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Veit Selks Demokratiedämmerung – ein Weckruf

In Politikwissenschaft on Juli 8, 2026 at 10:41 am

Veit Selk

Demokratiedämmerung

Eine Kritik der Demokratietheorie

Berlin: Suhrkamp

suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2417

 

Eine Rezension von Sigrid König

Veith Selks »Demokratiedämmerung – Eine Kritik der Demokratietheorie« ist eine radikale Intervention in die Debatte über die Krise der liberalen Demokratie. Sie ist alarmierend, und sie trifft weitgehend zu. Der Politikwissenschaftler diagnostiziert in seiner Habilitationsschrift institutionelle Schwächen, populistische Angriffe und einen vorübergehenden Vertrauensverlust. Seine weitergehende These lautet: Demokratische Selbstregierung verliere unter den Bedingungen fortgeschrittener Gesellschaften dauerhaft an Plausibilität und Leistungsfähigkeit. Der Niedergang sei eine Folge gesellschaftlicher Fortentwicklung.
Selk analysiert zahlreiche Symptome demokratischer Überforderung: politische Komplexität, soziale Ungleichheit, die Macht nichtgewählter Akteure, geringe Zurechenbarkeit politischer Entscheidungen und die wachsende Kluft zwischen formaler Gleichheit und ungleicher realer Beteiligung.
Das ist der große, provokante und intellektuell ambitionierte Zugriff dieses Buches: Die Fortentwicklung der modernen Gesellschaft selbst erzeuge entdemokratisierende Wirkungen. Politisierung, soziale und institutionelle Differenzierung, wachsende Komplexität, ungleiche Verteilung politischer Kompetenz und das Ende des demokratischen Kapitalismus bildeten, so Selk, eine Konstellation, in der demokratische Selbstregierung zunehmend unwahrscheinlich werde. Der Fortschritt, der lange als Verbündeter der Demokratie galt, verwandelt sich bei ihm in deren Totengräber.
Diese Diagnose hat Wucht. Sie trifft auf Erfahrungen, die viele Leserinnen und Leser teilen dürften: Politik erscheint unübersichtlich, Verantwortlichkeiten verschwimmen zwischen Regierungen, Verwaltungen, Gerichten, Märkten, supranationalen Institutionen und Plattformen. Demokratische Verfahren wirken langsam, während Krisen schnelle Entscheidungen verlangen. Soziale Ungleichheit beschädigt die Vorstellung gleicher politischer Teilhabe. Populistische Bewegungen profitieren von dieser Lage, ohne eine überzeugende Antwort auf ihre Ursachen zu geben.
Überzeugend ist auch Selks Kritik an den gängigen Ersatzmodellen. Populismus, Expertokratie und partizipative Governance erscheinen bei ihm nicht als Lösungen, sondern als unterschiedliche Reaktionen auf demokratische Defizite. Der Populismus vereinfacht Pluralität zur Fiktion eines einheitlichen Volkes; Expertokratie relativiert politische Gleichheit zugunsten sachlicher Kompetenz; partizipative Verfahren können unter Bedingungen sozialer Ungleichheit diejenigen privilegieren, die Zeit, Bildung, Netzwerke und institutionelle Sicherheit besitzen.
Überzeugend ist ebenfalls, dass Selk die „Bruchstellen der Demokratie“ (Selk, 83) nicht als bloße Betriebsunfälle behandelt. Zu lange, so seine plausible Kritik, wurden soziale Ungleichheit, politische Exklusion, die asymmetrische Verteilung von Zeit, Bildung und Einfluss sowie die begrenzte Fähigkeit demokratischer Institutionen, hochkomplexe Probleme zu bearbeiten, unter Schlagworten wie Krise, Reformbedarf oder Resilienz abgelegt.
Schlüssig ist ferner seine Feststellung, dass „sowohl das sozialdemokratische als auch das neoliberale Modell des demokratischen Kapitalismus in der Krise“ seien (S. 15). Das sozialdemokratische Modell verlor mit der Erosion stabiler Arbeitsverhältnisse, gewerkschaftlicher Milieus und finanzierbarer Ausbauperspektiven an Grundlage. Das neoliberale Modell wiederum hat Ungleichheit, Privatisierung, politische Entmachtung und eine Schwächung öffentlicher Güter nicht nur hingenommen, sondern vielfach verschärft. Beiden Modellen fehlt damit die Fähigkeit, ökonomische Dynamik, soziale Sicherheit und politische Gleichheit dauerhaft miteinander zu verbinden.
Auch Selks Deutung des Populismus als „retrograde Revolte“ überzeugt (S. 92). Der Populismus reagiert auf reale Erfahrungen von Kontrollverlust, Repräsentationslücken und sozialer Missachtung. Seine Antwort bleibt jedoch rückwärtsgewandt: Er verspricht die Wiederherstellung einer homogenen politischen Gemeinschaft, personalisiert komplexe Konflikte und ersetzt demokratische Vermittlung durch die Fiktion eines unmittelbar erkennbaren Volkswillens. Gerade darin liegt seine vermeintliche Attraktivität – und seine demokratiepolitische Gefahr.
Fraglich wird Selks Argument dort, wo aus der berechtigten Kritik an der Machtlosigkeit der Demokratietheorie eine weitreichende historische Enddiagnose wird. Dass die Wissenschaft die Komplexität moderner Gesellschaften bislang unzureichend verarbeitet hat, beweist noch nicht, dass demokratische Selbstregierung prinzipiell unmöglich geworden ist. Die begriffliche und institutionelle Überforderung kann ebenso ein Arbeitsauftrag sein: für eine Politikwissenschaft, die Machtverhältnisse, digitale Öffentlichkeiten, transnationale Abhängigkeiten, ökologische Grenzen und soziale Ungleichheit systematischer verbindet, statt sie als Einzelfelder zu behandeln.
Selk bündelt sehr unterschiedliche Phänomene zu einer Logik der „Devolution“. Das macht seine Diagnose geschlossen, birgt aber die Gefahr, politische Kontingenz zu unterschätzen. Ungleichheit, kommunale Schwäche, der Einfluss digitaler Plattformen oder die Aushöhlung öffentlicher Infrastruktur sind nicht nur Folgen abstrakter Modernisierung. Sie sind Resultate konkreter politischer Entscheidungen: Deregulierung, Sparpolitik, Privatisierung, unterlassene Medienregulierung und die Verschiebung von Risiken auf Einzelne. Was politisch entschieden wurde, kann – zumindest teilweise – auch politisch korrigiert werden.
Zudem droht Selks Perspektive die demokratischen Gegenkräfte zu klein zu schreiben. Die Ausweitung rechtlicher Gleichheit, die Sichtbarkeit von Diskriminierung, neue soziale Bewegungen, kommunale Initiativen und transnationale Formen zivilgesellschaftlicher Organisation widerlegen die Krisendiagnose nicht. Sie zeigen aber, dass Modernisierung nicht nur Entdemokratisierung hervorbringt. Sie schafft auch neue Ansprüche auf Teilhabe, Anerkennung und Kontrolle.
Selks Pessimismus bleibt dennoch notwendig, weil er die bequeme Rede von der demokratischen „Resilienz“ stört.
Demokratiedämmerung ist deshalb als Kritik einer zu selbstgewissen Demokratietheorie besonders überzeugend. Weniger überzeugend ist das Buch dort, wo es aus der Schwäche gegenwärtiger Demokratie und ihrer Wissenschaft bereits deren historische Erledigung ableitet.

(2026)

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