainstream verhaftet. So wünscht man sich Politikwissenschaft. Da in Zeiten der Krise neue, fundamental andere Entwürfe gefragt sind, kommt diese Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Technik, Ökologie und Ökonomie gerade recht.

Den Anfang macht Rolf Kreibich, einer der seriösen deutschen Zukunftsforscher. Er grenzt die Zunft der internationalen Zukunftsforscher streng von pseudowissenschaftlichen Trendforschern ab. Sein Metier sind komplexe dynamische Prozesse, Entscheidungen und Handlungen.  Für Kreibich spielen in der Zukunftsforschung heutiger Tage vor allem „kommunikative, partizipative und gestaltende Elemente im Wissenschaftsprozess eine immer größere Rolle“ (11). Damit wird Zukunftsforschung praxisnah und kann Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als Frühwarnsystem dienen, zumal Kreibich zehn Megatrends identifiziert und auf diese Basis Anwendungsvorschläge macht, die sauber recherchiert und strategisch aufbereitet sind. 

Provozierend geht Wolfgang Fach an sein Thema Partizipation, das er unter das Motto „Mitwirkung als Mythos und Maschine“ gestellt hat. „Wenn sich die Politik-Abstinenz des kleinen Mannes heute nicht mehr so einfach  – mit Bier und Bockwurst – überwinden lässt, dann steckt dahinter eine epochale Entfremdung jenseits aller momentanen Überwindungskosten“ (58),  stellt Fach trocken fest. Er kommt zu der Erkenntnis, „dass fürs politische Engagement, einst der bevorzugte Zeitvertreib freier Bürger, schlicht keine Zeit mehr bleibt – am Ende ist Politik, selbst auf kleinster Flamme, einfach lästig“ (58). Ist das zu überwinden? Entdecken die Bürger irgendwann wieder die Lust am Wählen? Provokativ fragt Fach: „warum sollten sie eigentlich? Das „System“ jedenfalls kann mit dem Wenigen ganz gut leben; es ist sogar darauf angewiesen, dass der Wille zur Wahl keinen Intensitätsschub durchläuft und unversehens der Kür eine Kompetenz aufhalst, die sie nicht hat“. (59)

Fach zitiert Benjamin Constant und Albert O. Hirschmann (Engagement und Enttäuschung: über das Schwanken des Bürgers zwischen Privatwohl und Gemeinwohl), kommt auf John Rawls und die Gerechtigkeit, Luhmanns „Legitimation durch Verfahren“, um schließlich desillusioniert und desillusionierend festzustellen: „Man kommt um den Schluss nicht herum: ‚Mitwirkung‘ ist rundherum ein fauler Zauber, dessen Wirkung zudem immer mehr verblasst.“ (65)

Dann wollen wir doch diskutieren! Ich bin nämlich völlig anderer Meinung und habe auch völlig andere Erfahrungen gemacht. Aber es ist gut, dass einer so provoziert, wie sollen sonst Diskussionen und Debatten entstehen?!

Damit wären wir bei Steuerungskonzepten und Governance. Wer könnte dies besser diskutieren als Arthur Benz (Der Staat als politisches Projekt – eine theoretische Skizze), Renate Mayntz (Embedded Theorizing: Perspectives on Globalization and Global Governance) sowie Susanne Lütz (Governance in der vergleichenden politischen Ökonomie), die wichtigsten Protagonisten der Governance-Forschung?

Stephan Bröchler befasst sich mit der spannenden Frage, „wie technische Innovationen die die Gesellschaft eingebettet werden“  und verweist auf teils heftige Konflikte, etwa um Atomenergie und Gentechnik. Den Abschluss des Bandes bilden „Konflikte und Kooperationen in der Internationalen Politik“.

Selten sind Festschriften so produktiv. Georg Simonis darf sich freuen, dass seine Wissenschaftskollegen ihm zum 65. Geburtstag einen solch lesenswerten Band gewidmet haben.

 

(c) Armin König 2009

 

siehe auch: 

http://www.arminkoenig.de/Publik/AKREZ_Broechler_Perspektiven.pdf

Armin Königs Blog

Bedrohungen der Demokratie: Nüchterne Darstellung ohne Hysterie

In Politikwissenschaft on Februar 9, 2009 at 10:28 pm

André Brodocz, Marcus Llanque, Gary S. Schaal (Hrsg.): Bedrohungen der Demokratie. Wiesbaden 2008. VS Verlag für Sozialwissenschaften.  

Was ist dran an den „Bedrohungen der Demokratie“? Wie gefährlich sind sie für die Existenzfähigkeit einer Staats- und Regierungsform, die nach dem Fall der Mauer zunächst außer jeder Diskussion stand? Und warum ist die Demokratie seither stärker in Gefahr als zu Zeiten direkter äußerer Systemfeinde? Armin König, Bürgermeister und Verwaltungswissenschaftler, bespricht ein wichtiges politwissenschaftliches Buch. Es geht darin nicht um Panikmache, sondern um eine nüchterne Darstellung real existierender externer und systemimmanenter Gefahren, die wissenschaftlich sauber beschrieben werden. Das macht den besonderen Reiz dieses Sammelbandes aus.   

(c) Armin König 2009

Volltext der Rezension: Armin König: Rezension zu Bedrohungen der Demokratie (Brodocz et al.)