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Republik der freien Geister – Jena 1800 – Europa in Aufruhr, die Romantiker machen Revolution

In Geschichte, Politikwissenschaft on August 5, 2019 at 9:49 pm

Selten habe ich Philosophie-und Geistesgeschichte so brillant gelesen. Eine Epoche wird lebendig, eine „Republik der freien Geister“ mit Helden wie Goethe, Schiller, Dorothea, Friedrich, Wilhelm und Caroline Schlegel, mit Novalis und Brentano taucht vor unseren Augen auf und geht in den Wirren eines neuen Jahrhunderts wieder unter.
Das kleine Jena (5000 Einwohner) war eine Hochburg um 1800, ein pulsierendes intellektuelles Zentrum.

Peter Neumann schreibt süffig, journalistisch. Anmerkungen und Fußnoten (am Ende des Buchs zu finden) sind sparsam gesetzt, was das literarische Konsumieren erleichtert.

Man erfährt, dass der bunte Haufen der philosophierenden und schreibenden Helden nicht nur gesellschaftliche Traditionen in Frage stellt, sondern auch mit dem Blick auf das Individuum und die Natur zugleich auch unser Verständnis von Freiheit und Wirklichkeit revolutioniert – und das bis heute. Eine kantsche Revolution mit Nachwirkungen.

Nur manchmal gerät man als Leser oder Leserin ins Grübeln: Ist das nicht alles sehr dramatisiert und romantisiert, damit es sich für eine Verfilmung eignet.

Ach was: Es geht ja um die Romantiker, um Subjektivität und Individuum, da soll und muss es menscheln.

„Gemeinsam beobachten Hölderlin, Hegel und Schelling den Aufstieg zuerst der kantischen, dann der fichteschen Philosophie – und feiern ihn frenetisch. Genauso wie sie den Geist der französischen Revolution willkommen heißen“. (170)

Und dann einer der Kernsätze:

„Es geht ihnen nicht bloß um politische Freiheit oder Freiheit vom dogmatischen Zwang, die sich mit einem Schlag herstellen ließe. In einem viel umfassenderen Sinn begreifen sie Freiheit als einen unendlichen Prozess der Befreiung der menschlichen Gattung als solcher, eine ständige Herausforderung bestehender Beschränkun gen und Grenzen, auch der eigenen. Aufbruchsstimmung ist zu spüren.“ (170)

Ich will nicht verschweigen, dass eher unerfahrene Leser Schwierigkeiten mit dem Buch haben – oder falsche Erwartungen hatten, etwa, dass es um ein Jena-Buch mit Anekdoten aus 1800 gehe.

Nein, das ist es nicht. Man muss sich auf Politik und Literatur und Philosophie, auf Romantik und Aufbruch und Revolution einlassen.

Ich finde, Peter Neumann hat das außergewöhnlich gut umgesetzt. Mir hat es sehr gefallen.

Dr. Armin König