Fiona Sironic
»Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft«.
Hamburg: Ecco Verlag 2023
rezensiert von Sigrid König (2026)
Nein, dies ist kein Aufruf zur Anarchie und auch keine Verharmlosung von Brandstiftungen. Dies ist eine Buchkritik, die sich mit einem spektakulär politischen Roman auseinandersetzt. Der trägt den sprechenden Titel »Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft«.
Es ist ein fulminantes dystopisches Buch – und leider so realistisch.
Es brennt. In den Wäldern und auf den Screens. Die 15-jährige Era lebt mit ihrer Mutter am Waldrand und versucht dem schleichenden Prozess der Zerstörung etwas entgegenzusetzen, indem sie das Aussterben der Vögel dokumentiert. Das ist die Ausgangslage.
Oder um es mit den Worten der Jury des Deutschen Buchpreises zu sagen:
»Fiona Sironic erzählt in ihrem Debüt von einer Jugend, die im Gefühl lebt, wenig Zeit zu haben. Die Arten sterben, die Natur glüht, das Internet gibt Takte der Kommunikation vor. Die Mädchen, deren Liebesgeschichte den Roman bewegt, leben im doppelten Aufstand: gegen die Verwüstung der Welt durch ökologischen Raubbau und durch „Mommyinfluencerinnen“. Ihre Wut gilt beidem, der nächsten Zukunft und der Vereinnahmung ihres Alltags durch soziale Medien. Unruhig, einfallsreich, konfliktfreudig und komisch hält uns dieses Buch durch seine Geistesgegenwart bis zur letzten Seite in Atem.«
Mich hat schon lange kein Buch mehr so bewegt wie dieses.
Während die Welt heißer wird und brennt, versucht sie, wenigstens ihre Spuren festzuhalten. Maja, die Tochter zweier Momfluencerinnen, reagiert anders: Gemeinsam mit ihrer Schwester Merle sprengt sie Festplatten auf einer Lichtung. Sie will die Bilder und Daten einer Kindheit vernichten, die längst anderen gehört.
Darin liegt eine der stärksten Ideen dieses Romans. Die Zerstörung des Waldes und die digitale Preisgabe des Privaten sind keine getrennten Themen. Beides handelt von Verlust: von Lebensräumen, Rückzugsmöglichkeiten, Erinnerungen und dem Recht, nicht dauernd sichtbar und verwertbar zu sein.
Era und Maja verbindet ihre Suche nach Nähe und nach etwas, das nicht als Content endet. Ihre Liebesgeschichte steht unter dem Zeichen der bedrohten Natur, ohne zur bloßen Metapher zu werden. Während die Turteltaube ausstirbt und ein Waldbrand den vertrauten Ort der Mädchen vernichtet, entsteht zwischen ihnen eine vorsichtige, intensive Beziehung. Doch ein Happy End gibt es nicht. Ohne zu spoilern, kann ich dies verraten.
Wie soll man auch in dieser Welt mit ihren Katastropen ein Happy End erfinden?
Sironic findet für diese Welt eine Sprache, die schnell, genau und überraschend komisch ist. Sie kann poetisch werden, sie beschreibt digitale und ökologische Zumutungen, Der Roman hat Tempo, aber auch Sinn für Details: für Körper, Hitze, Rauch, Bilder, Geräusche und die seltsame Gewalt des Internets.
Die Brüche, Perspektivwechsel und Verdichtungen folgen einer Gegenwart, die nicht mehr linear erlebt wird. Das wirkt chaotisch wie die Welt um uns. Streams, Notizen, Katastrophennachrichten, familiäre Konflikte und Liebesgeschichte laufen ineinander. Daraus entsteht trotz allem ein präzises Bild einer Jugend, die viel weiß und zu wenig verändern kann.