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Grubengold – ein neues Referenzwerk zur Geschichte der Steinkohle

In Geschichte, Kapitalismus, Sachbuch on Dezember 25, 2018 at 4:48 pm


Mit dem Ende des Bergbaus in Deutschland liegt eine beeindruckende Steinkohle-Monografie von Franz-Josef Brüggemeier aus dem C-H.Beck-Verlag vor. Es ist keine tümelnde Festschrift, auch kein Foto-Souvenir-Buch.
Franz-Josef Brüggemeier hat in elf souverän geschriebenen Kapiteln die faszinierende Geschichte der Kohle von den Anfängen und der industriellen Revolution bis zum Abschied und dem Bergbau-Erbe dargestellt. Das ist ein neues Referenzwerk, das unspektakulär daherkommt und in seiner Fülle doch spektakulär IST.
Brüggemeier lässt nichts aus: Weder Streiks noch Konflitke noch Umweltschäden. Er beleuchtet die Rolle des Energielieferanten Steinkohle bei der Rüstungsindustrie und der Vorbereitungen auf den Krieg bis hin zu Klassenkämpfen, Subventionierung, Rationalisierung und Ewigkeitslasten.
Ja, die Kohle war Wegbereiterin des Industriezeitalters.
Ja, die Kohle hat den Wohlstand der Nationen in Europa ebenso ermöglicht wie den Aufstieg der Industriekonzerne und der Waffenproduzenten
Franz-Josef Brüggemeier schreibt in „Grubengold“ über diese Ambivalenz.
„Kohle hat unsere Welt verändert, im Positiven wie im Negativen“.
„Lange stand die Kohle für Fortschritt und Wohlstand. Sie ermöglichte einen ungeahnten Produktivitätsschub und lieferte die Energie, um aus den vormodernen Produktionsweisen auszubrechen. Ohne die Kohle wäre die Industrielle Revolution nicht möglich gewesen. Mit ihrer Hilfe erreichten die europäischen Gesellschaften bis ins 20. Jahrhundert hinein ein zuvor ungeahntes Entwicklungsniveau. Doch hatte dieser kohlegetriebene Sprung in die Moderne auch seine dunklen Seiten: Die Kohle lieferte die Energie für zwei desaströse Weltkriege, und die Bedingungen ihres Abbaus unter Tage waren für die Gesundheit der Arbeiter verheerend. Schließlich läuteten die Umweltbelastungen durch die Steinkohleförderung den Anfang vom Ende des wichtigsten fossilen Energieträgers in der Geschichte der Menschheit ein.“ (Brüggemeier)
Und so ist diese beeindruckende Monografie (456 Seiten, umfangreiches Literaturverzeichnis, Tabellen) ein Parforceritt durch die Industriegeschichte und einen prägenden Teil unserer europäischen Sozialgeschichte. Brüggemeier hat ein neues Standardwerk geschrieben. Es sollte nicht nur in den Revierländern Saarland und NRW auf vielen Gabentischen liegen – gerade weil es keine melancholische Nostaligerevue ist.
Brüggemeier ist der richtige Autor. Er hat schon seine Dissertation zur Alltags- und Sozialgeschichte der Ruhrbergleute von 1889 bis 1919 geschrieben. Er ist Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte an der Universität Freiburg.

Dr. Armin König

Plädoyer wider die Verteufelung des Wachstums

In Wachstum, Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaft on Januar 15, 2011 at 11:46 pm

Karl-Heinz Paqué (2010): Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus. München: Hanser. ISBN: 978-3446423503. 19,90 €.

Ein kluger Liberaler schreibt wider die Verteufelung des Wachstums. Es ist der Ökonom Karl-Heinz Paqué. Er stammt aus dem Saarland, ist in Magdeburg Professor für Volkswirtschaftslehre und war Finanzminister in Sachsen-Anhalt. Paqué ist Mitglied des Konvents für Deutschland, und damit ist auch seine politisch-wirtschaftliche Richtung angegeben. Der Herbert-Giersch-Schüler ist ein überzeugter Liberaler.

In Zeiten, in denen Wachstum ins Fadenkreuz der Kritik geraten ist, sagt Paqué, das klassische Wachstums habe keineswegs ausgedient. Er will dies auch nicht im Zusammenhang mit dem in Deutschland zunehmend wichtigeren demographischen Wandel anerkennen. Paqué schreibt: „Es ist gerade nicht eine Politik des Verzichts auf Wachstum, die hilft, die Herausforderungen der Alterung der Gesellschaft zu meistern. Es ist vielmehr das Gegenteil: Die Mobilisierung der kreativen und produktiven Kräfte, um das Rentensystem fair und finanzierbar zu machen.“ (173)

Paqués Credo: „Wachstum verändert die Welt“. Und deshalb will der Professor für Volkswirtschaftslehre auch künftig auf Wachstum nicht verzichten. Deutschland und Europa brauchten Wachstum. Auch in der globalen Wirtschafts-, Finanz- und Entwicklungspolitik sei Wachstum nach wie vor ein Motor des Fortschritts – trotz der Suffizienzdiskussionen beim Klimaschutz. Dass es um ganz große Fragen der Menschheit geht, ist auch für Paqué unbestritten. Er kommt aber zu anderen Schlüssen als die Wachstumskritiker. Das ist legitim. Was wäre das für eine Wissenschaft, die nur einer Meinung huldigt?!

Paqué leistet sich in Zeiten der Systemkritik eine eigene Meinung. Unaufgeregt serviert er schlüssige und stichhaltige Argumente. Das gefällt mir. Ich akzeptiere sein Ziel, Wachstum zu rehabilitieren. Damit ist er in guter Gesellschaft mit Roman Herzog.

Was mir allerdings nicht gefällt, ist die Behauptung, klassisches Wachstum sei in Deutschland und Europa der einzige Weg, um Lebensqualität und soziale Sicherheit auf Dauer zu gewährleisten. Das ist objektiv falsch. Auch Paqués Argumentation zum Klimawandel steht auf tönernen Füßen. Seine Analysen internationaler Politik, sein Beurteilung der Schwellenländer ist aber absolut schlüssig.

Womöglich brauchen wir ein anderes Wachstum, wie es Lord Nicholas Stern empfiehlt. Das alte, Ressourcen gnadenlos verfeuernde Wachstum ist tatsächlich an seine Grenzen gestoßen. Ich meine, es hat auch keine Zukunft.

Paqué hat Recht: Am Ende ist es eine Bewertungsfrage von erheblicher Dimension, wie wir den Wert des Wachstums einschätzen. Das aber ist eine hoch politische Frage, vielleicht sogar eine ideologische. Kreativ und produktiv kann man auch ohne Wachstum sein, gerade in Schrumpfungszeiten oder Schrumpfungsregionen. Darüber möchte ich mit Herrn Paqué gern diskutieren. Es könnte eine spannende Debatte werden.

Armin König

Mehr Mut Kanzlerin – trauen Sie den Bürgern etwas zu!

In Politikwissenschaft on Januar 1, 2010 at 10:15 am

Uwe Jean Heuser (2009): Was aus Deutschland werden soll : Der Auftrag an die Wirtschaftspolitik. Frankfurt/M.: Campus. ISBN 978-3-593-39068-0. 16,90 €.

Rezensiert von Armin König

Regiert da jemand in Berlin? Die Zaghaftigkeit der schwarz-gelben Wunschkoalition irritiert zunehmend die Öffentlichkeit. Hier setzt Uwe Jean Heuser an, der Chef der Wirtschaftsredaktion der ZEIT. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Wirtschaftsjournalisten und ist ein profunder Kenner der deutschen Innenpolitik. Mit seiner Reformwerkstatt hat er vor rund zehn Jahren in der ZEIT den Blick auf neue Möglichkeiten in Politik, Verwaltung und Wirtschaft gelenkt. Damals entschied sich Gerhard Schröder, mit ruhiger Hand zu regieren, obwohl rundum Krise herrschte. Jetzt ist wieder Krise, und wieder bleibt im Kanzleramt die Hand allzu ruhig. Sie gestaltet zu wenig. Dabei könnte sie es. Trauen Sie den Bürgern etwas zu, schlägt Heuser der Kanzlerin vor. Dann sieht er Aussichten auf eine effizientere, grünere und gerechtere Gesellschaft.

“Dieses Buch ist eine Aufforderung an Angela Merkel und die ihren, radikal zu sein. Radikal im Bemühen, Banken zu zähmen und Unternehmer zu befreien, radikal im Kampf für mehr Arbeit und mehr Fairness, radikal im Ringen um die Klimawende.” (8) Resolut und pragmatisch soll die Kanzlerin handeln. Doch damit hat sie nicht immer die besten Erfahrungen gemacht. Und so stellt Heuser fest, dass ich die Politik vor dem Wähler fürchte, spätestens seit der Bundestagswahl 2005, als Angela Merkel wie die sichere Siegerin aussah und sich dann durchs Ziel zitterte. Die Union war enttäuscht über die Kanzlerin und ihre Ehrlichkeit, aber auch enttäuscht über die undankbaren Wähler, die Ehrlichkeit nicht honorierten.

Einspruch, sagt Heuser, denn “so einfach sind die Bürger nicht gestrickt. Hinter der Opposition gegen höhere Steuern oder geringere Leistungen steht vor allem Misstrauen. Die Bürger wäre viel eher bereit, ihren Obolus zu leisten, wenn sie glaubten, dass ale anderen es auch müssen.” (24) Genau dieses Vertrauen sei aber nicht mehr vorhanden. “Wer wollte es den Leuten verdenken angesichts der Willfährigkeit (oder Schusseligkeit), mit der die Regierung manchmal bestimmten Interessen dient. Wer mag beispielsweise mitmachen bei einer Ökosteuer, von der die größten Kohlendioxid-Sünder ausgenommen sind? Oder wer soll eine Steuerreform wie die vom Jahr 2000 für gerecht halten, in deren Folge viele Unternehmen jahrelang gar keine Steuern mehr entrichten und Städte und Gemeinden dadurch in Geldnot geraten?” (24)

Heuser analysiert treffend. Er belegt empirisch, dass die Deutschen in der Krise nicht das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft verloren haben – im Gegenteil. Denn so schlecht haben Merkel und Steinbrück ja gar nicht reagiert in der Krise. Aber noch sind wir mittendrin in der Krise, wie die Kanzlerin zum Jahreswechsel 2009/2010 feststellte – eine ideale Gelegenheit, mutig neue Wege zu gehen. Dabei ist ein Dreilang zu beachten: Fairness, Nachhaltigkeit und Wirtschaftserfolg.

Das heißt: scharfe Regeln für die Banken, auch auf die Gefahr hin, dass sie aufheulen, Freiheit für Gründer, die mit neuen Ideen auf den Markt gehen und Vorfahrt für Klimaschutz und grüne Energien. Und über allem muss Gerechtigkeit stehen – im Sinne von Fairness, “ein in diesem Land extrem wichtiger Wert”. (27) Es komme jetzt darauf an, “im Einklang mit der Zukunft zu leben – erstens in der Umwelt, zweitens finanziell durch Geldwertstabilität und handhabbare Staatsschulden.” (27)

Heuser predigt nicht wie andere Schuldenabbau um jeden Preis. Dann wäre auch die Finanzkrise nicht gemanagt worden.

Die Deutschen sind schon jetzt gut, sagt Heuser, etwa beim Klimaschutz. Also sollten sie ihren Vorsprung nutzen. Und sie sollten aufhöre, nur die Autoindustrie zu hätscheln, weil sie nicht die Industrie der Zukunft sei.

Konsequenterweise heißt dies: Deutschland muss ich neu erfinden und umbauen.

Und noch einen Tipp gibt Heuser der Kanzlerin mit: “Es muss nicht alles global sein”. Die Europäer sollten sich auf ihre Stärken und ihre Kultur besinnen und eigene innovative Lösungen auf den Weg bringen.

Uwe Heuser legt zukunftsweisende Vorschläge für eine Kurskorrektur in Deutschland vor: erleichtern den Gründern das Unternehmertum, nehmt die Banken an die Leine, regiert grüner und lebt Nachhaltigkeit vor, habt Mut und traut den Bürgern etwas zu – und seid gerecht. Kein schlechtes Rezept für ein Land in der Krise, das enormes Potenzial hat. Die Regierung muss es nur nutzen.

(c) 2010 Armin König

Die Geburt des Post-Kapitalismus – Willkommen im 21. Jahrhundert mit Akerlof und Shiller

In Politikwissenschaft on April 27, 2009 at 10:10 pm

George A. Akerlof / Robert J. Shiller (2009): animal spirits : Wie Wirtschaft wirklich funktioniert. Frankfurt: Campus-Verlag. 24,90 €

Kaum ein anderes Wirtschaftsbuch hat in jüngster Zeit so viele Reaktionen ausgelöst: „animal spirits“ von George A. Akerlof und Robert J. Shiller ist eines der wichtigsten Bücher dieses Frühjahrs – meinungsfreudig, unkonventionell, provozierend. Die beiden Ökonomieprofessoren wollen mit Hilfe der „Behavioral Economics“ erklären, „wie Wirtschaft wirklich funktioniert“. Das ist ein hoher Anspruch. In wesentlichen Feldern lösen sie ihn auch ein, und damit widerspreche ich ausdrücklich Rezensenten, die dem Buch Defizite attestieren.

Akerlof und Shiller sagen: Wirtschaft funktioniert instinktgesteuert, nicht rational. Man erzählt uns Geschichten.(246) Aber diese epistemische Rationalisierung ist nicht die Wahrheit. Es ist eine Fiktion. Vergessen wir also all die klugen Erklärungen für das tägliche Auf und Ab an den Börsen. Vergessen wir auch die Analysten. Wenn es ernst wird, liegen sie kläglich falsch. Wirtschaft ist keine empirische Wissenschaft, sondern höchst subjektiv und zufallsabhängig. Herdentriebe sind stärker als Rationalität.

Die beiden Neo-Keynesianer erklären, „inwiefern mangelndes Wissen über die grundlegenden Funktionsweise der Wirtschaft zu gegenwärtigen Desaster geführt hat“ (13). Gleichzeitig lasten sie den Zusammenbruch der Kreditmärkte und den Kollaps der Realwirtschaft massiven Vertrauensbrüchen und korruptem Verhalten eines unfairen, gierigen, arglistigen Managertypus an, der im Lauf der letzten Jahre immer mehr an Einfluss in einer globalisierten Wirtschaft gewonnen hat.

Nachdem die prominenten Ökonomieprofessoren die Rolle der Geldmarktpolitik, der Zentralbanken und des Staates neu im Sinne der „animal spirits“ erläutert haben, plädieren sie für einen aktiven Staat, der reguliert. Das verwundert nicht, da der Begriff animal spirits vor allem von Keynes forciert worden war.

Kritisch nehmen sie das System ins Visier, weil der Kapitalismus den Menschen „nicht nur das, was sie wirklich wollen“ (246) verkauft, sondern auch Dinge, „von denen sie lediglich glauben, sie zu brauchen. Diese Eigenschaft führt insbesondere in den Finanzmärkten zu Exzessen und zu Liquiditätskrisen, die die gesamte Wirtschaft in Bedrängnis bringen.“ (246)

Sie verlangen, dass der Staat die Spielregeln definiert und dafür sorgt, dass „die Animal Spirits zum Wohl des größeren Ganzen gezügelt und kreativ genutzt werden können“. (246) Ganz im Sinne von Keynes widersprechen sie der vor allem von Milton Friedman vertretenen Meinung, „dass die Wirtschaft zur gesetzesfreien Zone erklärt werden, es so wenig Regierung wie möglich geben und der Staat sich bei der Bestimmung der Regeln auf die kleinste denkbare Nebenrolle beschränken sollte.“ (246)

Sie widerlegen die Auffassung, dass Menschen rational entscheiden und belegen, dass wirtschaftliche Abläufe „von Geschichten angetrieben werden…, die die Menschen sich selbst ausmalen, die sie anderen über sich, über Dritte und selbst über die Wirtschaft als Ganze erzählen.“ (246)

Es ist eine schöne und schlüssige Theorie. Vor diesem Hintergrund empfehlen sie dem Staat, einzugreifen und Pflöcke einzuschlagen. Derzeit bleibt wohl auch keine andere Wahl. „Verzichtet die Regierung auf wirtschaftspolitische Eingriffe, so riskiert sie massive Schwankungen der Beschäftigung. Und die Finanzmärkte werden von Zeit zu Zeit immer von neuem im Chaos versinken.“ (247)

Das ist eine radikale Abkehr von einer turbokapitalistischen Politik, wie sie Ronald Reagan, Margaret Thatcher, George Bush und George W. Bush vertreten haben.

Willkommen im 21. Jahrhundert. Wir erleben die Geburt eines neuen Zeitalters – des Postkapitalismus.

(c) Armin König April 2009